Collinas Erben

"Collinas Erben" ziehen Bilanz Warum der "Videobeweis" kein Beweis ist

Schiedsrichter Zwayer im DFB-Pokalfinale: Auch hier wurde der "Videobeweis" zum Streitfall.

Schiedsrichter Zwayer im DFB-Pokalfinale: Auch hier wurde der "Videobeweis" zum Streitfall.

(Foto: AP)

In ihrer Premierenspielzeit ist die "Videobeweis" genannte Überprüfung spielrelevanter Szenen durch einen Unparteiischen eines der dominierenden Themen in der Fußball-Bundesliga. Schon deshalb ist es Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

In den Entscheidungsspielen der vergangenen Tage um Aufstieg und Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga sowie im DFB-Pokal demonstrierte der Videobeweis wie in einem Schnelldurchlauf noch einmal alles, was ihn seit seiner Einführung kennzeichnet: die Berichtigung klarer Fehler, umstrittene Korrekturen und erregte Diskussionen. Im Relegations-Rückspiel zwischen Holstein Kiel und dem VfL Wolfsburg (0:1) funktionierte er zunächst perfekt, weil mit seiner Hilfe aufgedeckt wurde, dass einem frühen Tor der Niedersachsen ein strafbares Abseits vorausging, das für das Team der Unparteiischen auf dem Platz nicht klar zu erkennen war. Später in der Partie konnte man hingegen unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob es wirklich ein klarer und offensichtlicher Fehler gewesen wäre, den Kieler Ausgleich zum 1:1 anzuerkennen. Schiedsrichter Daniel Siebert folgte jedenfalls dem Ratschlag seines Video-Assistenten Robert Hartmann, sich den mit dem Oberarm erzielten Treffer von Rafael Czichos noch einmal anzusehen, und entschied dann: Das Tor zählt nicht. Dafür gab es Argumente – für das Gegenteil allerdings auch.

In der Nachspielzeit des DFB-Pokalfinales zwischen dem FC Bayern München und Eintracht Frankfurt (1:3) wiederum traf Referee Felix Zwayer auf der Grundlage der Videobilder eine Entscheidung, die viele so gar nicht verstehen konnten: Als Kevin-Prince Boateng im eigenen Strafraum den Ball wegschlagen wollte und dabei statt des Spielgeräts das linke Bein des Münchners Javi Martínez mit Wucht traf, mochte der Unparteiische auch nach dem Betrachten der Wiederholungen keinen Strafstoß geben. Darüber wunderten sich nicht nur die Bayern, auch die Frankfurter gaben zu, mit einem nachträglichen Elfmeterpfiff gerechnet zu haben. Gegenüber dem "Kicker" erklärte Zwayer dann, "anhand des Bildmaterials keinen Kontakt gesehen" zu haben, der "ursächlich für das Zufallkommen von Martínez war".

Schließlich habe der Spanier "den getroffenen Fuß noch ohne Bewegungsänderung und stabil auf dem Boden aufgesetzt, bevor sein anderes Bein abhebt, nach vorne fliegt und er hinfällt". Mit anderen Worten: "Treffer und Wirkung haben für mich nicht zusammengepasst." Auch mit dem Abstand von zwei Tagen stehe er zu dieser Entscheidung, so der Schiedsrichter, der bei der WM in Russland als Video-Assistent zum Einsatz kommen wird. Entgegenhalten könnte man ihm, dass Martínez noch versuchte, trotz des Tritts gegen seinen linken Fuß das Gleichgewicht zu halten und den Ball mit seinem rechten Fuß zu spielen, was jedoch misslang und den unvermeidlichen Sturz deshalb etwas seltsam aussehen ließ. Auch Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich stellte die Frage in den Raum, "ob solche Entscheidungen am Ende in der Öffentlichkeit noch nachvollziehbar sind", wenngleich er die Argumentation von Zwayer im Grundsatz verstehen konnte.

