Politik

"Bürgerschreck" der Kommune 1 68er-Aktivist Dieter Kunzelmann ist tot

Dieter Kunzelmann bei der Urnenbeisetzung seines Mitstreiters Fritz Teufel im Jahr 2010.

Dieter Kunzelmann bei der Urnenbeisetzung seines Mitstreiters Fritz Teufel im Jahr 2010.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine der prominentesten Stimmen der westdeutschen 68er-Bewegung ist für immer verstummt: Der Polit-Provokateur, Ex-Kommunarde und "Bürgerschreck" Dieter Kunzelmann starb im Alter von 78 Jahren, wie sein früherer Anwalt Ströbele bestätigt.

Er kam aus der Provinz und wollte nichts weniger als die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland von Grund auf verändern: Der 1939 im fränkischen Bamberg geborene Aktivist Dieter Kunzelmann ist tot. Wie sein früherer Anwalt Hans-Christian Ströbele dem "Berliner Kurier" bestätigte, starb er im Alter von 78 Jahren. "Ich bin sehr traurig. Das ist eine Zeit, um nachzudenken und sich zu erinnern", sagte Ströbele dem Blatt.

Der leidenschaftliche Polit-Provokateur Kunzelmann hinterlässt bleibende Spuren in der deutschen Geschichte: Kunzelmann galt als treibende Kraft der Kommune 1, jener berühmten Berliner Wohngemeinschaft, in der Symbolfiguren der 68er-Bewegung wie Rainer Langhans, Uschi Obermaier und Fritz Teufel mit neuen Formen des Zusammenlebens experimentierten, um das aus ihrer Sicht beengte Denken der deutschen Nachkriegszeit aufzubrechen.

Gegen die "herrschenden Verhältnisse": Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber (v.l.) 1967 nach ihrer Festnahme im Berliner Rathaus Schöneberg.

Gegen die "herrschenden Verhältnisse": Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Volker Gebbert und Ursula Körber (v.l.) 1967 nach ihrer Festnahme im Berliner Rathaus Schöneberg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit viel Ehrgeiz und Einfallsreichtum suchte Kunzelmann stets ungewohnte Wege, das sogenannte Establishment aus Bürgern, Staatsgewalt und Behörden zu provozieren. Durch Polit-Aktionen und "Happenings" wollte er seinen politischen Kampf in die westdeutsche Öffentlichkeit tragen. Überregional bekannt wurde Kunzelmann 1967 unter anderem durch seine Beteiligung an Plänen für ein "Pudding-Attentat" auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey.

Kunzelmann stand auch in engem Kontakt zu Rudi Dutschke, dem einflussreichsten Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung. Anders als Dutschke wollte Kunzelmann, der sich zeitweise als "Polit-Clown" verstand, die Welt nicht durch Argumente, sondern vor allem durch aufsehenerregende "subversive Aktionen" verändern. Zeitweise suchte er dabei die Nähe zu Maoisten, Palästinensern, der westdeutschen KPD und auch zur linksradikalen Baader-Meinhof-Gruppe, aus der später die Terrororganisation der Roten Armee Fraktion (RAF) entstand.

Rohe Eier gegen Amtsträger

Deren Weg der tödlichen Gewalt wollte er allerdings nicht mitgehen. Seine Ideen für eine "Stadtguerilla" kreisten vor allem um spektakuläre Protestaktionen - die anfangs allerdings auch Brandbombenanschläge einschlossen. In den Achtzigerjahren engagierte er sich im Berliner Abgeordnetenhaus als Mitglied der "Alternativen Liste", einem der Vorläufer der heutigen Grünen.

Seinem politischen Stil der Provokation blieb er bis ins Alter treu: Im Jahr 1993 etwa bewarf er den Dienstwagen des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, mit rohen Eiern. Der Staat ließ sich nicht herausfordern - Kunzelmann musste für die Eier-Attacke auf den CDU-Politiker ins Gefängnis.

Kurz vor Jahrtausendwende kursierten schon einmal Nachrichten über den Tod von Dieter Kunzelmann. "Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt. Dieter Kunzelmann. 1939-1998", hieß es in einem Inserat der "Berliner Zeitung". Später stellte sich heraus, dass der Freigeist Kunzelmann die Anzeige selbst geschaltet hatte, um sich einen ungestörten Rückzug aus dem öffentlichen Leben zu sichern.

Quelle: n-tv.de

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