Fußball

Deutsche Fans komplett daneben Hummels überragt - in wirklich jeder Hinsicht

Mats Hummels schimpft über deutsche "Hooligans".

Mats Hummels schimpft über deutsche "Hooligans".

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Mit viel Glück und etwas weniger Können gewinnt die DFB-Elf in Tschechien auch ihr siebtes Qualifikationsspiel zur WM. Dank Timo Werner, dank Toni Kroos, dank Mesut Özil - und dank eines umfassend souveränen Mats Hummels.

Der Bundestrainer sprach nur aus, was eh alle gesehen hatten: "Es gab eine Phase, da haben wir fast schon um ein Gegentor gebettelt", sagte Joachim Löw. "Mit der Art und Weise wie wir gespielt haben können wir definitiv nicht zufrieden sein." Und doch ist der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit dem 2:1 (1:0) in Tschechien der siebte Sieg im siebten Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft in Russland gelungen, bei der sie  im Sommer nächsten Jahres ihren 2014 in Brasilien gewonnenen Titel erfolgreich verteidigen möchte.

Mit vier Weltmeistern und sieben Confed-Cup-Siegern waren die deutschen Fußballer in Prag gestartet. Timo Werner, mit seinen 21 Jahren einer von den ganz jungen, hatte nach vier Minuten die Führung gebracht. Am Ende aber war es das Establishment, das der DFB-Elf den Erfolg bescherte: Vladimir Darida, tschechischer Mittelfeldspieler in Diensten der Berliner Hertha, hatte ebenso furios wie verdient mit einem Gewaltschuss aus 25 Metern (78.) ausgeglichen. Zehn Minuten später dann gab es vor den 18.093 Zuschauern im nicht ausverkauften Stadion Eden einen Freistoß für die deutsche Mannschaft. Und Toni Kroos zirkelte den Ball bei einem Freistoß so fein auf den Kopf des Kollegen Mats Hummels, dass der mit einem wuchtigen Stoß dann doch noch das 2:1 erzielte.

Sportlich war es also nicht berauschend, aber immerhin erfolgreich. Indiskutabel hingegen verhielten sich einige deutsche Fans. Während der Nationalhymnen vor der Partie riefen sie "Scheiß DFB". Sie taten das auch während der Schweigeminute für zwei verstorbene Funktionäre des tschechischen Fußball-Verbandes. Eine völlig andere Dimension bekam die Sache, als sie nach dem Tor von Hummels mehrmals "Sieg" riefen und darauf deutlich im Stadion vernehmbar ein "Heil" folgen ließen. Hummels sagte hinterher im Gespräch mit Journalisten, dass das der Grund war, warum die Spieler nach dem Abpfiff nicht in die Kurve gegangen waren. "Da distanzieren wir uns komplett davon." Und hier die Einzelkritik:

Marc-André ter Stegen: Der 25 Jahre alte Mönchengladbacher in Diensten des Futbol Club Barcelona durfte ran, weil der Bundestrainer Manuel Neuer nicht eingeladen hatte. Der stand zwar am jüngsten Bundesligaspieltag beim 2:0 seines FC Bayern in Bremen erstmals nach seinem Fußbruch wieder im Tor, doch Löw hatte befunden: "Er ist wie Jérôme Boateng noch nicht bei 100 Prozent. Vielleicht kann er die zwei Wochen für sich nutzen." Neuer aber hätte wohl gerne gespielt, schmollte ein wenig und sagte dann aber, er akzeptiere die "logische Entscheidung". Wie dem auch sei, ter Stegen, der sich mit seinen vier Einsätzen beim Confed Cup den Status der deutschen Nummer zwei erarbeitet hatte, kam so zu seinem 15. Länderspiel - und zeigte nach seinen starken Leistungen beim Confed Cup, dass er vermutlich die beste Nummer zwei auf diesem Planeten ist - auch wenn er allzu viel nicht zu tun bekam. Nach einer guten Viertelstunde zum Beispiel fischte er prima einen Schuss des Tschechen Tomas Soucek aus der rechten unteren Ecke. Und beim nahezu traumhaften Gegentor stand es nicht in seiner Macht, es irgendwie zu verhindern. Allein: Wenn Löw Manuel Neuer demnächst wieder einlädt, dann spielt Manuel Neuer.

Ter Stegen beklagt mangelnde Wertschätzung.

