Fußball-WM 2018

Gruppe B unter der n-tv.de-Lupe Spanisches Beben, CR7 und ein Zauberer

Ist sowas von bereit für die WM: Cristiano Ronaldo.

Ist sowas von bereit für die WM: Cristiano Ronaldo.

(Foto: dpa)

Während Europameister Portugal trotz Cristiano Ronaldo nicht wirklich Schrecken verbreitet, zählt Spanien zu den Favoriten, schockt aber vor allem mit einer Last-Minute-Trainerentlassung. Nun soll es ein neuer Coach richten.

Bom dia, Portugal

Hier kommt der amtierende Europameister. Obwohl vermutlich nach wie vor niemand richtig erklären kann, wie die Portugiesen diesen Titel 2016 gewinnen konnten. Als Erinnerungsstütze: Die Vorrunde beendete das Team von Trainer Fernando Santos nach drei Unentschieden als Gruppen-Dritter, qualifizierte sich aber für das Achtelfinale. Dieses gewannen sie gegen Kroatien in der Verlängerung mit 1:0, das Halbfinale erreichten sie dank eines 5:3-Sieges im Elfmeterschießen gegen Polen. Das Halbfinale war das einzige Spiel, das die Portugiesen in der regulären Spielzeit beendeten: 2:0 gegen Wales. Das Finale gegen das Heimteam Frankreich ging dann wieder in die Verlängerung: 1:0 - und Europameister.

Achso, völlig logisch, warum Portugal Europameister wurde: Sie haben ja den "besten Fußballer der Geschichte". Als diesen betitelt sich, logisch, Cristiano Ronaldo selbst. "Es gibt keinen kompletteren Spieler als mich." Nun gut, im EM-Finale 2016 musste er nach 25 Minuten verletzt und in Tränen aufgelöst ausgewechselt werden. Und, das ist die bittere Wahrheit, bei Weltmeisterschaften hapert es regelmäßig. Bei drei Endrundenteilnahmen erzielte Ronaldo jeweils lediglich ein Tor. Keine gute Voraussetzung für das anstehende Turnier. Denn das brutal-defensive Portugal ist abhängig vom hochdekorierten Megastar und Offensiv-Alleinunterhalter. Während hinten erfahrene Spieler wie Pepe oder Bruno Alves mauern, schoss der 32-Jährige allein die Hälfte der Qualifikationstore (15/30). Doch dass Portugal mal so eben durchs Turnier spazieren wird, daran glaubt nicht mal der übertrieben selbstbewusste Ronaldo: "Es muss Schritt für Schritt gehen." Mittelfeldmann Manuel Fernandes - der übrigens für Lok Moskau spielt - sagt: "Das Hauptziel ist, die Gruppe zu überstehen." Und fügt kryptisch-offensiv an: "Von da an …" Na was denn? Als Gruppendritter jedenfalls gewinnen sie bei der WM keinen Blumentopf.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Portugal ist an einem WM-Rekord beteiligt: Dem Spiel mit den meisten Gelben und Gelb-Roten Karten. 12 Gelbe und 4 Gelb-Rote, um genau zu sein, zückte der russische Schiedsrichter Valentin Iwanow im Achtelfinale der WM 2006. Es spielte Portugal gegen die Niederlande. Ebenfalls rekordverdächtig: Iwanow ließ sechs Minuten nachspielen. Am Ende siegte Portugal mit nur noch neun Spielern auf dem Feld und erreichte so das Viertelfinale.

