Redelings Nachspielzeit

Redelings über neue Trainer "Wäre der erfolgreich, käme er nicht zu uns"

Echte Liebe? Eher blanker Hass, der Tayfun Korkut in Stuttgart entgegenschlägt.

Echte Liebe? Eher blanker Hass, der Tayfun Korkut in Stuttgart entgegenschlägt.

(Foto: dpa)

Trainerverpflichtungen sind selten Liebesheiraten. Es ist eher wie beim Rosenmontags-Kehraus nachts um halb drei: Man nimmt das, was im Angebot ist. Dabei sehnen sich Fans doch jedes Mal aufs Neue nach der einen großen Liebe.

Vor ein paar Tagen kursierte in den sozialen Medien ein Schnappschuss von Tayfun Korkut. Das Bild zeigte den neuen Trainer des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart bei seiner allerersten Pressekonferenz in dieser Funktion. Das Foto war eine Momentaufnahme der Liveübertragung der PK auf Facebook. Und da dort die Zuschauer ihren Emotionen über die bekannten sechs Emojis - vom "Gefällt mir"-Daumen über "Love" hin zu "Wow" - freien Lauf lassen können, war das Bild übersät mit nur einer einzigen Gefühlsregung: "wütend".

Euphemistisch ausgedrückt könnte man sagen: Die Verpflichtung von Tayfun Korkut als neuer VfB-Trainer wurde nicht von allen Fans des Klubs mit einem euphorischen Klatschmarsch begleitet. Weniger freundlich umschrieben müsste man konstatieren: Der blanke Hass, der Korkut an seinem ersten Tag in Stuttgart entgegenschlug, hätte wohl den stärksten Bullen auf der Weide locker von den Beinen gehauen.

"Warte es ab, der taugt nix!"

Nun sind zwei Partien gespielt, die Stuttgarter haben vier Punkte geholt - und schon sieht die Welt wieder ein wenig anders aus. Sollte man eigentlich meinen. Doch noch möchten sich die Kritiker nicht bekehrt sehen: "Jeder neue Trainer bringt erst einmal Schwung, Spieler hängen sich rein, um einen Stammplatz zu kriegen ... Warte es ab, der taugt nix!"

Oder, wie es ein anderer VfB-Fan noch etwas deutlicher schrieb: "Natürlich muss man Korkut vorher kritisieren. Sollte man jetzt auch noch. Alles andere wäre naiv und dumm." Vorgestern nun spielte sich in Bochum eine recht ähnliche Situation ab. Robin Dutt wurde als neuer Chefcoach präsentiert und wieder hagelte es Unmut: Von "Alter, wollen die uns verarschen???" über "... der hat doch noch nie irgendwo was gerissen" bis hin zum unumkehrbaren Fazit eines Users "EINE NIETE!!!" Vorschusslorbeeren sehen anders aus. In diesem dunklen Dickicht an (fiesen) Vorabverurteilungen sind Kommentare, die in die Richtung gehen "... erst einmal eine faire Chance geben" schon fast Liebesbekundungen. Dabei sollten doch eigentlich jedem Fan zwei Dinge klar sein. Erstens: Die Zeit mit einem neuen Trainer ist von vornherein begrenzt. Und zweitens: 99 Prozent aller zur Verfügung stehenden Übungsleiter sind zuvor schon einmal bei einer anderen Station krachend gescheitert. Bei Robin Dutt gilt dies für seine Engagements als Trainer von Werder Bremen und Bayer Leverkusen und seine Zeit als Sportdirektor in Stuttgart.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Bei seiner ersten Bundesliga-Station beim SC Freiburg hat er sich hingegen eine weitgehend positive Reputation erarbeitet, wie auch sein zukünftiger Co-Trainer und damaliger Spieler, Heiko Butscher, in einem "Westline"-Interview vor knapp einem Jahr erzählte: "Robin Dutt hat mich geprägt. Unter ihm hat es mich gepackt, ich habe begonnen, mehr zu hinterfragen. Dank seiner Arbeit habe ich mich entscheidend weiterentwickelt, wurde sogar Kapitän in Freiburg. Der Klub ist insgesamt mein heimlicher Favorit für eine klare Handschrift und viel Kontinuität." Ein interessantes Statement, das der Verpflichtung von Dutt in der Tat eine wichtige Komponente hinzufügt, die Fußballfans instinktiv suchen, aber viel zu selten mit ihrem neu engagierten Trainer in Einklang bringen können: das Wort "Hoffnung".

Die Fans des VfL Bochum wundern sich über die Verpflichtung von Robin Dutt.

Die Fans des VfL Bochum wundern sich über die Verpflichtung von Robin Dutt.

(Foto: dpa)

Die Sahneschnitten sind unerreichbar

Keine Frage: Es wäre natürlich bei jeder Trainer-Neueinstellung viel schöner, wenn man sich wie in der Liebe verträumt und unvorbelastet einem neuen Partner voll und ganz hingeben könnte. Alle Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen könnte man in diesen einen Gefährten hineinprojizieren. Doch die Realität sieht leider anders aus. Ein bisschen wie beim Rosenmontags-Kehraus nachts um halb drei: Man nimmt das, was im Angebot ist – und vor allem denjenigen, den man überhaupt ergattern kann.

Denn auch diesen Punkt darf man bei einer Trainerneuverpflichtung nicht außer Acht lassen: Die absoluten Sahneschnitten - wie Jürgen Klopp, Josep Guardiola oder auch Julian Nagelsmann - sind für 90 Prozent aller Klubs unerreichbare Früchte am Baum der Hoffnungen. Oder wie es ein VfL-Fan nach der Dutt-Präsentation ausdrückte: "Hätte der Mann Erfolg, würde der sicherlich nicht zum VfL in die zweite Liga gehen ..." Ist was Wahres dran.

Nun wird man in Stuttgart und Bochum erst in ein paar Wochen oder Monaten wissen, wie gut die neue Konstellation auf Zeit tatsächlich ist. Aber egal, wie es am Ende auch immer gelaufen sein mag, eins ist bereits heute schon gewiss: Der nächste Trainer kommt bestimmt! Man kann beiden Vereinen und den neuen Übungsleitern nur wünschen, dass dieser Moment in einer möglichst weit entfernten Zukunft liegt.

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Quelle: n-tv.de

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