Ter Stegen beklagt mangelnde Wertschätzung.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Joshua Kimmich: Was für Hector auf der linken, gilt für den 22 Jahre alten Münchner auf der rechten Abwehrseite - zumal er beim FC Bayern auf eben dieser Position Frührentner Philipp Lahm ersetzen darf. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte im Interview mit der "Sportbild" gar behauptet: "Ich glaube sogar, dass Joshua in seinem Alter weiter ist, als es Philipp Lahm zu dem Zeitpunkt war." Beim Confed Cup zählte er neben Julian Draxler und Sebastian Rudy zu den Spieler, der in allen fünf Partien zum Einsatz kamen. In seinem 21. Länderspiel war er das rechte Glied der Dreierkette, die bisweilen zu einer Vierformation mutierte. Er löste seine Aufgaben souverän, fast wie ein Routinier, auch wenn er bisweilen etwas müde wirkte. Apropos Routine Kimmich stand bei den jüngsten 20 Partien der DFB-Elf jeweils in der Startelf. Kein Wunder, dass der Kollege Hummels ihn später in der Mixed Zone als einen Bezeichnete, das ja schon zu den Erfahrenen gehöre - mit 22 Jahren.

Joshua Kimmich (vordere Reihe l)

Joshua Kimmich (vordere Reihe l)

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Mats Hummels: Der Münchner durfte sich mit seinen 28 Jahren als Chef einer nicht immer souveränen Abwehr der DFB-Elf fühlen - und trat in seinem 58. Länderspiel auch so auf. Schließlich weiß er um die neu entfachte Konkurrenz im Team. Ob er und die anderen Etablierten sich nun neu beweisen müssten, war er vor der Partie gefragt worden. Und er hatte geantwortet: "Ich glaube schon ein wenig - das ist aber auch gut so." Geschadet hat es ihm jedenfalls nicht. Unbezwingbar in den Kopfballduellen, hart im Zweikampf und umsichtig im Spielaufbau - es war eine ganz starke Partie. Zur Krönung bereitete er das erste Tor mit einem schönen Diagonalpass vor, und dann gelang ihm auch noch der Siegtreffer, sein fünftes Tor für die Nationalmannschaft. Kurzum, er war der beste Spieler seiner Mannschaft. Und doch hatte er seinen stärksten Auftritt, als eigentlich alles vorbei war. Auf das unsägliche Verhalten einiger deutscher Fans angesprochen, sagte er: "Eine Katastrophe, ganz schlimm." Das trifft es präzise.

Mats Hummels: Zufrieden, aber dennoch unzufrieden.

Mats Hummels: Zufrieden, aber dennoch unzufrieden.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Matthias Ginter: Der 23 Jahre alte, ehemalige Dortmunder hat bei der Namenscousine in Mönchengladbach seinen Platz in der Innenverteidigung gefunden, in den ersten beiden Bundesligaspielen dieser Saison stand er die gesamten 180 Minuten auf dem Platz. Und beim Confed Cup durfte er viermal ran. Dennoch überraschte es ein wenig, dass ihm der Bundestrainer nun in Prag den Vorzug gegenüber Antonio Rüdiger gab, der - neu beim englischen Meister FC Chelsea - auch keinen schlechten Saisoneinstand hatte. Und da sich Löw - noch etwas überraschender - auch für Lars Stindl entschieden hatte, standen erstmals seit 31 Jahren zwei Gladbacher in der Startformation der DFB-Elf. Ginter zeigte in seinem 15. Länderspiel, dass er bei aller Rigorosität im Zweikampf auf Dauer nicht unbedingt die erste Wahl für die Position des Innenverteidigers sein; bisweilen stand er falsch, einige Male lief er zu spät zurück. Und Jérôme Boateng trainiert nach seinen Muskelbeschwerden wieder beim FC Bayern und wird demnächst seine berechtigten Ansprüche vortragen. Ansonsten verstand sich Ginter gut mit Hummels - bis zur 68. Minute. Da prallten die beiden mit ihren Köpfen zusammen - bei dem Versuch, in des Gegners Strafraum ein Tor zu erzielen.

Ginter (M) und Hummels (r) in Action.

Ginter (M) und Hummels (r) in Action.

