Redelings Nachspielzeit

Redelings über Ernst Happel König des "Lungenzugs" und der Lattendose

"König Lungenzug" war für die Spieler wie ein "Sechser im Lotto".

"König Lungenzug" war für die Spieler wie ein "Sechser im Lotto".

(Foto: imago/Werner Otto)

Vor 25 Jahren stirbt einer der größten Trainer der Fußballgeschichte: Ernst Happel. Fans erinnern sich an einen sprachgewaltigen Grantler, der das Leben liebte. Zu seinen Spielern pflegte er, nun ja, ein spezielles Verhältnis.

Ernst Happel hat einmal über sich gesagt: "Granteln, granteln, ich muss halt granteln in der Früh. Wenn ich das tu, ist der Tag besser für mich. Wenn ich nicht granteln kann, ist es für mich ein schlechter Tag." Diese Lebenseinstellung haben einige deutsche Medien-Vertreter leider persönlich genommen. So war das Verhältnis von Happel zu den Männern von der Presse meist gestört. Und tatsächlich beruhte das auf Gegenseitigkeit: "Ich bin sehr unterhaltsam, aber wenn ich ein paar Journalisten sehe, habe ich keinen Grund zu lachen."

Auch die Spieler bauten nicht immer die beste Beziehung zu ihrem Trainer auf, denn Lust auf ausgeprägte Kommunikation mit seinen Profis verspürte Happel eher selten: "Mit Spielern rede ich nicht, mit Spielern operiere ich." Was das konkret bedeutete, zeigt ein Zitat von Dieter Schatzschneider. Der HSV-Stürmer wurde von Journalisten gefragt, ob er denn im nächsten Spiel von seinem Trainer eingesetzt werde. Schulterzuckend antwortete der Lockenkopf: "Das wissen nur der liebe Gott und der Trainer. Und mit beiden spreche ich momentan nicht."

Beim Hamburger SV ließ er auch einmal Caspar Memering 30 Minuten warmlaufen, ohne ihn anschließend einzuwechseln. Der Emsländer reagierte ruhig, aber dennoch mehr als verstört. Ebenso wie die Presse, die deshalb vom Trainer wissen wollte, was die Aktion denn sollte. Happel antwortete: "Wir haben bekanntlich morgen kein Training. Deshalb habe ich ihn laufen lassen." Er konnte sich solche Dinge leisten. Die Spieler achteten ihn ("Wer den Happel als Trainer hat, hat einen Sechser im Lotto gezogen", Franz Beckenbauer), der Respekt war riesengroß. Die HSV-Profis wussten nicht nur, dass Happel selbst einst ein Nationalspieler gewesen war, sondern auch, dass er Mannschaften besser machen konnte.

Wegbereiter von "Voetbal totaal"

Sein Ruf aus den Trainerjahren in den Niederlanden bei ADO Den Haag und Feyenoord Rotterdam war legendär. Dort feierte man ihn als modernen Trainer, der mit teils revolutionären Spielideen auch als Wegbereiter des berühmten "Voetbal totaal" gilt. Als Bondscoach zog Happel mit den Niederlanden bei der WM 1978 sogar ins Finale gegen den Gastgeber Argentinien ein. Bei seiner ersten Trainerstation in Den Haag zelebrierte er auch erstmals einen speziellen Trick im Umgang mit den Spielern. Im Training ließ er eine Dose auf die Torlatte stellen und schoss diese von der 16-Meter-Linie mit dem ersten Versuch hinunter. Anschließend forderte er seine Spieler auf, es ihm gleichzutun. Wer es schaffte, durfte duschen gehen.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

In Hamburg wiederholte er die Nummer. Bei der allerersten Trainingseinheit schnappte sich Happel einen Ball, ließ eine Dose auf die Torlatte stellen und knallte diese mit einem Schuss hinunter. Danach durfte jeder HSV-Profi einmal ran. Bis auf Franz Beckenbauer scheiterten alle. Happel nahm sich erneut einen Ball, stellte sich an die 16-Meter-Linie und ballerte die Dose noch einmal hinunter. Danach blickte er in die Runde und sagte: "So, jetzt machen wir Konditionstraining!"

Den Spielern gefiel an ihrem Coach aber auch noch etwas anderes: Er war ein Mann, der mitten im Leben stand. Sein ewiger Widersacher Max Merkel, der ihm einmal den Spitznamen "König Lungenzug" verpasste, hat über Happel gesagt: "Alles was mit F anfing, gefiel ihm. Film, Frauen, Feuerwasser, Fidelitas aller Art. Aber auch bei Skat, Poker und Roulette war er dabei." Diesen Worten hätte der österreichische Erfolgstrainer (18 Titelgewinne) wohl selbst nicht widersprochen. Happel meinte einmal: "Ich möchte 100 Jahre alt werden. Oder wenigstens 75 – dann hab ich 150 Jahre gelebt."

"Da stimmte das Verhältnis Arbeit /Schnaps"

Sein Spieler Horst Hrubesch findet noch heute eine einfache Formel für Happels Erfolg: "Da stimmte das Verhältnis Arbeit /Schnaps." Auch wenn Max Merkel meinte: "Der Zebec trinkt aus dem Glas und der Happel gleich aus der Flasche." Das andere große Laster, das Rauchen, führte übrigens zu einer kuriosen Begebenheit. Beim Finale der WM 1978 standen sich nicht nur die Niederlande und Argentinien gegenüber, sondern auch die beiden rauchenden Trainer Menotti und Happel. Und die qualmten während des ganzen Spiels Kette. So viel, dass die Organisatoren extra große Aschenbecher am Spielfeldrand für die beiden Übungsleiter aufstellen mussten.

Ein Lebemann.

Ein Lebemann.

(Foto: imago/VI Images)

Der Lebemann Happel offenbarte sich auch bei einem anderen Thema: "Ordnung und Disziplin müssen sein. Aber der Spieler muss auch einen regelmäßigen Sexverkehr haben. Fünf Wochen ohne Sex auskommen, das kann er nicht. Er kann es ja nicht aus dem Hirn rausschwitzen." Jimmy Hartwig war seinem Chef für diese Einstellung sehr dankbar: "Trainer Ernst Happel versteht es auch, dass ein Spieler nach 14 Tagen Trainingslager Schweißausbrüche kriegt, wenn er eine Frau sieht." Wiewohl der Österreicher seinem Team damit keinen Freifahrtschein ausstellte. Die Kontrolle behielt er trotzdem: "Man soll nicht gleich eine Mauer machen um das Spielerhotel. Aber ein paar Ziegel sollte man immer dabeihaben."

Happel hat einmal gesagt: "Meine schlaflosesten Nächte habe ich jeden Sonnabendnachmittag am Spielfeldrand." Doch der Fußball bot auch solche Momente wie den 25. Mai 1983. Damals spielte der Hamburger SV im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Juventus Turin. Im Rückblick erinnerte sich Ernst Happel immer sehr gerne an dieses besondere Spiel: "Die erste Halbzeit in Athen – da habe ich die Arme verschränkt und hab gedacht: Es gibt nichts Schöneres. In einer Kirche ist es auch nicht schöner."Nach langer, schwerer Krankheit verstarb der gebürtiger Wiener heute vor 25 Jahren in Innsbruck. Kurz vor seinem Tod sagte er einen besonderen Satz: "Für mich hat sich alles gelohnt, und ich bereue nichts." Ernst Happel hat stets nach der Devise gelebt: "Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag."

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Quelle: n-tv.de

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