Politik

Abschied in Hamburg "Typisch Merkel, knochentrocken"

Es ist ein Abschied in Raten. Und jeder Schritt beendet für sich eine Ära. Angela Merkel spricht zum letzten Mal als Parteichefin auf einem CDU-Parteitag. Es ist eine ihrer besten Reden. Sie füllt dabei das Lastenheft der kommenden Führung.

Um 12.03 Uhr beendet Angela Merkel ihre letzte Rede als CDU-Chefin. Es folgt ein gut neuneinhalbminütiger Applaus der 1001 Delegierten und Hunderter Gäste beim Parteitag in Hamburg. Bei ihrem letzten Auftritt hat sie der Partei aber nicht nur viele warme Worte zum Abschied ins Stammbuch gemeißelt, sondern auch ein gutes halbes Dutzend Ermahnungen. Daneben bietet sie den Merkel-Deutern noch einmal reichlich Arbeit.

Für ihre letzte Rede wählte Merkel das Motto "Zusammenführen. Und zusammen führen." Vor 18 Jahren ließ sie den Parteitag mit "Zur Sache" überschreiben. "Typisch Merkel, knochentrocken", kommentiert sie die aktuelle und die damalige Auswahl. Ebenso trocken, eher aber subtil erinnert sie im Folgenden an den Zustand, in dem sich die Partei befand, als sie im Jahr 2000 die Führung übernahm.

Ein Wagnis sei es gewesen, sie zu wählen. "Die CDU lag am Boden", sagt sie. Von einer Schicksalsstunde spricht sie rückblickend. Die Partei habe moralisch und finanziell vor dem Aus gestanden. Merkel malt in dunklen Farben.

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Vor 18 Jahren übernahm sie den Posten der Parteichefin von Wolfgang Schäuble. Das aber sagt sie in Hamburg nicht. Der Bundestagspräsident unterstützt nun Friedrich Merz bei der Wahl zum Parteichef. Dass Merkel lieber Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem Posten sähe, ist bekannt. Ist die Schilderung des CDU-Zustandes von 2000 also ein Hieb gegen Schäuble? Und macht Merkel im Gegenzug subtil Werbung für Kramp-Karrenbauer, wenn sie an deren Wahlerfolge im Saarland erinnert? Davon sprach die frühere Ministerpräsidentin auf jeder der acht Regionalkonferenzen, auf denen sich die Kandidaten der Basis präsentierten.

Im beinahe gleichen Atemzug nennt Merkel auch noch Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Beide Regierungschefs sind offene Merkel-Unterstützer oder werden zumindest ihrem Lager zugerechnet. Erst die Erfolge in diesen Ländern, erzielt "mit dem Wind im Gesicht", wie Merkel ausführt, hätten in der Summe den Erfolg auf Bundesebene und damit ihre vierte Kanzlerschaft gesichert. Und mit dieser Sichtweise geht es Merkel auch um mehr als nur um die Wahl ihres Nachfolgers oder ihrer Nachfolgerin. Sie will, dass zu den 50 bisherigen Regierungsjahren noch einige hinzukommen, dafür werden "auf diesem Parteitag die Weichen" gestellt.

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"Haben uns nicht geschont"

"Wir haben uns gegenseitig nicht geschont", sagt Merkel. "Ich euch nicht und ganz, ganz selten auch mal umgekehrt." Sie habe der Partei "so manchen deftigen Angriff auf den Gegner vorenthalten". Sie wisse, sie habe die Nerven der Partei strapaziert. Doch die CDU im Jahr 2018 schaue nicht in die Vergangenheit.

Und dann öffnet Merkel das Stammbuch der Partei. "Wir Christdemokraten grenzen uns ab, aber niemals grenzen wir aus. Wir Christdemokraten streiten, aber niemals hetzen wir. Wir Christdemokraten machen keine Unterschiede bei der Würde der Menschen. Wir Christdemokraten verlieren uns nicht in Selbstbeschäftigung, wir dienen den Menschen unseres Landes." Was etwas nach den DDR-Pioniergeboten klingt, ist nichts weniger als Merkels Vermächtnis an die Partei – und zugleich das Lastenheft für die künftige Führung. Ach ja, Fröhlichkeit wünsche sie der Partei noch.

"Ich habe mir immer vorgenommen, die Ämter in Würde zu verlassen. Es ist nun Zeit für ein neues Kapitel." Und dann sagt sie ihre letzten Worte in einer Rede als Parteichefin: "Es war mir eine große Freude. Es war mir eine Ehre." Die Delegierten erheben sich für neuneinhalb Minuten Applaus. Einen kurzen Wimpernschlag lang schimmert es in Merkels Gesicht. Es könnte tatsächlich ein Tränchen gewesen sein. Das wäre dann eher untypisch.

Quelle: n-tv.de

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