(Foto: picture alliance / Krumphanzl Mi)

Jonas Hector: Der 27 Jahre alte Kölner ist und bleibt gesetzt und steuert als linker Verteidiger unbeirrt auf die WM zu. Sein großes Plus ist neben seiner Beständigkeit die mangelnde Konkurrenz auf dieser Position. Der Bundestrainer hatte zwar auch Marvin Plattenhardt mit zum Confed Cup genommen und den Berliner einmal spielen lassen. Doch nun in Prag und am Montag in Stuttgart gegen Norwegen ist er nicht dabei. Also spielte Hector, der in der Bundesliga gezeigt hat, dass der durchaus vielseitig einsetzbar ist. In Köln hat der die ersten beiden Ligaspiele in dieser Saison im defensiven Mittelfeld auf der Doppelsechs absolviert, dito die letzte Partie in der Spielzeit davor. Doch dort ist in der DFB-Elf nun wirklich kein Platz für ihn. In seinem 34. Länderspiel war er der Mann, der im Verteidigungsfall die Dreierabwehrkette zu einer Viererkette machte. Insgesamt machte er seine Sache gut, vielleicht könnte er beim nächsten Training eine Zusatzschicht in Sachen Flanken einlegen. Und falls jetzt wieder jemand kommt und sagt, Hector habe irgendwie unauffällig gespielt, dann ist das nicht ganz falsch. Aber beim nächsten Spiel ist er wieder dabei. Und das findet ja schon am nächsten Montag (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) in Stuttgart gegen Norwegen statt.

Jonas Hector: Konkurrenzlos auf seiner Position.

Jonas Hector: Konkurrenzlos auf seiner Position.

(Foto: picture alliance / Sebastian Gol)

Toni Kroos: Der 27 Jahre alte Greifswalder in Diensten Real Madrids dürfte zu den wenigen Akteuren in der Nationalmannschaft gehören, die jetzt schon ganz fest damit rechnen können, bei der WM in Russland spielen zu dürfen. In Prag übernahm die lebende Passmaschine in ihrem 77. Länderspiel dann auch gleich das Kommando und gab als Sechser im defensiven Mittelfeld den Takt vor. Alle wissen, was er kann - aber es ist immer wieder schön anzuschauen, wie der Ball genau das macht, was Kroos will, und genau dorthin rollt, wohin er es auch soll. Ach ja, Hummels' Siegtreffer hat er auch noch vorbereitet - aber das erwähnten wir ja schon. Also, noch einmal: Wenn es darum geht, wer im Sommer nächsten Jahres nach Russland fliegt, dann ist er einer, der sich seiner Sache sicher sein kann - da kann der Bundestrainer so viel von Konkurrenzkampf erzählen, wie er will.  

Toni Kroos (r.): Manche sagen, er sei ein Zidane der Neuzeit.

Toni Kroos (r.): Manche sagen, er sei ein Zidane der Neuzeit.

(Foto: picture alliance / Petr David Jo)

Julian Brandt: Auch der 21 Jahre alte Leverkusener hatte sowohl in Russland als auch in den ersten Spielen mit dem TSV Bayer 04 überzeugt und sich damit in die Startelf gespielt. In seinem zehnten Länderspiel war er dafür zuständig, über die rechte Seite den Gegner unter Druck zu setzen. Seine Stärke sind die Eins-zu-eins-Situationen, dribbeln kann er. Seine Schwäche in diesem Spiel war, dass das bei allem Eifer und je länger das Spiel dauerte immer weniger gelang. Und: gefährlich war das selten. Nach einer Stunde war Schluss, für ihn kam Antonio Rüdiger in die Partie und zu seinem 18. Länderspiel. Seit Beginn dieser Saison spielt der 24 Jahre alte Berliner für den FC Chelsea, nachdem er zwei Jahre bei der AS Roma verbracht hatte. Beim englischen Meister feierte er einen prima Einstand, stand in allen drei Premier-League-Spielen in der Startelf. Und in Russland war hatte er viermal für die DFB-Elf gespielt. Dass Löw einen Innenverteidiger für einen Offensivakteur einwechselte, war dem Umstand geschuldet, dass sich die Gastgeber mit Vehemenz dafür einsetzten, den Ausgleich zu erzielen - was ihnen ja auch gelang. Für Brandt rückte Kimmich aber etwas weiter nach vorne, sodass es letztlich bei der Dreierkette blieb.

Julian Brandt im Zweikampf mit mit dem Tschechen Vladimir Darida.

