Fußball-WM 2018

Von Faschisten und Mamić-Erben Der ganz normale Nationalismus der Kroaten

Steht auf nationalistischen Rock: Der kroatische Innenverteidiger Dejan Lovren.

Steht auf nationalistischen Rock: Der kroatische Innenverteidiger Dejan Lovren.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Mit mutigem und schnellem Spiel begeistert die kroatische Nationalelf bei der Fußball-WM. Abseits des Platzes fallen viele Spieler der "Vatreni" mit ultranationalistischem Gedankengut auf - wohlwollend unterstützt vom krisengeschüttelten Verband.

In der Kabine der kroatischen Fußball-Nationalmannschaft geht es nach dem 3:0-Sieg gegen Argentinien und dem vorzeitigen Einzug ins WM-Achtelfinale feucht-fröhlich her. Mit einer Cola und einem Smartphone bewaffnet singt Innenverteidiger Dejan Lovren ein kroatisches Lied und setzt sich zu seinem Abwehrkameraden Sime Vrsaljko. Der stimmt lauthals mit ein: "Za dom braćo, za slobodu, borimo se mi!" Zu Deutsch: "Brüder, für die Heimat, für die Freiheit, kämpfen wir!" Klingt anrüchig. Ist nationalistisch. Und ganz normal in Kroatien.

Bei dem Lied handelt es sich um "Bojna Čavoglave", einen Evergreen der Band "Thompson". Schon eine kurze Auseinandersetzung mit dem Songtitel, dessen Text sowie den Interpreten offenbart, welcher Geist die kroatische Teamkabine durchzieht. "Thompson", benannt nach der Waffe, mit der Frontmann Marko Perković Anfang der 90er durch den Unabhängigkeitskrieg zog, ist gewissermaßen das Aushängeschild des kroatischen Rechtsrocks.

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Einer der Gründe dafür ist eben jenes "Bojna Čavoglave": Das Lied ist nicht nur nach Perkovićs einstiger Militäreinheit benannt. Es beginnt zudem mit dem Gruß "Za Dom - Spremni!" ("Für die Heimat - bereit") - dem "Sieg Heil" der faschistischen Ustascha-(Ustaša)Bewegung. Unter der Diktatur der Nazi-Verbündeten wurden zwischen 1941 und 1945 Hunderttausende Menschen in Konzentrationslagern ermordet. Auch andere "Thompson"-Lieder sind ultranationalistisch getextet und huldigen der Ustascha.

Entsprechend bitter dürfte der Beigeschmack sein, wenn Twitter-Nutzer oben beschriebene Gesangseinlage in einem Selfie-Video von Lovren betrachten. Es sei denn, sie kommen aus Kroatien. Denn in der EU-Republik ist "Bojna Čavoglave" besonders populär. "Das Lied ist Mainstream", sagt Dario Brentin vom Zentrum für Südosteuropastudien an der Uni Graz: "Das Lied kann man durchaus als inoffizielle Hymne Kroatiens bezeichnen."

Eine pro-faschistische Band als Anpeitscher und Euphorieverstärker von Modrić, Rakitić und Co.? Brentin überrascht das nicht. "Es gibt eine recht enge Verbindung zwischen Perković, der kroatischen Nationalmannschaft und dem kroatischen Fußballverband", erklärt der Nationalismusforscher im Gespräch mit n-tv.de. So sei das "Thompson"-Lied "Lijepa li si" ("Oh, wie schön bist du"), jahrelang die offizielle Hymne des kroatischen Nationalteams gewesen und vor jedem Spiel gespielt worden.

Entproblematisierte Gesten und Aussagen

Was in vielen anderen EU-Staaten als problematisch gelten könnte, ist für die Mehrheit der vier Millionen Kroaten normal. Der allgemein stark ausgeprägte Nationalstolz auf dem Balkan wird auch in Kroatien oft zum Nationalismus verwässert. "Die gesamte Mitte der kroatischen Gesellschaft ist nach rechts gewandert", sagt Brentin. Das spiegelt sich auch in der Nationalmannschaft wider. Kritische Auseinandersetzungen mit nationalistischer Rhetorik und Symbolik gebe es kaum.

Aber es gibt sie: Nachdem Ex-Bundesligaspieler Josip Simunić 2014 nach einem WM-Quali-Spiel den Ustascha-Gruß machte, brummte ihm die Fifa unter anderem eine Zehn-Spiele- und WM-Sperre auf. "Damals gab es eine große Debatte über den Charakter und die Bedeutung dieses Grußes", sagt Brentin. Der ehemalige Bayern-Spieler Mario Mandžukić fiel ebenso mit einer politischen Geste auf, als er 2012 bei einem Torjubel salutierte. Kritiker werfen ihm bis heute vor, damit die kroatischen Ex-Generäle Ante Gotovina und Mladen Markać gegrüßt zu haben, die zu diesem Zeitpunkt vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal standen. Zumindest in Deutschland war der anschließende Aufschrei groß. Ein Tabu bei den "Vatreni", den Feurigen, haben die Debatten indes nicht erwirkt, "weil die Spieler in einem sozialen Umfeld groß geworden sind, wo solche Aussagen vollkommen normal und entproblematisiert sind", so Brentin.

