Fußball-WM 2018

Das Rudel schrumpft Public Viewing wird zur Privatsache

Keine WM ohne kollektives Fußballgucken. Das jedenfalls galt bisher.

Keine WM ohne kollektives Fußballgucken. Das jedenfalls galt bisher.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit dem "Sommermärchen 2006" ist Public Viewing bei Fußball-Großereignissen nicht wegzudenken. Doch das gemeinsame Jubeln und Weinen scheint seine Faszination verloren zu haben - aus verschiedenen Gründen.

Das schwarz-rot-goldene Fanmeer am Brandenburger Tor in Berlin wird auch bei dieser WM eines der prägenden Bilder sein, das darf man schon vor Turnierbeginn getrost behaupten. Die Organisatoren des Public Viewings in Berlin richten sich bei Spielen der deutschen Weltmeister wieder auf bis zu 300.000 Menschen ein, die gemeinsam jubeln, zittern und womöglich weinen wollen. Bundesweit jedoch hat das Rudelgucken, das seit dem "Sommermärchen 2006" zur WM gehört wie der Ball, seinen Zenit überschritten.

In vielen Großstädten werden keine Marktplätze mehr für Fanmeilen gesperrt, das Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg steht wegen fehlender Sanitäter massiv auf der Kippe und selbst in Berlin werden die Tore erst ab dem Achtelfinale an jedem WM-Spieltag geöffnet. In der Vorrunde kann man nur die Spiele der deutschen Mannschaft auf den Hauptstadtboulevards verfolgen. Der schleichende Rückgang hat Gründe.

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"Die Veranstalter müssen natürlich im Auge haben, dass sich ein Public Viewing amortisiert", sagte der renommierte Fanforscher Gunter A. Pilz: "Hinzu kommt die Sorge vor Terroranschlägen bei solchen Ereignissen. Die Veranstalter müssen massive Sicherheitsvorkehrungen treffen. Da überlegt man sich zweimal, ob man dies auf sich nimmt."

Zweiter Boom 2024?

Das Rudelgucken verlagert sich eher in (Open-Air-)Kneipen oder aber in den heimischen Garten, der Zirkel wird insgesamt kleiner und persönlicher. Dies liegt auch daran, dass Großbildfernseher immer erschwinglicher werden. "Jede Kneipe oder jede Kirchengemeinde kann ein Public Viewing im kleineren Kreis veranstalten", sagte Pilz. Dass Public Viewing vor zwölf Jahren zu einer Massenbewegung wurde, liegt nach Ansicht des Soziologen an einem Faktor, der sich nicht beliebig reproduzieren lässt: "Viele Fans aus dem Ausland sind ohne Eintrittskarten ins Land gekommen und haben die Spiele beim Public Viewing verfolgt. Und viele Deutsche haben die WM als Fest betrachtet, an dem sie teilnehmen wollten. Da ging es nicht nur um Fußball."

Ein zweiter Boom könnte aber kommen, glaubt Pilz: "Wenn Deutschland den Zuschlag für die EM 2024 erhält, ist das gut möglich. Dann hätten wir wieder eine Situation, in der viele Gäste ins Land kommen und die Völkerverständigung wieder in den Vordergrund rückt."

Das Fußballfieber wird aber auch ohne "Heimspiel" im nächsten Monat das Land erfassen. Wenn Deutschland spielt, dürfen ARD und ZDF mit den besten Einschaltquoten des Jahres rechnen. Der Bundesrat lockerte für die Dauer der WM das Nachtruhegesetz, so dürfen etwa Public Viewings auch nach 22.00 Uhr stattfinden.

Besonders die Brauereien setzen auf das Zugpferd Fußball. Immerhin stieg der Bierumsatz sowohl bei WM 2014 als auch bei der EM 2016 jeweils um 14 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr, der von Biermischgetränken sogar um 27 Prozent. Trikots und Fahnen sind mal wieder der Renner, und auch für skurrile Devotionalien wie schwarz-rot-goldene Untersetzer oder Beachball-Sets mit "Schland"-Gravur gibt es offenbar einen Markt. Letztere dürfte man in vier Jahren übrigens kaum mehr an den Mann bringen: Die WM 2022 in Katar findet im deutschen Winter statt. In den Public-Viewing-Areas dürften sich die Reihen dann noch mehr lichten.

Quelle: n-tv.de , Marco Heibel, sid

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