Wirtschaft

Venezuela ist "technisch k.o." Letzter Akt in Caracas' Pleite-Drama beginnt

Die drohende Staatspleite lässt Nicolas Maduro kalt. Investoren sind anderer Meinung.

Die drohende Staatspleite lässt Nicolas Maduro kalt. Investoren sind anderer Meinung.

(Foto: REUTERS)

Mitten im politischen Chaos verpasst Venezuela zum ersten Mal Zahlungen an Gläubiger. Damit ist der Staatsbankrott so gut wie amtlich. Sie würde dem roten Regime von Nicolas Maduros wirtschaftlich den Todesstoß versetzen.

Als Venezuelas Gläubiger am Montag im Präsidentenpalast in Caracas eintrafen, hatten sie sich eigentlich Antworten auf die Krise des Landes erhofft: Die Inflation galoppiert, die Menschen hungern und die Regierung schrammt seit Monaten am Bankrott vorbei. Doch statt Antworten gab es lediglich laue Versprechen von Vizepräsident Tareck El Aissami, den die USA wegen Drogenhandel suchen - und Geschenkboxen mit Schokolade.

"Sie haben nicht mal Fragen erlaubt und keine Termine für künftige Treffen bekanntgegeben", sagte ein Teilnehmer dem "Wall Street Journal". Die Quittung folgte auf dem Fuß: Die Ratingagentur Standard & Poor's hat Venezuela für technisch pleite erklärt, nachdem das Land auch nach 30 Tagen Gnadenfrist erstmals Zinsen für zwei Staatsanleihen nicht bezahlt hatte. Auch der staatliche Ölkonzern PDVSA verpasste am Montag eine Zahlung. Die Ratingagentur Fitch erklärte PDVSA daraufhin ebenfalls für eingeschränkt zahlungsunfähig.

Für einige Investoren ist der Zahlungsausfall nur ein weiterer Beleg für die qualvolle Hängepartie, die sich Venezuela seit Monaten leistet. Sie gehen davon aus, dass die Regierung in Caracas die verheerenden Urteile der Ratingagenturen revidieren kann, indem sie doch noch zahlt, bevor ihre Gläubiger sich organisieren und formal ein Insolvenzverfahren eröffnen. Andere Anleger werten es dagegen bereits als die lange erwartete Pleite des Landes.

Für Caracas geht's um alles

Es ist nicht mal klar, um wie viel Geld es genau geht. Mehr als 60 Milliarden Dollar hat sich Venezuela über Anleihen geliehen. Rechnet man auch andere Schulden ein, unter anderem Kredite aus Russland und China, summieren sich die Außenstände auf bis zu 150 Milliarden Dollar. Das würde Venezuela zum größten Staatsbankrott aller Zeiten machen - schlimmer noch als Argentiniens Pleite im Jahr 2001.

Mit dem ersten Zahlungsausfall kommt nun eine Lawine ins Rutschen, die Venezuelas Machthaber Nicolas Maduro nur noch schwer aufhalten können dürfte. Nach dem Urteil von S&P können die Gläubiger Venezuela offiziell für zahlungsunfähig erklären und versuchen, Öllieferungen und andere Sicherheiten zu pfänden. Argentinien hat das erlebt: 2012 legte der "Geierfonds" von US-Hedgefonds-Milliardär Paul Singer das Schulschiff der argentinischen Marine in Ghana an die Kette, um Altschulden aus dem Staatsbankrott einzutreiben.

Zudem ist das letzte bisschen Vertrauen der Finanzmärkte in das Chaos-Regime in Caracas nun dahin. Viele Investoren rechnen schon lange mit der Pleite. Doch jetzt wo sie so gut wie amtlich ist, werden sie der sozialistischen Maduro-Regierung wohl endgültig den Geldhahn zudrehen. Die kommt ohnehin schon kaum mehr an Geld. Sowohl die USA als auch die EU haben Venezuela auf die Sanktionsliste gesetzt: Maduro hat das Parlament entmachtet, Wahlen gefälscht und ein linientreue Nationalversammlung installiert.

US-Banken dürfen deshalb schon seit Sommer keine Papiere von Venezuela oder dem staatlichen Ölkonzern PDVSA mehr kaufen. Die EU hat bisher zwar noch kein Finanzembargo verhängt, aber Waffenlieferungen verboten und Einreisestopps vorbereitet. Auch Anleger aus Europa dürften sich deshalb zurückhalten.

Was führt Maduro im Schilde?

Vor diesem Hintergrund ist Maduros Verhalten entweder wahnsinnig - oder politische Taktik. Denn Venezuela hat nicht nur Schulden bei Finanzinvestoren. Auch Russland und China haben seinem verfallenden Petro-Staat Geld geliehen. Womöglich steht ein Schuldendeal bevor, der Maduro im Umgang mit den Anleihegläubigern aus dem Westen ein wenig Luft verschafft. Am Mittwoch wollen Moskau und Caracas das Ergebnis ihrer Verhandlungen verkünden.

Doch selbst wenn Russland Maduro Entlastung verschafft, sieht es nicht danach aus, als würden die Anleihegläubiger all ihr Geld wiedersehen. Maduro regiert immer autoritärer und unberechenbarer. Europas Sanktionen nannte er "dumm" und erklärte noch am Sonntag in seiner wöchentlichen Radioshow, Venezuela werde nie Pleite gehen. Und ob die nächste Verhandlungsrunde mit der Opposition in der Dominikanischen Republik zum Durchbruch führt, ist offen.

Im Gezerre um die Staatspleite ist zudem nicht nur das Urteil der Ratingagenturen, sondern auch die Entscheidung des Derivate-Verbands ISDA wichtig. Er will am Dienstag entscheiden, ob Venezuelas Ölfirma PDVSA schon letzte Woche zahlungsunfähig war, weil sie Anleihen zu spät zurückgezahlt hatte. Damit würden Kreditausfallversicherungen in Millionenhöhe ausgelöst, mit der Investoren auf die Staatspleite wetten. Caracas würde das noch einen Schritt weiter an den Bankrott heranrücken.

Quelle: n-tv.de


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