"Belgrad brennt"

Das verdeutlicht aktuell nicht nur Lovrens Kabinenvideo, sondern auch die Social-Media-Aktivität von Domagoj Vida. Nach eigenen Angaben überprüft die Disziplinarkommission der Fifa derzeit ein Video, in dem der Abwehrspieler im Beisein von Ex-Bundesligastar Ivica Olić mit dem Ausdruck "Belgrad brennt" womöglich die serbischen Nachbarn provoziert. Zuvor hatte ihn die Fifa bereits verwarnt, weil er in einem anderen Video "Ehre für die Ukraine!" sagt - das Credo der Bürgerproteste, die 2014 die prorussische Regierung stürzten.

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"Das war definitiv kein politisches Statement, sondern ein einfaches Dankeschön für die ganze Unterstützung aus der Ukraine, wo Vukojevic und ich einige Jahre verbracht haben", betonte Vida später mit dem Hinweis, nicht die Absicht gehabt zu haben, "jemanden zu kränken". Dennoch sind die Videobotschaften des ehemaligen Kickers von Dynamo Kiew wegen der belasteten politischen Beziehungen zwischen Kroatien und Serbien sowie zwischen WM-Gastgeber Russland und der Ukraine unvorteilhaft. Die Beispiele der euphorischen Kroaten verdeutlichen einmal mehr, dass Mehr-Nationen-Turniere wie die WM nicht nur der Völkerverständigung dienen, sondern auch Nationalismus stärken können.

Die offen präsentierten nationalistischen Tendenzen der kroatischen Spieler mögen hierzulande verstören, wie so viele Verquickungen von Fußballern mit politischen Inhalten - Stichwort Erdogate. Allein, in Kroatien selbst schlagen derlei Aktionen weniger hohe Wellen. Brentin glaubt gar, dass Lovren und Co. nicht provozieren wollen. Vielmehr drückten die Aussagen und Gesten "eine ideologische Hegemonie des Nationalismus innerhalb des kroatischen Fußballs" aus. Demnach mangelt es dort an kritischen Auseinandersetzungen. Dies könnte erklären, warum ehemalige Geflüchtete wie Lovren und Mandžukić heute ebenso unreflektiert Hass und Vorurteile schüren wie Diejenigen, vor denen sie und ihre Familien einst geflohen sind.

Mamićs dunkler Schatten

Der Verdacht liegt nahe, dass die kroatischen Nationalspieler sich und ihre Vorbildfunktion gar nicht hinterfragen wollen. Warum auch - seit Gründung des unabhängigen kroatischen Staates 1991 gelten die "Kockasti", die "Karierten", in ihrer Heimat als Halbgötter. Infolge der politischen Instrumentalisierung des Nationalteams sei dieses zur "heiligsten aller Institutionen des Kroatentums" stilisiert worden, erklärt Brentin. Diese Rolle habe sich aufgrund der anfänglich mäßigen Entwicklung des Staates bis heute verfestigt - weil sich der kroatische Fußball seit den 90ern kontinuierlicher entwickelt habe als andere Institutionen und gesellschaftliche Felder.

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Großen Anteil daran in der jüngeren Vergangenheit hat Zdravko Mamić. Der als Fußballpate bekannte Ex-Vizepräsident des kroatischen Fußballverbandes HNS und ehemalige Boss des Topklubs Dinamo Zagreb hat ein dichtes Netzwerk aufgebaut und half so vielen Spielern in den europäischen Spitzenfußball. Dabei soll er allerdings selbst kräftig mitverdient haben. Unterschlagung von mehr als 15 Millionen Euro bei Spielertransfers, unter anderem von Modrić und Lovren, und Steuerhinterziehung in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro - so lauten die Vorwürfe gegen den 58-Jährigen. Anfang Juni wurde Mamić in erster Instanz zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Sein Bruder Zoran, ehemals aktiv in Leverkusen und Bochum, muss für vier Jahre und elf Monate in Haft.

Der Fall Mamić belastet den kroatischen Fußball schwer, zumal sich Modrić im Prozess gegen den Mogul zu einer Falschaussage hinreißen ließ. Dennoch reicht Mamićs Netzwerk noch immer bis in die höchsten politischen Kreise. So saß HNS-Generalsekretär Damir Vrbanović beim kroatischen Viertelfinalsieg gegen Russland nur drei Plätze neben der Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović. Das Pikante: Vrbanović wurde im Mamić-Prozess zu drei Jahren Haft verurteilt.

Das heutige WM-Halbfinale seiner Kroaten gegen England (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) wird Mamić in Bosnien-Herzegowina verfolgen. Dorthin war er nach seiner Verurteilung geflüchtet. Nun wird sich laut Brentin zeigen, ob ihm seine Netzwerke abermals helfen werden, "oder er für den kroatischen Fußball, die Gesellschaft und somit auch für die Politik einfach zu toxisch geworden ist". Diese Entscheidung muss auch der aktuelle Verbandspräsident Davor Šuker treffen. Der posierte 1996 in Madrid stolz vor dem Grab des Ustascha-Führers Ante Pavelić.

Quelle: n-tv.de


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