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Pausen schaffen Mehrwert Jede Stunde mal abschalten!

Auch so kann die Fünf-Minuten-Pause aussehen. Jede Stunde wieder.

Auch so kann die Fünf-Minuten-Pause aussehen. Jede Stunde wieder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn wir im Job auf gute Leistung aus sind, müssen wir uns ins Zeug legen. Aber verausgaben sollten wir uns nicht, denn dann haben Ideen und Kreativität keine Chance. Wer jede Stunde fünf Minuten an was anderes als an die Arbeit denkt, senkt nicht nur den Stresspegel, er steigert auch noch seine Leistung. Wirtschaftspsychologe Rainer Wieland von der Bergischen Universität Wuppertal spricht bei n-tv.de über das Nichtstun, erfolgreiches Arbeiten und eine gesunde und effiziente Pausenkultur.

n-tv.de: Herr Prof. Wieland, kann man durch Nichtstun zum Ziel kommen?

Rainer Wieland: Natürlich kann man das, wenn man das Nichtstun einbindet in die "Work-Life-Balance" oder den Arbeits-Erholungs-Zyklus. Dann gehört das Nichtstun zur Erholung bzw. Freizeit. So kann es eine sehr ressourcenfördernde oder stressabbauende Strategie sein.

Fördert Nichtstun die Kreativität? Sollten wir uns nicht viel häufiger auch während der Arbeit mal entspannt zurücklehnen?

Zunächst gilt: Ohne Fleiß kein Preis. Wenn wir auf gute Leistung aus sind, müssen wir unsere Ressourcen fordern. Aber auspowern sollten wir uns nicht. Um entspannt gute Gedanken zu entwickeln und kreativ zu sein, ist es wichtig, in der Arbeitszeit erfolgreich zu sein und sich nicht komplett zu verausgaben. Wer sich verausgabt, braucht die Erholungszeit dafür, überhaupt erstmal wieder zu Kräften zu kommen. Für Ideen reicht die Regeneration dann noch nicht aus.

Wie arbeitet man denn am besten erfolgreich?

Eine wichtige Voraussetzung ist die Motivation. Und die wiederum hängt ganz wesentlich von der Gestaltung der Arbeitsaufgabe und den Arbeitsbedingungen ab. Um erfolgreich arbeiten zu können, brauchen die Mitarbeiter Entscheidungs- und Handlungsspielräume. Außerdem braucht das Unternehmen eine spezifische Fehlerkultur. Fehler, die aus kreativen Gedanken entstehen, müssen toleriert werden.

Angenommen, wir arbeiten – ganz motiviert – acht Stunden am Tag. Wie viele Pausen sollten wir machen? Wie lang sollten die sein?

Kurze Pausen sind effektiver als lange Pausen. Man sollte also häufiger Pausen machen. Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Berg hochgehen und Ihnen wird gesagt, dass Sie auf der Hälfte des Berges eine Pause haben. Dann werden Sie die erste Hälfte relativ zügig hochgehen, weil Sie wissen, dass Sie sich dann ausruhen können. Haben Sie diese Pause nicht, kann das dazu führen, dass Sie insgesamt relativ langsam gehen – weil Sie die große Anstrengung vor sich sehen. So ähnlich kann man sich auch einen Arbeitstag vorstellen. Das ist das eine. Das andere ist, dass sich verbrauchte Ressourcen im Kurzpausen-System schneller regenerieren. Dafür braucht man allerdings eine spezielle Pausenkultur. Pausen müssen im Unternehmen als sinnvolle Maßnahme angesehen werden und nicht etwa als Drückebergertum.

"Pausen müssen im Unternehmen als sinnvolle Maßnahme angesehen werden und nicht etwa als Drückebergertum."

"Pausen müssen im Unternehmen als sinnvolle Maßnahme angesehen werden und nicht etwa als Drückebergertum."

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Wie kurz sind die kurzen Pausen, von denen Sie sprechen?

Das können fünf Minuten sein, und die dann jede Stunde oder alle anderthalb Stunden. Die fünf Minuten reichen, wenn Sie sich wirklich mental von ihrer Arbeitstätigkeit abwenden und sich auf etwas anderes fokussieren.

Das klingt nach einer Herausforderung. Muss man das nicht erstmal üben, die Aufmerksamkeit so schnell und konsequent auf etwas anderes zu richten?

