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Warten auf die Therapie Erste Hilfe bei Fressattacken

Wer mindestens zwei mal pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten unkontrollierte Essanfälle hat, leidet unter Binge-Eating.

Wer mindestens zwei mal pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten unkontrollierte Essanfälle hat, leidet unter Binge-Eating.

(Foto: REUTERS)

Jahrelang schlingt Jana Crämer in kürzester Zeit Tausende Kalorien in sich hinein. Dass die 35-Jährige unter einer Binge-Eating-Störung leidet, will sie bis zuletzt nicht wahrhaben. Eine Therapie kommt lange nicht infrage. Bis sie auf ein Startup stößt.

Eine Jumbo-Pizza, zwei große Becher Eis, mehrere Tüten Chips und Gummibärchen. Es gab Zeiten, in denen Jana Crämer in wenigen Minuten bis zu 12.000 Kalorien in sich hineinstopfte. Wiederkehrende Heißhungerattacken bestimmten lange Zeit ihr Leben. Für das Krankheitsbild Binge-Eating typisch: Betroffene leiden unter absolutem Kontrollverlust. Anders als bei Bulimie-Kranken erbrechen sie sich nach ihren Anfällen nicht - doch bei Crämer wechseln sich die Symptome ab.

"Seit ich denken kann, war ich dicker als die anderen", sagt die 35-Jährige n-tv.de. In Kleidung aus dem Otto- oder Quelle-Katalog habe sie seit der 5. Klasse nicht mehr gepasst. Ihre erste Diät machte sie mit 12 Jahren. Schon während Crämer zur Schule ging, wurde bei ihr eine atypische Bulimie diagnostiziert. Wie viele andere, die an einer Binge-Eating-Störung leiden, schlitterte auch Crämer nach ihren Attacken oft von einer Crash-Diät in die nächste. "Mein Leben spielte sich zwischen hungern, fressen und kotzen ab", sagt sie.

Bis sich Crämer professionelle Hilfe bei einem Therapeuten und dem Online-Therapieportal Selfapy gesucht hat, vergingen Jahre. Als Musikmanagerin war sie immer viel unterwegs. Während die Band nach den Auftritten unten im Nightliner feierte, lag Crämer oben in der Koje und schaufelte heimlich das Essen vom Caterer in sich hinein. Erst als sie 2014 bei einer Größe von 1,68 Meter schließlich 170 Kilo wog, fasste sie den Mut, ihrer Krankheit den Kampf anzusagen. Sie brachte ihr erstes Buch heraus. Wenig später folgte ein Blog. "Seitdem werde ich öffentlich gesund", sagt sie. In dieser Zeit entdeckte sie auch das Portal Selfapy.

Crämer ist nicht allein

Der Name setzt sich aus den beiden englischen Wörtern "self" und "therapy" zusammen und lässt sich mit "Selbsttherapie" übersetzen. Die drei Gründerinnen des Startups wollen mit ihrem Angebot keine konventionelle Psychotherapie oder Therapeuten ersetzen. Wer die Möglichkeit habe, einen Spezialisten zu sehen und offen dafür sei, solle das machen, sagen sie. Als die Frauen das Portal vor zwei Jahren gründeten, ging es ihnen um die kritische Zeit vor einer Behandlung. Schließlich sind in Deutschland Wartezeiten von bis zu drei Monaten auf einen Therapieplatz keine Seltenheit. Das Angebot kommt an: Inzwischen haben rund 5000 Menschen die Kurse von Selfapy absolviert, mehr als 20 Psychologen arbeiten für das Startup aus Berlin.

Schritt für Schritt lernen die Teilnehmer in interaktiven Wochenmodulen nicht nur, welche Ursachen und Auslöser ihre Krankheit hat, sondern können Essprotokolle erstellen und Techniken erlernen, die ihnen langfristig den Alltag erleichtern. Das Programm ist auf drei Monate angelegt und kostet insgesamt knapp 255 Euro. Das ist es Crämer wert. "Meine ganzen Fressflashs sind schließlich auch nie besonders günstig gewesen", sagt sie.