Buenos días, España

Super-GAU, WM-Beben, Vollkatastrophe: Spanien feuert einen Tag vor der Eröffnung der WM und zwei Tage vor dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal seinen Trainer. Julen Lopetegui wird seine Heimreise noch vor dem WM-Auftakt antreten. Und ist daran nicht ganz unschuldig - wechselt er doch nach der WM zu Champions-League-Sieger Real Madrid. Und hat dies Verbandspräsident Luis Rubiales offenbar nur wenige Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe durch den Klub am Dienstagabend mitgeteilt. "Die Verhandlungen haben ohne Kenntnis des spanischen Verbandes stattgefunden. Zumindest bis fünf Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe. Es gibt Verhaltensformen, die man einhalten muss", so Rubiales. Obwohl der 51-Jährige seinen Vertrag mit dem spanischen Fußballverband erst Ende Mai bis 2020 vorzeitig verlängert hatte. "Wir danken Julen für alles, was er getan hat, denn er ist einer der großen Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass wir in Russland sind, aber wir müssen ihn entlassen", sagte Rubiales auf der eilig einberufenen Pressekonferenz im Quartier in Krasnodar.

"Wir wünschen ihm alles Glück der Welt." Na den WM-Titel jedenfalls hat der spanische Verband ihm nicht mehr gewünscht. Zu sehr ist das Vertrauen über Nacht gekippt. Für Lopetegui ist immerhin schnell Ersatz gefunden: Fernando Hierro übernimmt den Job interimsweise. Durchaus amüsant: Der bisherige Sportdirektor des Teams hat eine Real-Madrid-Vergangenheit. Der 50-Jährige ist als Trainer reichlich unerfahren, coachte bislang nur den Zweitligisten Real Oviedo. Erfahrung hin oder her: Hinfällig sind alle Prognosen für die wiedererstarkten Spanier. Bekommen die Spieler die Köpfe frei vom Chaos, das urplötzlich über sie hereinbrach? Die Mannschaft um Kapitän Sergio Ramos soll der "Marca" zufolge noch versucht haben, den Verband umzustimmen. Vielleicht, weil sie um den Verdienst ihres Nun-Ex-Trainers wissen. Schließlich hat die "Furia Roja" unter Lopetegui in der Qualifikation Italien ausgeschaltet und Argentinien im Testspiel mit 6:1 plattgemacht. Nach WM- und EM-Debakel (Aus in der Vorrunde und Aus im Achtelfinale) war Spanien wieder wer.

Bei der Pressekonferenz ein Tag vor dem WM-Start wurde der Rauswurf besiegelt.

Bei der Pressekonferenz ein Tag vor dem WM-Start wurde der Rauswurf besiegelt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Allem Unbill zum Trotz: Eigentlich sollte die nicht nur mit Weltstars bestückte, sondern vielmehr fast ausschließlich aus Weltstars bestehende Mannschaft mit Unwägbarkeiten umgehen können, sind sie doch alle erfahren. Beispiel gefällig, wer da so alles kickt? Für Traumtechniker Andres Iniesta soll der Titel das Abschiedsgeschenk aus der Nationalelf werden. Gerard Piqué, Sergio Busquets, David Silva und Rüpel-König Sergio Ramos wollen ebenso ihren zweiten WM-Titel feiern, die weiteren Champions-League-Sieger von Real Madrid, Lucas Vazquez, Daniel Carvajal, Nacho, Marco Asensio und Isco sowie die Europa-League-Sieger von Atlético Madrid, Koke, Saul Niguez und Diego Costa, ihren zweiten großen Titel des Jahres einheimsen. Ex-Weltmeister-Trainer Vincente del Bosque sagte vollkommen zu Recht: "Wir können eine tolle WM spielen." Doch da wusste er noch nichts vom WM-GAU und was solch ein Kracher mit der Psyche von Spielern macht, die sich während der WM im besten Fall um nichts anderes Gedanken machen sollen als um ihren Körper und ihr Spiel, ist sowieso nicht vorhersagbar.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Kleiner Funfact: Im spanischen:WM-Hotel wurden lediglich Kinderbetten zur Verfügung gestellt. Gut für die russische Wirtschaft, denn spontan ging das Team selbst auf Einkaufstour. Nun kann nicht nur Iniesta (1,71 Meter) gut schlummern, sondern auch Abwehrchef Gerard Piqué (1,94 Meter) und Torwart David de Gea (1,92 Meter) können sich ganz auf erholsame Träume konzentrieren.

