Fußball

Redelings trifft eine WM-Legende Odonkor holt das Sommermärchen zurück

Der legendäre Odonkor-Moment: Bei der WM 2006 bereitet er gegen Polen das Siegtor von Oliver Neuville vor.

Der legendäre Odonkor-Moment: Bei der WM 2006 bereitet er gegen Polen das Siegtor von Oliver Neuville vor.

Unser Kolumnist Ben Redelings trifft eine deutsche Fußballlegende. David Odonkors Flanke auf Oliver Neuville war der Startschuss zum unvergesslichen "Sommermärchen" bei der WM 2006. Eine Begegnung mit ganz viel Gänsehaut!

Und plötzlich steht er vor mir – der Mann, der mit einer einzigen Flanke eine ganze Nation in einen kollektiven Freudentaumel versetzte. Ich hatte mir vorher Gedanken darüber gemacht, was dieser Moment wohl bei mir auslösen könnte, doch dann ist alles noch viel heftiger, als erwartet. All die Szenen dieses einen, unvergesslichen Tages prasseln wie eine Regenwasserdusche auf mich herab. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch als ich in die Augen des Mannes vor mir blicke, springt in meinem Kopf ganz von alleine ein Film an.

Der 14. Juni 2006 war ein heißer Tag – und ein wunderschöner noch dazu. Am Nachmittag waren wir für Filmaufnahmen durch Dortmund marschiert. Die Stadt präsentierte sich als ein riesengroßer Ameisenhaufen. Die Menschen liefen wild durcheinander. Und auf einmal war da dieser Typ, der am Wegesrand stand und ein Schild hochhielt, auf dem zu lesen war: "Jesus rettet". Lukas Podolski im Deutschland-Trikot blieb vor dem Mann stehen und feixte: "Hoffentlich rettet er heute Abend uns?!" Dann drehte sich Poldi um und wir sahen, dass es nur ein Doppelgänger unseres lebenslustigen Ausnahmetalents war. Lachen. Gute Laune.

Emotionales Treffen: David Odonkor hat bei unserem Kolumnisten "einen Film" ausgelöst.

Emotionales Treffen: David Odonkor hat bei unserem Kolumnisten "einen Film" ausgelöst.

Es fehlt nur eins, die Tore...

Als wir am späten Nachmittag Feierabend machten und die Kamera einpackten, waren die Fanmeilen bereits geschlossen – wegen Massenandrangs. Ganz Deutschland schien an diesem Tag in Dortmund zu sein. Alle wollten hautnah dabei sein, wenn die deutsche Nationalelf gegen Polen den vorzeitigen Einzug in die Finalrunde klar machte. Wir irrten herum und fanden schließlich doch noch einen Platz unweit des Dortmunder WM-Stadions. Vor der Nicolai-Kirche hatte man einen Bierwagen aufgebaut. Wir schauten auf einen Fernseher in der Größe einer Briefmarke – doch das war uns egal. Es gab eiskaltes Bier in Gläsern und um uns herum standen Menschen aus aller Herren Länder. Ein prächtiger Fußballabend, an dem nur eins fehlte: die Tore.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie irgendwann ab der 70. Minute die üblichen Scherze einsetzten: "Hömma, ich geh ma’ pissen. Normalerweise passiert dann immer was." Doch einer nach dem anderen stellte sich in die Schlange vor dem Klo und noch immer geschah nichts. Und dann passierte doch noch etwas. In der 91. Spielminute. In dem Augenblick, in dem schon niemand mehr damit gerechnet hatte. Wer damals dabei war, wird diese Explosion der Gefühle nie mehr vergessen. Flanke von rechts und in der Mitte netzt Oliver Neuville ein. 1:0 für Deutschland. Jaaaaaaaa! Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Die Nacht endet irgendwann im Morgengrauen. Die Party erst viele Tage später gegen Italien.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Jetzt steht der Mann, der diese eine, unvergessliche Flanke auf den Torschützen Neuville gab, vor uns. Dienstagabend, Quiz-Zeit im Fußballmuseum Dortmund. Stargast des Abends: David Odonkor. Am Vormittag hatte genau hier Bundestrainer Jogi Löw seinen Kader für die WM 2018 präsentiert. Als vor zwölf Jahren Jürgen Klinsmann seine Mannschaft für die Weltmeisterschaft im eigenen Land benannte, hatte niemand David Odonkor auf dem Zettel. Nicht einmal er selbst. Noch heute denkt er manchmal darüber nach, ob er diesen Morgen, als der Bundestrainer bei ihm anrief und kurz darauf der Presse den Kader vorstellte, nicht geträumt habe. So unwirklich kam ihm damals alles vor.

"Wir knallen sie durch die Wand hindurch"

David Odonkor strahlt. Das Publikum hängt an seinen Lippen. Jede hat die Szene vor Augen, als er sagt: "Das war der Beginn vom Sommermärchen. Vorher hat man uns ja kaputt geschrieben. Und dann plötzlich war alles anders. Jeder hat mitgefiebert und ein Fest gefeiert." Vor der Partie hatte Jürgen Klinsmann der Mannschaft in der Kabine noch folgende Worte mit auf den Weg gegeben: "Die stehen mit dem Rücken zur Wand – und wir knallen sie durch die Wand hindurch! Das lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem – und schon gar nicht von den Polen!" Verewigt wurden diese Sätze in Sönke Wortmanns Dokumentation über die Tage der Nationalelf bei der WM.

Wie habe er denn selbst die Ansprachen von Klinsmann damals empfunden, fragen wir David Odonkor. Er lächelt: "Eigentlich habe ich gar nicht zugehört." Ungläubiges Staunen. Dann fährt er fort: "Naja, das war nicht immer ganz einfach da zuzuhören, wenn du zwischen Poldi und Schweini sitzt und einer stets den neusten Witz noch eben erzählen will." Als wir uns eine Stunde später verabschieden, umarmen wir uns. Es fühlt sich immer noch unwirklich an.

Nächste Woche feiert David Odonkor in Aachen endgültig seinen Abschied vom Profifußball. Viele ehemalige Weggefährten der WM 2006 werden zusammen mit ihm für den guten Zweck auf dem Platz stehen. Und natürlich kann es für diesen Abend nur ein Motto geben: "Odonkors Sommermärchen" – in Erinnerung an das Jahr 2006, als ausnahmsweise nicht Jesus, sondern David Odonkor einer ganzen Nation mit einer einzigen Flanke einen wunderbaren Sommer "rettete".

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Quelle: n-tv.de

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