*Datenschutz

Das Pokalendspiel hat noch einmal deutlich werden lassen, dass die Eindeutigkeit des Videomaterials oftmals eine Fiktion ist, weil die Bilder gerade bei subjektiven Entscheidungen - also solchen, die im Graubereich der Zweikämpfe und Handspiele liegen - nun mal der Interpretation durch den Unparteiischen bedürfen. Der Begriff "Videobeweis", der sich eingebürgert hat, ist insoweit häufig nicht zutreffend, denn er suggeriert eine Objektivität, die längst nicht immer gegeben ist – und auch gar nicht immer gegeben sein kann. Doch selbst um sogenannte faktische Entscheidungen wie das Abseits im Zuge von Torerzielungen gab es im Laufe der Saison bisweilen Streit, weil den Video-Assistenten keine kalibrierten Linien zur Verfügung standen und sie deshalb nach Augenmaß urteilen mussten. Bei der WM in Russland soll das anders sein - offenbar gibt es nun jenes von der Fifa zertifizierte System genormter Abseitslinien, auf dem die Deutsche Fußball-Liga für die Bundesliga besteht. Wenn es bei der WM funktioniert wie gewünscht, wird es in der kommenden Saison vermutlich auch im deutschen Fußball-Oberhaus verwendet werden.

Die Akzeptanz hat sich in der Rückrunde verbessert

Ist die Einführung der Video-Assistenten in der Bundesliga insgesamt ein Erfolg? Die Antwort auf diese Frage hängt wohl maßgeblich vom Betrachter ab. Unstrittig ist, dass viele schwerwiegende Fehler der Schiedsrichter mithilfe der Bilder korrigiert werden konnten. Das war ein wesentliches Ziel dieser Neuerung und ging im oft populistischen Spott über den "Kölner Keller" zu Unrecht unter. Gleichzeitig litt die Akzeptanz in mancherlei Hinsicht unter mangelnder Transparenz. Das betrifft zum einen die Fans im Stadion, von denen sich viele bitterlich darüber beklagten, anders als die Fernsehzuschauer im Unklaren darüber gelassen zu werden, warum eine Entscheidung überprüft und gegebenenfalls geändert wird. Dieses Problem scheint die DFL nun anzugehen: In Düsseldorf gab es unlängst einen Testlauf, bei dem im Rahmen eines eigens dafür arrangierten Jugendspiels mit Durchsagen des Schiedsrichters über die Stadionlautsprecher und Einblendungen auf der Anzeigetafel experimentiert wurde. Ob - und wenn ja, wann - eine solche Vermittlung eingeführt wird, ist noch offen.

Zum anderen gab es ein Transparenzproblem beim DFB, der in der Hinrunde mehrmals seine generelle Linie bei der Anwendung des Videobeweises änderte, ohne das zeitnah gegenüber den Klubs und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Die Folge davon war große Verwirrung darüber, wann die Video-Assistenten einschreiten und wann nicht. Der Einsatz der Technik wirkte uneinheitlich und führte in einem Fall, nämlich beim Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln, sogar dazu, dass ein annullierter Treffer schließlich doch anerkannt wurde. Obwohl das Spiel im Moment der Torerzielung bereits unterbrochen war. Gegen den Projektleiter Videobeweis, Hellmut Krug, wurden außerdem Manipulationsvorwürfe laut, die sich zwar nicht erhärteten, aber dennoch zu seiner Ablösung beitrugen. Erst unter Krugs Nachfolger Lutz Michael Fröhlich verbesserten sich die Kommunikation und die Berechenbarkeit, was die Tätigkeit der Video-Assistenten betrifft.

Fröhlich sorgte - auch auf Drängen der obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) - beispielsweise dafür, dass die Interventionen aus der Kölner Videozentrale einerseits seltener und andererseits nachvollziehbarer wurden. Auf einer Pressekonferenz in der Winterpause machte er deutlich, dass die Video-Assistenten keine Detektive sein, sondern nur bei klaren und zudem offensichtlichen Fehlern der Unparteiischen einschreiten sollen. Auf der Website des DFB erläuterten nun Referees, Video-Assistenten und Fröhlich selbst regelmäßig strittige Entscheidungen. Zwar gab es weiterhin Diskussionen über Grenzfallentscheidungen, doch insgesamt beruhigten sich die Debatten merklich. Erst zum Saisonende wurde die Kritik wieder lauter, beispielsweise infolge des kuriosen "Halbzeit-Elfmeters" im Spiel zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem SC Freiburg und nach der umstrittenen Empfehlung des Video-Assistenten, ein Tor für den Hamburger SV in der Partie bei Eintracht Frankfurt wegen einer mit bloßem Auge kaum zweifelsfrei zu erkennenden Abseitsstellung des Torschützen zu annullieren.