يوم جيد المغرب

Schillerndste Figur der marokkanischen Mannschaft ist Hervé Renard. Klingt wie ein französischer Designer, kleidet sich so, ist beruflich aber als Trainer tätig. In Afrika ist der Franzose ein Star. 2012 gewann er völlig überraschend mit Sambia den Afrika Cup, drei Jahre später holte er diesen Titel mit der Elfenbeinküste. Nun führte er Marokko nach zwei Jahrzehnten WM-Abstinenz zurück auf die Weltbühne des Fußballs. Kein Wunder also, dass der 49-jährige Blondschopf nicht nur wegen seiner weißen Hemden "weißer Zauberer" genannt wird. Philosophisch ist der Ex-Gebäudereiniger auch noch unterwegs: "Gegen Spanien und Portugal, wo der Ball wie die Welle eines unaufhaltsamen Tsunamis durch das Mittelfeld auf die Seiten wandert, braucht man eine nahezu unüberwindbare defensive Festung", so Renard. Wozu diese Festung rund um Ex-Bayern-Kicker Mehdi Benatia imstande ist, konnten Fußballinteressierte in der Qualifikation beobachten. Das Renard'sche 4-2-3-1 System brachte die Gegner derart zum Verzweifeln, dass sie nicht ein einzigen Treffer gegen die Nordafrikaner erzielten.

Haben den Konflikt fürs Team beendet: Hakim Ziyech und Hervé Renard.

Haben den Konflikt fürs Team beendet: Hakim Ziyech und Hervé Renard.

(Foto: imago/VI Images)

Denn der schillernde Renard hat neben Kapitän Benatia, der sich beim italienischen Meister Juventus Turin verdient macht, durchaus noch weitere funkelnde Kicker im Aufgebot: etwa Schalkes Amine Harit oder Hakim Ziyech von Ajax Amsterdam. Der Linksfuß ist ein guter Ballverteiler, hatte aber lange Zeit Scharmützel mit dem Coach auszufechten. Der fand ihn zu weich, worauf halb Marokko Kopf stand, schließlich ist Ziyech Marokkos Fußballer des Jahres 2017/18. Seit dem Sommer ist der Ajax-Profi nun doch dabei: "Das Wichtigste sind nicht meine persönlichen Belange, sondern dass Marokko die beste Mannschaft hat", erklärte Renard. Und eine gute Mannschaft hat er tatsächlich geformt, vor allem eine echte Einheit. Ein Problem gibt es dennoch: die Torhüterposition. Stammkeeper Munir spielt nicht regelmäßig, Ersatzmann Bono fiel lange verletzt aus. Naja, gut, noch eine Tücke existiert: Man spielt in einer Gruppe mit Spanien und Portugal.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: Der Traum ist ausgeträumt. Marokko wird nicht Gastgeber der Weltmeisterschaft 2026. Das Konglomerat aus den USA, Mexiko und Kanada machte das Rennen bei den abstimmenden Nationen - so auch beim DFB. Es wird die erste WM mit 48 Teilnehmern. Vielleicht schafft es Marokko, sich dann ganz regulär zu qualifizieren, schließlich kann die Nation 2026 ein Jubiläum feiern. 40 Jahre zuvor fand die Weltmeisterschaft statt, bei der Marokko der erste Gruppensieger aus Afrika wurde. 1986 war dann allerdings im Achtelfinale Schluss: Weil Lothar Matthäus in der 87. Minute zum 1:0-Endstand für Deutschland traf.

