Redelings Nachspielzeit

Redelings wird alt Nations League und ein großes Fragezeichen

Da kann man sich auf den Kopf stellen: Die Nations League ist schwer verständlich.

Da kann man sich auf den Kopf stellen: Die Nations League ist schwer verständlich.

(Foto: imago/Westend61)

Es gibt diesen nigelnagelneuen Wettbewerb der Uefa: "Nations League". Als sich unser Kolumnist mit den Regeln des Wettbewerbs auseinandersetzt, fühlt er sich plötzlich an seine Eltern und an den ersten VHS-Rekorder der Familie erinnert.

Ich werde alt. Da führt offensichtlich kein Weg mehr dran vorbei. Wie ich das gemerkt habe? In der letzten Woche - beim Fußballschauen. Deutschland gegen Frankreich. Dass es kein stinknormales Freundschaftsspiel ist, hatte ich schon vorher einmal lose mitbekommen. "Nations League" soll das Ding heißen, hatte ich gelesen, aber mich nicht weiter dafür interessiert. Im Kopf hatte ich mir selbst etwas zusammengereimt, da wir im Sommer mit den Kindern einen Sonntag in Düsseldorf gewesen waren und dort Hockey geschaut hatten. Der Wettbewerb hieß "Four Nations Cup". Unsere Nationalelf kompakt über ein Wochenende verteilt gegen drei andere Teams. So etwas in der Art würde diese "Nations League" wohl auch sein, hatte ich mir gedacht. Wie gesagt: Ich habe mich nicht sonderlich für die Sache interessiert.

So wenig, dass das Ding in den letzten Jahren komplett unter meinem Radar hindurchgerauscht ist. Mit großer Verwunderung habe ich nachlesen müssen, dass die Uefa den neuen Wettbewerb bereits 2014 beschlossen hat. Diese Uninformiertheit sollte erst einmal jeden überraschen, der weiß, dass ich mich 24 Stunden am Tag mit nichts anderem beschäftigen darf als Fußball. Mich überrascht es allerdings nicht mehr. Mir ist es auch nicht peinlich zuzugeben, dass ich bis vorgestern nicht wusste, was diese "Nations League" überhaupt ist. Mein Nicht-Wissen ist schlicht und ergreifend ein Ausdruck des mittlerweile uferlosen Desinteresses gegenüber dem Treiben der großen Fußballverbände.

Deutschland gegen Frankreich - nicht nur irgendein Freundschaftsspiel.

Deutschland gegen Frankreich - nicht nur irgendein Freundschaftsspiel.

(Foto: imago/Plusphoto)

Deutschland kann absteigen?

Aber kommen wir zurück zum Anfang und wie ich gemerkt habe, dass ich offensichtlich alt werde. Am Morgen nach dem Spiel gegen Frankreich - das ich weitgehend nebenbei und ohne Ton gesehen hatte - hörte ich im Radio eine Stimme sagen, dass Deutschland absteigen könne. Ich stutzte. Hatte der gute Mann gerade etwas von Abstieg erzählt? Unsere Nationalmannschaft? Langsam wurde ich neugierig - denn mit dem Thema kenne ich mich als Fan des VfL Bochum naturgemäß überdurchschnittlich gut aus. Und tatsächlich setzte ich mich nun erstmals hin und las mir durch, was sich die Uefa mit diesem neuen Wettbewerb so alles gedacht hat. Ich erinnerte mich sogar wieder an Versatzstücke der damaligen Auseinandersetzungen, an all die Diskussionen rund um die Realisation und an Platinis schlussendlichen Triumph.

Natürlich schaute ich mir auch genau an, wie diese "Nations League" überhaupt laufen sollte. Was es mit dem Thema "Abstieg" auf sich hat, wer alles mitmachen darf, wie und wann und wo gespielt wird - und überhaupt. Und was soll ich sagen? Ich habe plötzlich an meine Eltern gedacht. Ich habe mich an den Morgen nach Heiligabend erinnert, als mein Vater den neuen VHS-Rekorder mit der Steckdose verband, aufmerksam das unaufhörliche Blinken auf dem Display betrachtete und mich dann ratlos ansah. Er hatte die Bedienungsanleitung bereits zweimal gelesen, aber das Ding da vor ihm war immer noch das berühmte Buch mit sieben Siegeln. Er wollte das alles verstehen, aber er konnte es einfach nicht. Erst Anfang 40 war er da und stand trotzdem mit hochgezogener Schulter vor mir und sagte diesen einen Satz: "Ben, ich glaube, dafür bin ich einfach schon zu alt!"

Lass die Jugend mal machen

Ich weiß noch, wie ich gelächelt habe und nicht im Ansatz verstanden habe, was er mit diesem Satz meinte. Wie konnte man zu alt für solch einen Babykram sein? Da stand doch alles haarklein genau beschrieben, was man zu tun hatte? Über 30 Jahre später kann ich meinen Vater endlich verstehen. Ich begreife, dass er natürlich kapierte, was er da las - aber irgendwas in seinem Inneren sagte ihm gleichzeitig: "Das ist alles neumodisches Zeug. Es ist vollkommen in Ordnung, dass du das nicht auf Anhieb verstehst. Eines Tages wird es diesen Apparat da vor dir gar nicht mehr geben - und die Welt wird dennoch nicht untergegangen sein. Sei also beruhigt und widme dich wichtigeren Dingen in deinem Leben. Lass die Jugend mal machen - sie wird später auch einmal an deiner Stelle sein!"

Natürlich weiß ich, dass viele Jüngere und Junggebliebene jetzt mit dem Kopf schütteln - wie ich damals bei meinem Vater -, wenn ich sage: Ich habe nach zweimaligem Lesen der Uefa-Wettbewerbsstatuten für die "Nations League" aufgegeben. Ich habe es einfach nicht auf Anhieb verstanden. Es war mir alles zu kompliziert. Und dann verging mir auch recht schnell die Lust. Es bleibt die Erkenntnis: Ich bin dafür wohl einfach schon zu alt - und das ist auch völlig okay so!

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Quelle: n-tv.de

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