Sehr wohl. Aber man kann es tatsächlich lernen.

Was kann noch zu einer guten Pausenkultur gehören?

Wir haben in einigen Unternehmen einen "silent room" eingerichtet, eine sehr effektive Maßnahme. Das ist ein abschließbarer Raum, in den sich die Mitarbeiter zurückziehen können. In der Mittagspause oder über den Tag verteilt können sich die Beschäftigten dort hinlegen, Entspannungsübungen, Autogenes Training oder Traumreisen machen.

Inwiefern profitieren Unternehmen davon?

Die Ergebnisse sind frappierend. Wir konnten zeigen, dass bei den Mitarbeitern Stresshormone reduziert werden - auch im Alltag, außerhalb der Arbeit. Ihr subjektives Befinden verbessert sich, und tatsächlich verbessert sich auch die Leistung.

Wie lang ist der Aufenthalt im "silent room"?

20 Minuten. Da muss der Arbeitgeber mitspielen, indem er jedem Mitarbeiter zehn Minuten unbezahlte Pause gewährt. Es lohnt sich, das zu tun.

Stoßen Sie mit solchen Konzepten bei Arbeitgebern auf offene Ohren?

Prof. Dr. Rainer Wieland ist Wirtschaftspsychologe an der Bergischen Universität Wuppertal und hat den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie inne. Eines seiner Ziele ist, die Pausen- und Erholungskultur in Unternehmen zu fördern.

Prof. Dr. Rainer Wieland ist Wirtschaftspsychologe an der Bergischen Universität Wuppertal und hat den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie inne. Eines seiner Ziele ist, die Pausen- und Erholungskultur in Unternehmen zu fördern.

(Foto: Bergische Universität Wuppertal / R. Wieland)

Noch ist es schwierig, so ein Konzept umzusetzen. Viele denken, der Rückzug ihrer Mitarbeiter in einen "silent room" wäre verlorene Zeit. Das ist er aber nicht. Die Beschäftigten haben die guten Erholungseffekte, die sich positiv auf ihre Leistung auswirken, und zusätzlich sind sie motiviert, weil sie sehen, dass sich das Unternehmen um sie kümmert und etwas für sie tut.

Wie sollten wir denn unseren Feierabend gestalten, um bestmöglich zu regenerieren?

Wer abends nach Hause kommt und gleich hektisch ins Fitness-Studio geht, steht wieder unter einer relativ starken Anspannung. Man sollte sich eher eine Zeit gönnen, in der man sich wirklich auf sich selbst besinnt und dabei zum Beispiel spazieren geht. Das wäre ideal.

Wird dabei nicht vielen ganz schnell ganz langweilig?

Menschen, die ständig unter Strom stehen, halten so eine Art der Entspannung tatsächlich gar nicht oder nur sehr schwer aus.

Und wie lässt sich deren Stresspegel senken?

Da gibt es zwei Ebenen. Die eine Seite ist: Was kann das Unternehmen tun? Es kann zum Beispiel spezifische Leitsätze aufstellen, die Pausen und Entspannung als wichtigen Punkt aufnehmen. Zum Beispiel in Richtung von "Erholung kann auch Mehrwert schaffen!" - Wenn Pausen in der Unternehmenskultur verankert sind, bekommen die Menschen mal eine Idee davon, dass Erholung durchaus eine wertgeschätzte Verhaltensweise ist. Die zweite Seite ist die individuelle. Pausen und Erholung sollte jeder für sich ernst nehmen, übrigens auch im familiären Kontext.

Der ideale Feierabend: Spazieren und sich auf sich selbst besinnen.

Der ideale Feierabend: Spazieren und sich auf sich selbst besinnen.

(Foto: dpa)

Ist die Botschaft denn in den Unternehmen schon angekommen?

Ich glaube, die Arbeits- und Organisationspsychologie kann hier gute Hilfestellung leisten. Wir richten uns mit einem Weiterbildungsstudiengang per Fernstudium an Interessierte, die seit mindestens zwei Jahren in der Wirtschaft tätig sind. Der Studiengang wird gut angenommen, oft von Führungskräften. Die sind natürlich Multiplikatoren, um die neuen Konzepte und Ideen in die Praxis umzusetzen. So lässt sich eine Veränderung in Gang bringen.

Mit Rainer Wieland sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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