Wirtschaft

Von Pionieren zu Industrie-Dinos Siemens und GE droht Job-Kahlschlag

Wegen des Strukturwandels stehen bei Siemens und GE tausende Jobs auf der Kippe.

Wegen des Strukturwandels stehen bei Siemens und GE tausende Jobs auf der Kippe.

(Foto: picture alliance / Pawel Sosnows)

Die Erfindung von Glühbirne, Generator und Turbine haben Siemens und General Electric zu Weltkonzernen gemacht. Doch nun bringt die Energiewende die Ikonen der Industrialisierung ins Wanken. Den Preis für den Wandel zahlen die Mitarbeiter.

Bei Siemens fing Mitte des 19. Jahrhunderts alles mit dem Telegraphen und dem Dynamo an. Die Firmengeschichte von General Electric (GE) beginnt damals mit Glühlampe und Generator. Beide Firmen haben Strom und Licht massentauglich gemacht und damit die Grundlagen des modernen Lebens geschaffen. 1882 baute GE-Gründer Thomas Edison in Manhattan das erste Kraftwerk der Welt. Im gleichen Jahr installierte Werner von Siemens am Potsdamer Platz die erste elektrische Straßenbeleuchtung.

Diese Pioniertaten sind heute nur noch blasse Vergangenheit. Denn 135 Jahre später kämpfen Siemens und GE mit der Ökostrom-Revolution. Die fossile Kraftwerkssparte ist von der Keimzelle beider Konzerne zu ihrem Sorgenkind geworden. 2010 wurde laut Siemens noch der Verkauf von über 300 großen Gasturbinen weltweit erwartet. In diesem Jahr sind es noch etwa 120. "Das spricht glaube ich für sich selbst", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser vergangene Woche. 

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Die stolzen Industrie-Titanen geraten durch die Energiewende immer mehr unter Druck. GE muss wegen mauer Geschäfte die Dividende kürzen - abgesehen vom Einbruch in der Finanzkrise ist das ein historisch einmaliger Einschnitt in der modernen Firmengeschichte. Der Börsenwert der Traditionsfirma ist inzwischen so stark geschrumpft, dass der Rauswurf aus dem Dow-Jones-Index droht.

Genau wie Siemens trennt sich nun auch GE von seinen industriellen Wurzeln. Der Münchner Konzern hat seinem Leuchtenhersteller Osram schon vor Jahren den Laufpass gegeben. Der neue GE-Chef John Flannery will nun ebenfalls die unrentablen Geschäfte mit Licht und Lokomotiven abstoßen, auf denen das GE-Imperium einst errichtet wurde. Wie viele Jobs bei dem Umbau gekappt werden, ist offen.

Die Industrie-Titanen müssen sich wandeln

Bei Siemens werden die Kürzungen dagegen sehr bald sehr konkret werden. Siemens-Chef Kaeser hat bereits "schmerzhafte Einschnitte" im Geschäft mit der industriellen Energieerzeugung angekündigt. Am Donnerstag will Siemens bekanntgeben, wie viele Jobs wo genau gestrichen werden.

Knapp jeder zehnte Siemens-Beschäftigte arbeitet in der Kraftwerkssparte, 16.000 Menschen allein in Deutschland. Am größten Produktionsstandort Berlin mit 11.000 Mitarbeitern laufen die Gewerkschaften schon Sturm. Man rechne mit Jobverlusten "im vierstelligen Bereich, gefährdet seien neben dem Dynamowerk in der Hauptstadt die Fabriken in Görlitz, Leipzig und Erfurt, sagte Klaus Abel von der IG Metall. Das Siemens-Management müsse sich "auf eine harte Auseinandersetzung einstellen".

Der Stellenabbau ist wohl unvermeidlich. Es herrsche "gewaltiger struktureller Korrekturbedarf" in der Branche, sagt Siemens-Chef Kaeser. Siemens und GE müssen handeln, wenn sie nicht zu Dinosauriern des Industriezeitalters werden wollen. Fraglich ist nur, wie sehr die Mitarbeiter dafür bezahlen müssen.

Einen Weltmarkt für Gasturbinen wird es auch weiterhin geben, die "Nachfrage wird sich in Richtung Asien, Lateinamerika und Afrika verschieben", begründet Kaeser den Job-Kahlschlag. Im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Siemens unterm Strich 6,2 Milliarden Euro Gewinn und will – anders als GE - die Dividende sogar erhöhen.

Jobabbau trotz Milliardenprofiten

Die Aufträge im traditionellen Kraftwerksgeschäft schrumpften im abgelaufenen Geschäftsjahr zwar um über 30 Prozent, der Gewinn um 15 Prozent. Von jedem Euro Umsatz blieben in der Sparte aber immer noch rund zehn Cent hängen, vor allem dank lukrativer Wartungsaufträge, die Siemens für bereits verkaufte Turbinen durchführt. Das ist zwar deutlich weniger, als sich Siemens vorgenommen hat, aber alles andere als eine existenzielle Krise.

Man könnte sagen: Bisher jammert Siemens noch auf hohem Niveau, muss aber durchaus Sorge vor dem langfristigen Trend haben. Der Elektrogigant macht immer noch ein Fünftel seines Umsatzes mit dem Equipment für konventionelle Kraftwerke. Bei GE ist die Lage dramatischer: Hier sind es sogar noch fast ein Viertel. Zudem hat der große US-Rivale in den vergangenen Jahren mit den Übernahmen des Alstom-Kraftwerksgeschäfts und des Ölfirmenausrüsters Baker Hughes kräftig ins fossile Geschäft investiert und sich dabei verhoben.

Auch Siemens musste Fehltritte verdauen. Die sündhaft teure Übernahme des Fracking-Spezialisten Dresser-Rand hat der Münchner Dax-Konzern allerdings leichter weggesteckt. Die Deutschen sind den Strukturwandel aggressiver angegangen als GE. Dem US-Konzern droht schlimmstenfalls nun sogar die Spaltung. Doch selbst bei dieser Strategie ist Siemens einen Schritt voraus: Nach dem Windgeschäft soll nächstes Jahr nun auch der größte Umsatzbringer, die Siemens-Medizinsparte Healthineers, separat an die Börse gehen - die Mehrheit aber bei Siemens bleiben.

Quelle: n-tv.de


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