Fußball-WM 2018

Unberechenbare Offensive Kroatiens Mut verdient den WM-Titel

Luka Modric ist auf dem Weg, bester Spieler des Turniers zu werden.

Luka Modric ist auf dem Weg, bester Spieler des Turniers zu werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während Teams wie Frankreich und England im Beamtenmodus versuchen, Fehler zu vermeiden, geht Kroatien bei der WM in jedem Spiel ein hohes Risiko ein. Der Weg zahlt sich bislang aus. Ihr Spielmacher-Duo macht sie dazu unberechenbar.

Im ganzen Land herrscht Fußball-Euphorie und sogar Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic feiert nach dem Halbfinaleinzug gegen Russland ausgelassen mit den Spielern in der Kabine. Um den Titel zu gewinnen, spielen die Vatreni deutlich riskanter als die verbliebenen WM-Anwärter. Die Außenseiterrolle im Halbfinale gegen England kommt ihnen da sogar entgegen.

Die kroatische Mannschaft steht kurz davor, zu den ganz großen Fußballnationen aufzuschließen. In den meisten WM-Duellen waren sie ohnehin der Favorit, ihre Gegner standen tief und setzten auf Konter. Gegnern auf Augenhöhe begegneten die Kroaten mit Raffinesse. Die Mannschaft hat unter Trainer Zlatko Dalic ihre Balance gefunden, vereint fußballerisches Talent und taktische Disziplin. So richtig ausrechenbar ist das Team durch die Individualisten für den Gegner nicht, auch wenn der Aufbau der Angriffe immer einem bestimmten Muster folgt.

Vorteil des doppelten Spielmachers

Die beiden Spielgestalter Ivan Rakitic oder Luka Modric starten jeden Spielzug. Sie übernehmen in der Tiefe den Ball und eröffnen mit einem druckvollen Pass auf die hochstehenden Außenverteidiger. Von da wird der Ball schnell weitergeleitet auf die Flügelspieler Ivan Perisic und Ante Rebic, die an der Außenlinie kleben. Mario Mandzukic und Kramaric lassen sich oft aus dem Zentrum auf die Außen abfallen und dienen ebenfalls als Abnehmer. So bringen sie den Gegner ins Laufen und schaffen Räume für die nachrückenden Spielmacher. Bekommen die den Ball nicht zurück, setzen die Kroaten auf Flanken.

Das Spiel der Dalic-Elf ist so zwar insgesamt sehr flügellastig, Spielzüge durch das Zentrum werden aber auch eingestreut, ebenso wie Distanzschüsse. Die Ausbeute nach Flanken - ausgenommen bei Standardsituationen - lässt bei dieser WM aber noch zu wünschen übrig.

Richtig gut funktionieren Kroatiens Spieler erst im Umschaltspiel. Immer dann, wenn sie sich die Räume nicht selbst erarbeiten müssen, wie gegen Argentinien. Kroatien geht dabei volles Risiko. Möglichst direkt und möglichst schnell wird sich Richtung gegnerisches Tor vorkombiniert. Da sind Fehlpässe allerdings vorprogrammiert. Aber Fehler zu machen, ist erlaubt, solange die defensive Ordnung nicht verloren geht. Auch dafür sorgen Modric oder Rakitic, die sich gegenseitig absichern. Hinten wirken die Vatreni dazu gefestigt, bis auf den Handelfmeter gegen Island und einen schlimmen Ballverlust gegen die Russen, waren keine kapitalen Aussetzer dabei.

Runter von der Euphoriebremse

Das System funktioniert bislang bei der WM, auch weil sich die Mannschaft demütiger gibt. Hatte man vor der EM 2016 noch getönt, den Titel nach Kroatien zu holen, hielten sich Spieler und Verantwortliche vor der Endrunde in Russland eher zurück. Alles Schritt für Schritt. Einen Schritt von dem Finale entfernt gehen die Kroaten aber auch verbal in die Offensive. "Natürlich haben wir noch Kraft für die Engländer. Es wird wieder eine Schlacht, aber ich glaube an uns", versprach Dalic nach dem Viertelfinale gegen Russland.

"Wer auch immer die Favoriten waren, sie sind jetzt zu Hause. Diejenigen, die hart arbeiten, kompakt stehen und gut organisiert sind, weilen noch hier", so der Trainer. Unter den verbliebenen Nationen werden seiner Mannschaft die geringsten Chancen auf den Titel eingeräumt.

Nachdem die Dalic-Elf zwei Mal in Serie über 120 Minuten ran musste, sind die Three Lions im Halbfinale der leichte Favorit. Die Rolle hatte Kroatien bereits gegen Argentinien inne - da konnten sie mit ihrer mutigen Spielweise überzeugen. Ein Sieg gegen England wäre ohnehin keine echte Überraschung - vielmehr der verdiente Lohn für die kroatische Risikobereitschaft.

 

Quelle: n-tv.de


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