Politik

Besuch beim Waffenhändler Das gekaufte Sicherheitsgefühl

Viele Menschen verbinden den Besitz einer Waffe mit dem Schutz der eigenen Sicherheit.

Viele Menschen verbinden den Besitz einer Waffe mit dem Schutz der eigenen Sicherheit.

(Foto: imago/Hartenfelser)

Waffen kaufen ohne Schein - in Deutschland undenkbar? Falsch: Druckluftwaffen sind davon ausgenommen. Auch die können Schaden anrichten. Wieso kaufen Menschen diese Waffen? Auf Spurensuche nach der vermeintlich verlorenen Sicherheit.

Es scheint der perfekte Ort zu sein, um sich für einen Bürgerkrieg auszurüsten. Unzählige Pistolen und Messer sind in einer Wandvitrine aneinandergereiht. Gegenüber befindet sich ein weiterer gläserner Schrank, in dem Gewehre ausgehängt sind. Manche in schwarz, manche bräunlich. Sie ähneln denen, die in jedem Action-Film zu sehen sind. Helme, Westen, Messer in der Größe von Schwertern, Gasmasken, Pfefferspray, Zubehör für Pistolen - alles ordentlich ausgestellt. Doch diese Waffen sind nicht für den Krieg hergestellt. Es sind Waffen zur Selbstverteidigung, die im Waffenladen "Soldier of Fortune" in Berlin-Friedrichshain angeboten werden.

Deutsche greifen immer häufiger nach diesen Mitteln, um sich selbst zu schützen oder sich ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Über 500.000 Deutsche besitzen laut Bundesinnenministerium den sogenannten kleinen Waffenschein. Speziell in den Jahren 2015 und 2016 stieg die Nachfrage nach Waffen massiv. Als Gründe dafür gelten die Flüchtlingskrise vom Vorjahr und die Silvester-Vorfälle in Köln. Im Januar 2017 gaben in einer Infratest-Umfrage 47 Prozent der Befragten an, sich speziell von einer bestimmten Menschengruppe bedroht zu fühlen. Von diesen 47 Prozent sah sich fast jeder Dritte von Flüchtlingen und Ausländern bedroht. 32 Prozent aller Befragten meinten, dass sich die Sicherheitslage in den letzten zwei Jahren verschlechtert habe. Besonders Frauen pflichteten dem bei.

Unzählige (Schreckschuss-)Pistolen werden im "Soldier of Fortune" angeboten.

Unzählige (Schreckschuss-)Pistolen werden im "Soldier of Fortune" angeboten.

(Foto: Finn Tönjes)

In der hinteren linken Ecke des Geschäfts befindet sich die Kasse. Wie in anderen Läden gibt es einen Kassenbereich mit kleineren Waren. Nur sind es hier nicht Schokoriegel, sondern Munition und Öl für Pistolen. Pavel Sverdlov steht hinter der Ware an der Kasse. Er ist der Geschäftsführer von "Soldier of Fortune". Vom gestiegenen Unsicherheitsgefühl profitiert auch sein Geschäft - von der "zu panischen Reaktion", wie er es nennt. Damit meint er die Waffenkäufe in den vergangenen Jahren. Und das damit erkaufte Sicherheitsgefühl.

Gewehre sind auch im Angebot, aber laut Sverdlov zur Selbstverteidigung ungeeignet.

Gewehre sind auch im Angebot, aber laut Sverdlov zur Selbstverteidigung ungeeignet.

(Foto: Finn Tönjes)

Safety first?

Ist der Wunsch nach zusätzlichem Schutz aus Sicht des Waffenhändlers verständlich? In Form von Panikkäufen eher weniger. Deutschland sei im Vergleich zu Ländern wie Russland sicher. Aber "die Leute haben weniger Vertrauen in die Polizei", meint er. Sie glaubten, dass die Beamten überfordert seien und deshalb ihrer Aufgabe nicht mehr vollkommen gerecht würden. "Die Leute wollen lieber für sich selber sorgen", nimmt Sverdlov an. Das vermeintlich strenge Waffengesetz in Deutschland erlaubt es ihnen. Privatpersonen können Waffen mit geringer Schusskraft problemlos kaufen.

Neu sind nicht nur die hohen Umsatzzahlen. "Auch das Klientel hat sich verändert", so Sverdlov. Es seien mehr Frauen und Ältere zu ihm gekommen. Nicht unbedingt die klassische Zielgruppe von Waffenhändlern. Es ist ein Indiz dafür, dass Menschen sich fürchten. Dem Geschäft tut das gut. Mittlerweile konnte Sverdlov einen zweiten Laden in Berlin-Neukölln eröffnen. Das Modell des käuflichen Sicherheitsgefühls scheint zu funktionieren.

Das Waffenrecht in Deutschland

In Deutschland herrschen strenge Auflagen zum Erwerb von Waffen und Munition. Dennoch darf jeder Volljährige Schreckschuss- und Luftdruckwaffen ohne Waffenschein erwerben. Waffen, die eine Mündungsenergie von 7,5 Joule übersteigen, erfordern mindestens einen kleinen Waffenschein. Dabei ist vorgeschrieben, die Waffe in der Öffentlichkeit verdeckt zu tragen. Bei Versammlungen oder Menschenansammlungen ist das Mitführen von Waffen untersagt. Um einen Waffenschein zu erhalten, muss man psychische und physische Eignung sowie ein einwandfreies Führungszeugnis vorweisen.

"Face-Controlling" und reines Gewissen

Bedenken wegen des Waffenhandels hat er nicht. Er halte sich strikt an die gesetzlichen Vorgaben, versichert er, denn er arbeite mit Behörden zusammen. Zu den Vorgaben gehören das Überprüfen des Personalausweises und die Rechtsbelehrung, die vom Käufer unterzeichnet werden muss. Außerdem macht er ein eigenes "Face-Controll". "Wenn jemand beispielsweise betrunken hier hereinkommt und etwas kaufen will, dann lehnen wir das natürlich ab", sagt Sverdlov. Er verkaufe seine Waffen nur an Leute, die verantwortungsbewusst damit umgehen. In seinen acht Jahren im Waffengeschäft sei es bisher auch nur dreimal vorgekommen, dass Käufer ihre Waffen unrechtmäßig verwendet hätten.

Auf die Frage, ob er sich persönlich dafür verantwortlich fühlen würde, wenn jemand widerrechtlich mit den Waffen hantiere, entgegnet er mit einem selbstbewussten "Nein". Er treffe alle Vorsichtsmaßnahmen und halte sich an die Gesetze. "Wenn jemand ein Auto kauft und dann betrunken Menschen überfährt, macht schließlich auch keiner den Autohändler dafür verantwortlich", sagt er. Im Endeffekt müssten sich die Käufer ihrer Verantwortung bewusst sein und erwachsen damit umgehen. Um das Bewusstsein für die Waffen bei den Kunden zu stärken, leiste er mit seinen Mitarbeitern Aufklärungsarbeit.

Wie und ob es so weiterläuft im Geschäft mit Luftdruckwaffen und sonstigen Verteidigungsmitteln, das wisse er nicht. Man könne "nie ahnen, was in der Zukunft passiert, ob nochmal sowas wie 2015 passiert". Selbst wenn es zu keiner neuen Krise kommen sollte: Die Tendenz stieg in den vergangenen Jahren stetig an. Sverdlov ist mit zwei Geschäften bestens gewappnet.

Quelle: n-tv.de , ftö

Mehr zum Thema