Julian Brandt im Zweikampf mit mit dem Tschechen Vladimir Darida.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Thomas Müller: Wie erwartet hat der 27 Jahre alte Münchner im Bundestrainer einen engagierten Fürsprecher: "Er ist ein unheimlich positiver Faktor in unserem Team, ein Führungsspieler. Ich weiß, was Thomas Müller bei uns immer leistet", hatte Löw vor diesen beiden Qualifikationspartien gesagt. In seinem 86. Länderspiel dufte er dann auch in Abwesenheit seines Vereinskollegen Neuer als Kapitän fungieren - zum ersten Mal überhaupt in einem Pflichtspiel. Er hängte sich rein, keine Frage, er half - als zweiter zentraler Mittelfeldspieler neben Özil - häufig in der Defensive aus. Nach einem Fehlpass Stindls zwei Minuten vor der Pause zog er Jan Boril am Trikot, verhinderte so einen Konter der Tschechen - und sah dafür völlig zurecht die Gelbe Karte. Und lief so viel wie eh und je. Nur: Allzu viel gelang ihm nicht. Sein Kommentar fiel dementsprechend kritisch aus: "Wir haben eindeutig zu viele Fehler gemacht, den Tschechen im Spielaufbau oft den Ball serviert und uns das Leben selbst schwer gemacht."

Thomas Müller (l) im Zweikampf mit dem Tschechen Jan Boril.

Thomas Müller (l) im Zweikampf mit dem Tschechen Jan Boril.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Mesut Özil: Er dürfte einer derjenigen sein, die besonders froh sind, nun für einige Tage im Kreise der Nationalelf weilen zu dürfen. Denn beim FC Arsenal läuft es für den 28 Jahre alten Gelsenkirchener just in der Premier League nicht ganz so rund. In England erzählen sie sich, er sei außer Form. Davon war allerdings in seinem 85. Länderspiel wenig zu sehen, auch nicht von dem Phlegma, das ihm Kritiker bisweilen attestieren. Besonders in der ersten Halbzeit war er neben Kroos derjenige, der sich am meisten, erfolgreichsten und sehr agil um eine konstruktive Struktur im Spiel seiner Mannschaft bemühte. Wunderschön sein Pass auf Werner, der daraufhin das 1:0 erzielte. Kurzum: Starke Partie, bei dem man glatt den Eindruck gewinnen konnte, es habe ihm ihn Prag tatsächlich richtig Spaß gemacht.

Schnappt sich Barca Mesut Özil?

Schnappt sich Barca Mesut Özil?

(Foto: picture alliance / Petr David Jo)

Lars Stindl: Der bereits erwähnte 29 Jahre alte Kapitän der Mönchengladbacher rutschte ebenfalls mit dem Rückenwind des Confed Cups ins Team und kam so zu seinem siebten Länderspiel, nachdem er in Russland viermal aufgelaufen war - und drei Tore erzielt hatte. Seine Aufgabe bestand darin, neben, aber eher meist ein wenig hinter Timo Werner den zweiten Angreifer zu geben. Das funktionierte allerdings nur leidlich, des Öfteren ließ er sich den Ball abluchsen - und mit dem Toreschießen wurde es ja bekanntlich auch nichts. Nach 20 Minuten hätte es beinahe geklappt, besagter Müller hatte ihm den Ball so zugespielt, dass er zehn Meter vor dem Tor des Gegners relativ unbehelligt schießen konnte - aber der tschechische Torhüter Tomás Vaclik wehrte mit dem Fuß ab. Für Stindl kam nach 67 Minuten der 23 Jahre alte Julian Draxler in die Partie. Er war ja als Anführer der doch relativ jungen Confed-Cup-Combo der Kapitän für einen Sommer, jetzt in seinem 36. Länderspiel war der Mann, der sich nun bei Paris Saint-Germain gegen einen gewissen Neymar durchsetzen muss, wieder nur einer von vielen.

Timo Werner: Nach seinen drei Toren beim Confed Cup hatte der Bundestrainer den 21 Jahre alten Leipziger in die Startelf beordert, sodass sich der elf Jahre ältere Mario Gomez vom VfL Wolfsburg auf der Bank wiederfand. Werner startete in sein siebtes Länderspiel, indem er gleich einmal ein Tor erzielte, was unwidersprochen nicht die schlechteste Idee war. Der Kollege Hummels hatte sich den Ball an der Mittellinie geschnappt, ihn zu Özil gespielt, der ihn Werner mundgerecht servierte, sodass der ihn aus sechs Metern und an Vaclik vorbeispitzeln konnte - und das mit einer erstaunlich großen Portion Abgeklärtheit auch tat. Schon in Russland hatte er dreimal getroffen, insgesamt nun viermal im Dress des DFB. Läuft für ihn, guter Mann. Sofort nach dem Gegentor musste er raus, für ihn kam der 23 Jahre alte Emre Can vom FC Liverpool. Es war sein 16. Länderspiel.

Quelle: n-tv.de

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