Fußball

WM-Countdown (29) Folgt Twitterern statt Fifa-"Reportern"

Es gibt Menschen, die schon lange aus Russland berichten. Die das Land und den Fußball hier kennen. Die Distanz haben und einen kritischen Blick. Reporter halt. Journalisten.

Es gibt Menschen, die schon lange aus Russland berichten. Die das Land und den Fußball hier kennen. Die Distanz haben und einen kritischen Blick. Reporter halt. Journalisten.

(Foto: imago/STPP)

Wer ist besser als die Twitter-"Reporter" der Fifa? Na klar: echte Reporter, Journalisten, die sachlich und kritisch aus Russland und über die Fußball-Weltmeisterschaft berichten. Denen bei Twitter zu folgen, lohnt sich wirklich.

Post von der Fifa, mit einem Imperativ gleich in der Überschrift plumpst die Mail in die Inbox: "Folgen Sie unseren 32 Team-Reportern bei Twitter" steht da, einen Monat vor dem Beginn des Turniers gebe es nun "den ersten Meilenstein im digitalen Fifa-Angebot zum weltgrößten Fußballspektakel." Spektakel, Meilenstein und immer schön "Fifa" einbauen. Das klingt nicht nach Journalismus und das ist es auch nicht - auch wenn der Verband das mit dem Wort "Reporter" suggeriert. Vielmehr gibt es nun also eine Twitterliste mit 32 Öffentlichkeitsarbeitern, die im Auftrag der Fifa je eine Mannschaft durchs Turnier begleiten werden und "Inhalte von hinter den Kulissen" liefern, weil sie ja nun "exklusiven Zugang zu den Teams" haben.

Und ja, das ist sicherlich interessant, wenn man als Fan das Gefühl haben will, möglichst nah an seiner Mannschaft zu sein. Und nein, das ist auch nicht verwerflich, das ist nur PR. Aber Hoffnungen, dass man auf irgendeinem dieser Accounts irgendwas erfährt, was authentisch oder gar kontrovers ist, was nicht vor dem Posten auf Unverfänglichkeit geprüft und auf Hochglanz poliert wurde, sollte man sich eben auch keine machen. Auch wenn an jedem der 32 Twitterprofile brav dransteht, dass hier nur die persönliche Meinung des Twitterers verbreitet wird: So wenig Persönlichkeit war selten. Hier twittern, das zeigt sich schnell, Funktionäre. Steffen Potter zum Beispiel, der Deutsche unter den 32 Twitterern.

*Datenschutz

Potter ist während des Turniers embedded bei der deutschen Nationalmannschaft, er twittert unter @FIFAWorldCupGer, auch bei ihm findet sich die Kombination aus "Alle Aussagen hier sind meine persönliche Meinung" und "Darum habe ich auch den Namen meines Auftraggebers in meinem Twitternamen." Es ist übrigens nicht Potters einziger solcher Account: Als @UEFAcomSteffenP hat er denselben Twitter-Promo-Job schon 2017 während des Confed-Cups gemacht, dann war ein knappes Jahr Ruhe, bis der Account in diesen Tagen wieder zum Leben erweckt wurde. Das fühlt sich ein bisschen an wie diese Profile von Politikern, die sechs Monate vor der Wahl mit dem Twittern beginnen und nach der Wahl schneller wieder damit aufhören, als man "amtliches Endergebnis" sagen kann. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.

Die Alternative zur heilen Welt

Im Moment ist auf den Profilen noch nicht viel los - ein paar Dutzend Tweets, bei manchen noch weniger. Fragen in die Runde verpuffen unbeantwortet, stattdessen häufen sich Retweets anderer Fifa-Accounts. Vorfreude, Begeisterung, das große Hurra findet man hier, nur bitte nichts Heikles oder Kritisches. Das verweigerte Visum für Hajo Seppelt, rassistische Fangesänge, Doping- und Menschenrechtsdebatten - das muss anderswo stattfinden. Darum habe ich mir überlegt, eine kleine Alternativliste zusammenzustellen. Mit Leuten, die schon lange aus Russland berichten. Die das Land und den Fußball hier kennen. Die Distanz haben und einen kritischen Blick. Reporter halt. Journalisten.

Gabrielle Tétrault-Faber zum Beispiel, die seit 2013 in Russland lebt und von hier berichtet, aktuell für die Nachrichtenagentur Reuters. Sie kommt aus Kanada, hat da selber auf Uni-Level Fußball gespielt - noch heute möchte ich eher ungern von einem Ball getroffen werden, den sie schießt. Toke Theilade, Chefredakteur von Russian Football News - einem Blog, das russischen Fußball auch denjenigen Leuten zugänglich macht, die selber kein Russisch können.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Anna Konovalova, die bei Sports.ru über Wintersport bloggt, sich aber auch mit Vereinsfußball in Russland, in Deutschland und in Österreich gut auskennt. James Ellingworth, Reporter bei AP, der dort vor allem über Sport- und Wirtschaftsthemen schreibt und dessen Tweets auch immer wieder Beobachtungen aus dem russischen Alltag abseits von Moskau enthalten.

Es gibt noch andere, die auf diese Liste gehören - in den Kommentaren unter diesem Tweet hier kommen sicher noch die eine oder der andere hinzu. Und wer selber Russisch spricht, für den tun sich ja noch ganz andere Folge-Möglichkeiten auf, die habe ich hier noch nicht mal angeschnitten. Selbst, wenn dabei im Gegensatz zur Fifa-Truppe am Ende keine Liste aus 32 Leuten herauskommt: Der Erkenntnisgewinn wird sicherlich größer sein.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema