Fußball-WM 2018

Belgien ätzt gegen "Les Bleus" Warum der VAR Hazard nicht helfen durfte

Frankreichs Olivier Giroud foult Belgiens Eden Hazard im WM-Halbfinale. Der Pfiff bleibt aus - ebenso wie ein Eingriff des Videoassistenten.

Frankreichs Olivier Giroud foult Belgiens Eden Hazard im WM-Halbfinale. Der Pfiff bleibt aus - ebenso wie ein Eingriff des Videoassistenten.

(Foto: AP)

Belgiens Final-Traum ist geplatzt, weil Frankreich im WM-Halbfinale cleverer spielt. Die "Roten Teufel" sehen das anders. Sie beklagen "Anti-Fußball". Hätte der Videoassistent das unterbinden können? Und was ist eigentlich mit Mbappés Zeitspiel?

Auf den Schock über das WM-Aus in Sankt Petersburg folgte bei einigen Spielern der belgischen Fußball-Nationalmannschaft die Wut. "Frankreich spielte Anti-Fußball", sagte Thibaut Courtois der belgischen Zeitung "Het Nieuwsblad" nach der knappen 0:1 (0:0)-Halbfinalniederlage gegen die Équipe Tricolore aus dem Nachbarland. Eine Szene stieß dem 26-jährigen Torwart der "Roten Teufel" besonders sauer auf: In der 80. Minute holzte der französische Mittelstürmer Olivier Giroud vor dem eigenen Strafraum den belgischen Spielmacher Eden Hazard um. Doch der Pfiff blieb ebenso aus wie ein Freistoß aus zentraler Position. Und so richtete sich die Empörung nicht nur gegen die Franzosen, sondern auch gegen Andrés Cunha. Der uruguayische Schiedsrichter sei nicht gut gewesen, monierte Courtois. Zu Recht?

"Cunha war sicherlich nicht so souverän wie viele seiner Kollegen bei diesem Turnier, aber entscheidende Fehler sind ihm auch nicht unterlaufen", erklärt Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt im Gespräch mit unserer Redaktion. "Insgesamt hatte er das Spiel gut im Griff, nur am Ende fehlte ihm in der Körpersprache der letzte Nachdruck, der in dieser Phase des Spiels nötig gewesen wäre." Doch da gibt es ja noch den Videoassistenten in Moskau. Viele Zuschauer fragen sich noch immer, warum der VAR nach Cunhas Fehlentscheidung in der Schlussphase nicht eingegriffen hat.

"Das ist kein Fall für den Videoassistenten, weil die Szene vor dem Strafraum stattgefunden hat", sagt Feuerherdt. Dazu komme ein weiteres wichtiges Kriterium: "Freistöße und mögliche Fouls außerhalb des Sechzehnmeterraums zählen nun einmal nicht zu den Situationen, die der VAR überprüfen darf." Anders sei der Handlungsspielraum des VAR bei Situationen im Strafraum. Dort kann er laut dem Experten von "Collinas Erben" eingreifen, "wenn der Schiedsrichter einen klaren und offensichtlichen Fehler macht". Deshalb sei zum Beispiel der Elfmeter für Neymar im Vorrundenspiel zwischen Brasilien und Costa Rica zurückgenommen worden. Generell gilt laut Feuerherdt, dass Frei-, Ab- sowie Eckstöße und Einwürfe nicht vom VAR unter die Lupe genommen werden. "Irgendwo mussten und müssen die Regelhüter eine Grenze setzen."

Mbappés Zeitspiel erzürnt "Rote Teufel"

Ungeachtet dessen empörte sich auch der auffällig, aber glücklos agierende Hazard über das Spiel der Franzosen. "Ich würde lieber mit diesem belgischen Team verlieren, als mit diesem französischen gewinnen", sagte er nach der Partie. Insbesondere die Machtlosigkeit gegenüber dem Zeitspiel der Franzosen, allen voran Ballbesitz-Wunder Kylian Mbappé, schien die Belgier zu wurmen. Ähnlich wie sein Klubkollege vom FC Chelsea giftete Courtois: "Ich wäre lieber gegen Brasilien rausgeflogen. Die wollten wenigstens Fußball spielen." Eine Attacke gegen Turbosprinter Mbappé, der in der Nachspielzeit gelähmt zu sein schien, zu einem Eckball trabte und in einer anderen Szene den Ball vor einem belgischen Einwurf in die Hände nahm, um ihn dann wieder wegzuwerfen. Alles unnötige Aktionen. Doch waren die zeitraubenden Spielchen von Mbappé und Co. regelwidrig?

"Das ist ganz normal", sagt Feuerherdt über die Taktik von "Les Bleus" in den letzten Minuten des ersten WM-Halbfinales in Russland. Regelmäßige Spielbeobachter wissen, dass die meisten Fußballteams einen für sie vorteilhaften Spielstand bis zum nahenden Schlusspfiff "über die Zeit retten" wollen. Das gilt von den untersten Ligen bis eben zur Weltmeisterschaft. Den Schiedsrichtern bleiben in solchen Situationen nicht viele Möglichkeiten, den Spielfluss aufrechtzuerhalten. Zunächst können sie Spieler ermahnen und später mit Gelb verwarnen, so Feuerherdt. Nur in seltensten Fällen allerdings bekommen Spieler zweimal Gelb, also Gelb-Rot, für Zeitspiel. Laut Feuerherdt bieten sich Halbfinals für Zeitschinderei geradezu an, da die bis dahin gesammelten Gelben Karten nach dem Viertelfinale gestrichen werden: "Wer im Spiel also noch kein Gelb hat, kann das auch riskieren." Kylian Mbappé ist dieses Risiko in Minute 90+2 gegen verzweifelte Belgier erfolgreich eingegangen.

Quelle: n-tv.de


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