Zusätzlich zu den Übungen telefoniert sie jetzt einmal die Woche für knapp 30 Minuten mit ihrem persönlichen Selfapy-Psychologen. Ihr Gewicht schwankt heute zwischen 85 und 95 Kilo. Geheilt ist sie nicht. "Es gibt immer noch Phasen, in denen mich mein Leben aus der Bahn wirft. Dafür braucht es aber wesentlich mehr als früher." Eine Therapie hat sie erst im vergangenen November begonnen - drei Jahre nachdem sie sich Freunden und Familie offenbarte. Als Ergänzung zu ihrer tiefenpsychologischen Therapie funktioniert der Online-Kurs für Crämer gut.

Mit ihrer Krankheit ist sie nicht allein. Laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums sind in Deutschland etwa ein bis drei Prozent betroffen. Demnach haben von 100 Menschen mit Übergewicht, die abnehmen wollen und deshalb eine Arztpraxis aufsuchen, 15 bis 30 eine Binge-Eating-Störung. Eine Entwicklung, die bei Selfapy anfangs unterschätzt wurde. Denn Co-Gründerin Farina Schurzfeld gibt zu: "Unseren Binge-Eating-Kurs haben wir eigentlich nur entwickelt, damit unser Angebot gegen Essstörungen komplett ist." Dabei sind genau diese Kurse längst gefragter als solche gegen Depressionen und Angststörungen. "Menschen, die an einer Binge-Eating-Störung leiden, haben häufig einen höheren Leidensdruck als bulimische oder magersüchtige", erklärt Schurzfeld die große Nachfrage. "Dass der Kurs so häufig gebucht werden wird, damit haben wir trotzdem nicht gerechnet."

Angeboten im Internet fehlt gesetzliche Grundlage

Die Anlaufstelle für Menschen mit Essstörungen ANAD e.V sieht in der Initiative aus Berlin eine gute Möglichkeit, die aktuellen Versorgungsengpässe zumindest etwas in den Griff zu bekommen. Die Beratungs- und Therapieeinrichtung hat mit Online-Angeboten für Betroffene und Angehörige gute Erfahrungen gemacht. Ganz anders sieht das die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). "Es ist nicht die Aufgabe von Online-Plattformen, sondern der Politik, das Problem mit der Wartezeit zu lösen", zitiert die "Ärzte Zeitung" die Vize-Bundesvorsitzende der DPtV, Kerstin Sude. Schließlich fehle es den Angeboten im Internet an gesetzlichen Grundlagen. Sinnvoll könne es jedoch sein, wenn Online-Programme als verschreibungspflichtige Hilfsmittel eingesetzt werden würden. "Dort, wo die Wirksamkeit nachgewiesen wurde, da sehen wir gute Ergänzungschancen, aber keinen Ersatz."

Allein gelassen wird die 35-Jährige auch nach Ende des Online-Kurses nicht. Sollte Crämer das Gefühl haben, weitermachen zu wollen, kann sie das Programm um sechs Wochen verlängern oder im Anschluss präventiv zum Beispiel einen Kurs zu den Themen Stress, Achtsamkeit oder Schlafen machen. Sechs Wochen nach Programmende rufen die Mitarbeiter von Selfapy die Kursteilnehmer noch einmal an und erkundigen sich nach dem Wohlergehen ihrer ehemaligen Teilnehmer. "Im Zweifelsfall können wir dank unseres guten Netzwerkes im Anschluss auch bei der Suche nach Kliniken oder Therapeuten behilflich sein", sagt Schurzfeld.

Crämer arbeitet zwar nicht mehr als Musikmanagerin. Durch Deutschland reist sie trotzdem immer noch viel. Inzwischen redet sie mit Jugendlichen an Schulen und Therapiezentren über das Tabuthema Essstörungen. Doch egal ob in Berlin, Hamburg oder München: Jeden Abend nimmt sich Crämer jetzt bewusst Zeit für sich und loggt sich bei Selfapy ein.

Quelle: n-tv.de


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