Musik

"Wir stehen fest zusammen!" Grönemeyer bezieht auf "Tumult" Stellung

Herbert Grönemeyer präsentiert sein neues Album "Tumult".

Herbert Grönemeyer präsentiert sein neues Album "Tumult".

(Foto: dpa)

Herbert will tanzen. Und er will nicht allein tanzen. Macht er das deswegen alles? Die Interviews, die Einladungen, die Auftritte im kleinen Rahmen - nur, um für seine Tanzschule "Bert" zu werben? Oder hat er das Große, das Ganze vor Augen?

Eins muss man Herbert Grönemeyer lassen - er hat einen wirklich guten Geschmack. Ja, seine neue Brille ist hübsch, der Anzug sitzt, das Haar ("Es wird dünner") ist frisch geföhnt, aber das ist nicht gemeint. Gemeint ist, dass der Herbert immer so schöne Orte findet, um über seine schöne Musik zu sprechen. Ein exquisites Hotel im Berliner Tiergarten ist es dieses Mal und es gelingt ihm wieder, den angeblichen Widerspruch zwischen "engagiert sein und eine Meinung haben heißt nicht, dass man keine Lust hat auf schöne Dinge" auszuschalten. Herbert Grönemeyer findet immer den Spagat, so auch in seiner Musik.

Bevor die Melodie zu kitschig wird, knallt der Text einem etwas um die Ohren, das jeden Kitsch vergessen lässt - nur um dann von Herbert zu hören: "Ich liebe Kitsch eigentlich." Und wie schafft er es jedes Mal, dass seine wirklich wahnsinnig gefühlvollen Texte nicht ins allzu Kitschige abdriften? "Sie driften doch ab", antwortet er lachend. "Ich habe einfach keine Angst vor Kitsch. Ich habe ja auch einen Hang zu dramatischen Chören. Und auch wenn ich ein protestantischer Westfale bin, bin ich doch sehr gefühlvoll - man darf sich dem Kitsch schon sehr weit nähern!" Brüche im Text sorgen auf jeden Fall immer wieder für kleine Irritationen, sollte die Melodie zu melodisch sein.

Im schicken Hotel "Das Stue" spricht er nun kurz vor seiner Albumveröffentlichung über die Liebe, das Küssen, die "braune Soße", die über unser Land zu schwappen droht, den Widerstand, der diese braune Soße aufhalten wird, das Gute in uns und den "Tumult". Er glaubt, jeder sei heute gefragt, sich zu engagieren: "Man muss Gesicht zeigen, seine Stimme erheben. Es ist nicht die Zeit, gemütlich auf dem Sofa zu sitzen. Es ist schon gerade alles brenzlig, aber wir kriegen das noch in den Griff", sagt er und betont, Haltung zu zeigen muss dennoch nicht streng und verkrampft sein. "Die Menschen zeigen wieder, wie sie dieses Land haben wollen, und sie wissen ganz genau, was sie nicht wollen. Vor Kurzem zum Beispiel bei der Demo 'Unteilbar' in Berlin, da dachten wir, es kommen vielleicht 30.000 bis 40.000 Menschen, was auch schon viel ist, aber es kamen 240.000!" Applaus ertönt, er lächelt, wirkt rundum zufrieden.

Kunst sei dazu da, eine Gesellschaft aufzurütteln, sagte Grönemeyer dann auch mehr als einmal. Das ist richtig, und alle Künstler, die sich jetzt angesprochen fühlen und denken: "Ne, Kunst ist Kunst, ich hab' keinen Bock, politisch zu sein", die dürfen sich mal eine Scheibe bei Herbert abschneiden. Denn Politik ist Kunst! Die Ersten, die das unterschreiben würden, sind doch die Politiker selbst, finden sie doch schließlich, dass sie jeden Tag aufs Neue Kunststückchen vollbringen. Oder? Politik ist das, was jeden Tag um uns herum stattfindet, es durchfließt die Gesellschaft, ob wir es nun wollen oder nicht. Jeder hat schließlich eine Meinung! Und wenn man so berühmt ist wie Herbert, dann erreicht man viele damit. Die, die schlechte Nachrichten unters Volk mixen, die Unruhe im unguten Sinne stiften wollen, die nutzen schließlich auch ihre Popularität, um ihre Parolen und Plattitüden bekannt zu machen. Herbert nun gehört zu den Guten. Das ist ja keine Einzelmeinung, das finden auch sehr viele andere Menschen, wie sonst ließen sich die Millionen Platten erklären, die der 62-Jährige verkauft?

