Wirtschaft

Testlauf in Brandenburg Funktioniert kostenloser Nahverkehr?

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Um die Belastungen durch den Autoverkehr zu lindern, macht man den Nahverkehr einfach kostenlos. Doch funktioniert das? Experimente damit gab es in Deutschland bereits - aber nicht ohne Probleme.

Es ist eine Idee, gegen die kaum einer etwas haben kann: kostenloser Nahverkehr für alle. Welcher Bürger würde sich nicht gerne das Geld für Bus- und Bahntickets sparen? Neue Nahrung erhält die Hoffnung auf Gratis-"Öffis" durch einen Vorstoß der Bundesregierung.

In einem Brief an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella schrieben Umweltministerin Barbara Hendricks, Verkehrsminister Christian Schmidt und Kanzleramtschef Peter Altmaier, dass Berlin zusammen mit Ländern und Kommunen einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr erwägt. Das Ziel: die Zahl privater Fahrzeuge zu verringern und die Luft in den Städten zu verbessern.

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Aber kann kostenloser Nahverkehr Menschen dazu bewegen, aus dem Auto in Busse und Bahnen umzusteigen? Und ist das überhaupt finanzierbar? Das hat in Deutschland bereits die 16.000-Einwohner-Stadt Templin in Brandenburg getestet. Dort hat man Ende der 90er-Jahre das Experiment gewagt: Gratis-Nahverkehr für jedermann.

Fahrgastzahlen explodieren

Auslöser war auch dort die rasante Zunahme des Autoverkehrs nach der Wende - ausgerechnet in einem Luftkurort. Deshalb setzte das Rathaus 1998 die Preise für die bis dahin wenig genutzten Stadtbusse einfach auf null. Das Ergebnis verblüffte: Die Fahrgastzahlen stiegen rasant, innerhalb eines Jahres von 41.000 auf 350.000. Im Jahr 2001 wurde schließlich die Marke von einer halben Million Fahrgäste geknackt.

Doch dann zeigte sich die Schwachstelle des Systems: die Kosten. Denn parallel zu den fehlenden Ticketeinnahmen stiegen die Betriebskosten. Irgendwann wurde für Templin der kostenlose Nahverkehr einfach zu teuer. Im Jahr 2003 wurde das Projekt eingestellt.

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Allerdings hat man sich in Templin nicht ganz von der Idee getrennt: Im Anschluss konnten Bürger eine Jahreskurkarte kaufen, mit der sie weiter unbegrenzt mit dem Bus fahren können. Sie kostete zuerst 29 Euro, heute 44 Euro. Die Zahl der Fahrgäste ging zwar zurück, lag aber 2015 noch fünfmal so hoch wie vor dem Verkehrsexperiment.

Auch Belgier scheitern an den Kosten

Ähnliche Erfahrungen hat die belgische Stadt Hasselt gemacht. Dort durften die 60.000 Einwohner ab 1997 kostenlos den Nahverkehr nutzen. Die Zahl der Nutzer stieg schnell um das 13-Fache. Allerdings scheiterte auch dieses Projekt an der Geldfrage. Weil die Menschen weniger Auto fuhren, brachen etwa die Einnahmen aus Parkgebühren ein.

Auch in Hasselt wurde 2013 das Projekt eingestampft. Heute sind Busse in der Stadt nur noch für Senioren, Kinder und Jugendliche kostenlos. Auch die US-Städte Seattle und Portland stellten ihren Gratis-Nahverkehr ein - unter anderem aus Kostengründen.

Aktuell können die Bürger der estnischen Hauptstadt Tallin alle Busse und Bahnen gratis nutzen. Der Verkehr in der Stadt hat seit dem Start des Projekts 2013 deutlich abgenommen. Ob sich die Stadt das System auf Dauer leisten kann, bleibt abzuwarten. Im französischen Dünkirchen testet man derzeit ebenfalls einen Nulltarif für den Nahverkehr - allerdings nur an Wochenenden.

Auch bei dem neuen Vorstoß der Bundesregierung ist noch offen, wie das Ganze finanziert werden soll. Denkbar ist, dass das Geld aus bestehenden Fördertöpfen kommt, die außerdem aufgestockt werden könnten. Der Städtetag hat den Bund bereits an das Prinzip erinnert: "Wer bestellt, bezahlt."

Quelle: n-tv.de

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