Zum Videobeweis kommt es fast immer bei knappem Spielstand

Insgesamt wurden in der Rückrunde nur noch 28 Entscheidungen mithilfe der Video-Assistenten geändert, während es bis zur Winterpause 48 waren - eine Folge der geänderten Linie. Gleich 39 der 76 Änderungen, also mehr als die Hälfte, betrafen Elfmeterentscheidungen, die entweder nachträglich getroffen (26-mal) oder zurückgenommen wurden (13-mal). Auf Anraten der Video-Assistenten wurden zudem 23 Tore annulliert, davon alleine 14 in der Rückrunde. Sechsmal folgte auf eine Intervention aus der Kölner Zentrale eine Rote Karte, die es sonst nicht gegeben hätte. Interessant ist auch die Verteilung der Änderungen auf die Spielphasen: Während vor und nach der Halbzeitpause annähernd gleich viele Korrekturen vorgenommen wurden - das Verhältnis beläuft sich auf 40 zu 36 -, gibt es starke Ungleichverteilungen bei bestimmten Entscheidungen.

So wurden beispielsweise in der ersten Hälfte 15 Tore annulliert, in der zweiten dagegen nur 8. Bemerkenswert ist zudem, dass alle 6 Platzverweise, die auf Empfehlung des Video-Assistenten zustande kamen, in den ersten 45 Minuten ausgesprochen wurden. Dafür gab es nach dem Seitenwechsel 16 nachträglich zugesprochene Strafstöße, davor hingegen bloß 10. Auch zurückgenommen wurden Elfmeter nach der Pause (8-mal) häufiger als davor (5-mal). Insgesamt waren die Schlussviertelstunden jeder Hälfte zuzüglich der Nachspielzeit die ereignisreichsten, was Entscheidungsänderungen betrifft. Auffällig ist darüber hinaus, dass es sehr häufig zu Berichtigungen mithilfe des Video-Assistenten kam, wenn das Spiel unentschieden stand oder ein Team mit nur einem Tor Vorsprung führte. Lediglich bei 9 der 76 Korrekturen war das anders.

Der VfB Stuttgart war das Team, das mit 9 Änderungen zu seinen Gunsten am häufigsten vom Video-Assistenten profitierte. Borussia Dortmund kam auf 8 Korrekturen zum eigenen Vorteil, der VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt auf jeweils 6. Werder Bremen ist der einzige Klub, der diesbezüglich leer ausging. Auf der anderen Seite fielen 8 Berichtigungen, mehr als bei jedem anderen Bundesligisten, zulasten von Bayer 04 Leverkusen aus. Dahinter folgen der FC Schalke 04 mit 7 sowie der SC Freiburg und der FC Bayern München mit je sechs. Die TSG 1899 Hoffenheim hingegen musste keine einzige Entscheidungsänderung zu ihren Ungunsten hinnehmen.

Mit je 7 Korrekturen waren Guido Winkmann (bei 13 Einsätzen) und Tobias Stieler (bei 17 Einsätzen) die änderungsfreudigsten Unparteiischen. Martin Petersen änderte in seinem ersten Jahr als Bundesliga-Referee in seinen 8 Spielen als einziger Schiedsrichter keine Entscheidung auf Empfehlung des Video-Assistenten. Christian Dingert (15 Einsätze) und Felix Zwayer (13 Einsätze) korrigierten sich nur einmal. Bei den Video-Assistenten trugen Jochen Drees (12-mal), Günter Perl (11-mal) und Wolfgang Stark (6-mal) am häufigsten zu Änderungen bei. Dieses Trio, das selbst nicht mehr als Schiedsrichter auf dem Platz aktiv ist, wurde allerdings auch mit Abstand am häufigsten in der Kölner Videozentrale eingesetzt. Spitzenreiter ist dabei Stark, der an den 34 Spieltagen in insgesamt 42 Partien als Video-Assistent fungierte – aber nur in jedem siebten Spiel und damit recht selten an einer Entscheidungsänderung beteiligt war.

Alle Grafiken aus dem Text sowie weiteres Datenmaterial finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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