روز خوب ایران

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das hat sich offenkundig bis in den Iran herumgesprochen. Als erster ausländischer Teilnehmer ist die iranische Nationalmannschaft nach Russland geflogen. Genauer gesagt: nach Moskau, wo sie sich auf dem Gelände von Lokomotive Moskau auf die Spiele vorbereitet. Der russische Hauptstadtklub ist frischgebackener Meister und möglicherweise sucht der Geist des Erfolgs nun auch die Kicker vom Persischen Golf heim. Bei den bisher vier WM-Teilnahmen sprang nicht viel heraus, doch das soll sich ändern: "Wir wollen als das erste iranische Team, das die Vorrunde übersteht, in die Geschichte eingehen", kündigte der ehemalige Bundesliga-Rüpel Ashkan Dejagah an.

Sardar Azmoun kennt sich mit Russland aus.

Sardar Azmoun kennt sich mit Russland aus.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Star des Iran ist Sardar Azmoun. Der Stürmer kennt sich mit Russland und mit Fußball-Wundern aus: Aktuell kickt der 23-Jährige für Rubin Kasan, vor zwei Jahren traf er für seinen damaligen Klub FK Rostow beim Champions-League-Vorrundensieg gegen den FC Bayern München. Typen wie Azmoun kann Trainer Carlos Queiroz gut gebrauchen, obgleich er eher auf erfahrene Spieler als auf die forsche Jugend setzt. Mit sieben Jahren im Amt ist der Portugiese nach Joachim Löw der dienstälteste Trainer bei dieser WM. Die Basis für eine historische Leistung "seiner" Iraner wurde mit der Qualifikation ohne Niederlage gelegt - wohlbemerkt ohne Spieler aus einer europäischen Topliga. Allein, mit Blick auf die starken Gruppengegner indes erscheint jeder weiterer Erfolg des "Team Melli" utopisch.

Mit diesem Wissen können Sie punkten: In der vergangenen Qualifikation zur Europaliga liefen Mittelfeldmann Masoud Shojaei und Linksverteidiger Ehsan Haji Safi für ihren damaligen Verein Panionios Athen gegen den Maccabi Tel Aviv auf. So weit, so banal. Weil es iranischen Sportlern aber verboten ist, gegen Israelis anzutreten, sperrte das Sportministerium die beiden Leistungsträger. Trainer Queiroz scherte das wenig und berief sie trotzdem ins WM-Aufgebot. Nach massiven Protesten im Iran hob das Ministerium seine Entscheidung schließlich auf.

Auf diesen Spieler müssen Sie achten

Spanier? Kennen Sie doch eh schon alle. Aber wie wäre es mit einem Marokkaner? Und zwar dem ersten Marokkaner, der die Champions League gewonnen hat? Bitte sehr! Name: Achraf Hakimi. Alter: 19. Verein: Real Madrid - und zwar schon seit 2006. Der Außenverteidiger ist schnell und flexibel und hat es aus den Jugendmannschaften als Ergänzungsspieler ins erste Team der Königlichen geschafft - etwas, das bekanntlich längst nicht jedem gelingt. Dort debütierte der Rechtsverteidiger am 1. Oktober 2017 beim 2:0 gegen Español Barcelona und spielte in der gerade abgelaufenen Saison neun Mal, davon sieben Mal über 90 Minuten. Ein Jahr länger - seit Oktober 2016 - ist er Teil der marokkanischen Nationalmannschaft, für die er bislang sieben Spiele absolvierte und einen Treffer erzielte. Und der Junge hat allen Grund, sich bei der WM ordentlich anzustrengen: Sein Vertrag bei Real läuft am 30. Juni aus. Hakimi würde gern in Madrid bleiben: "Ich sehe mich immer bei Real Madrid. Ich bin mein ganzes Leben lang ein Madridista und hoffe, das noch viele Jahre zu bleiben", sagte er der "Marca". Doch bislang ist seine Zukunft ungewiss.

Wie geht's aus?

1. Spanien
2. Portugal
3. Marokko
4. Iran

Quelle: n-tv.de

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