Doppelherz

Doppelherz

Herbert und die Herzen

In Berlin nun steht der Liedermacher, Sänger und Schauspieler (der übrigens gern mal wieder gefragt werden würde, ob er irgendwo mitspielen möchte!) Rede und Antwort. Auf seinem neuen Album, das so politisch ist wie lange nichts mehr, sind Stücke drauf, die heißen "Sekundenglück", "Warum", "Wartezimmer der Welt" oder "Mein Lebensstrahlen". In "Sekundenglück" singt er davon, wann er sich selbst am ähnlichsten sieht, und wie er das mag und schätzt. In welchen Momenten kommt es dazu? "Ehrlich gesagt - wenn es geht, vermeide ich es, in den Spiegel zu gucken. Aber es gibt Momente, in denen ich denke: 'Passt'. Das kann auch von außen kommen, eine nette SMS zum Beispiel, ein Lächeln, das ist für mich die Würze des Lebens. Dann weiß ich, dass ich existiere, dass ich gar nicht mal so schlecht bin, dann bin ich mit mir im Reinen - für eine kurze Zeit." Und er lacht. Er lacht überhaupt sehr viel, so einen gut gelaunten Herbert Grönemeyer will man öfter sehen. Und den, der sagt, was Sache ist: "Wir, die Künstler, sind dafür da, die Leute zu verärgern und nervös zu machen." Und ja, er hat bereits ein paar Leute verärgert mit der ersten Auskopplung "Doppelherz", einem Lied, das er sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch singt. Dabei will Herbert eigentlich Herzen öffnen, auch mit dem dazugehörigen Video, das nicht nur die Kulturen auf einer Hochzeit hübsch durcheinandermischt, sondern auch die Geschlechter.

"Doppelherz" hat den Rhythmus, bei dem der wohlwollende Deutsch-Türke und der ebenso gutgelaunte Türk-Deutsche einfach mitmuss, die anderen dürfen sich gern beleidigt in ihre Ecken zurückziehen. Und es ist einem Herbert Grönemeyer vielleicht nicht vollkommen egal, wenn er im Netz geshitstormt wird - er mag es ja, gemocht zu werden - aber es lässt ihn auch nicht nächtelang auf und ab wandern vor Schlaflosigkeit. Er ist es gewohnt: "Natürlich haut man mir das um die Ohren, warum ich jetzt auch noch türkisch singen muss, aber das war mir von Anfang an klar, dass solche Reaktionen kommen werden. Bereits 1986 hat die CDU unter Helmut Kohl meine Musik als 'deutsche Unkultur' bezeichnet. Ich finde es ja vollkommen okay, wenn Leute meine Musik nicht mögen. Ich koche halt und wenn man das nicht essen will, dann muss man in ein anderes Restaurant gehen."

Diese Koch-Vergleiche gehen ja immer, das versteht jeder, er fügt jedoch hinzu: "Ich gehe davon aus, dass die Menschen auch mal was Neues hören wollen, und dazu bin ich da." Letzten Endes gehe es immer darum, ob es ein guter Song ist oder kein guter Song, "egal, in welcher Sprache ich singe". Grönemeyer ist einer, der sich anlegen kann, aber auch einer, der zuhört, der aber vor allem etwas zu sagen hat: "Ich war schon immer politisch, mit Songs wie 'Amerika' gegen die Stationierung der Pershings, und auch mit 'Jetzt oder nie'. Damals rief meine Plattenfirma mich allerdings etwas nervös an und befürchtete wohl, dass ich jetzt nur noch Protest-Songs veröffentlichen will (lacht). Die hatten es auch nie einfach mit mir. Dann folgte auch noch 'Angst' - die Stimmung war im Keller. Man lobte mich aber auch mit nachdenklichen Worten: 'Ist ja trotzdem sehr schön geworden, irgendwie.'"

"Ich singe so vor mich hin"

Auch nach der Wiedervereinigung konnte Grönemeyer einfach nicht die Klappe halten: "Chaos", "Die Härte", "Grönland" waren nicht ohne: "Ich singe so vor mich hin, was ich denke, und dann kann man ja mal gucken, was man damit anfängt." Auf "Tumult" nun hat man die Wahl: Zwischen den eher persönlichen Tumulten und den politischen. Welcher wiegt mehr? "Naja, der politische im Großen und Ganzen natürlich, aber Politik wird bei uns ja eh recht gefühlsschwanger besetzt, so tief und so ernst. Dabei ist Politik doch nichts weiter als das Zusammenleben von Menschen, und das ist schließlich auch beschwingt und leichtfüßig. Bei der Frage 'Oh Gott, singen Sie auch politisch? Das ist ja toll!' - da muss ich immer ein bisschen lachen, denn 'politisch' bedeutet doch nichts anderes als eine Einsortierung: Man fängt im Kleinen an, mit dem Partner, der Familie, und dann geht man über zum Land und seiner Bevölkerung. Und da gibt es überall Nervereien, mal passt es, mal passt es nicht."

Tumult (Ltd. Deluxe)
EUR 19,99
*Datenschutz

Wie vielleicht auch im Lied "Warum", das hat laut Grönemeyer etwas mit seiner eigenen Unsicherheit zu tun. Denn ihm geht es, wie den meisten anderen auch: Er läuft nicht immer aufrecht und gerade durchs Leben, er strotzt tatsächlich nicht den ganzen Tag vor Selbstbewusstsein, nein: "Ich habe auch diese Momente, in denen ich mich relativ grausam finde, da kann ich mich schonmal in mir verlieren." Er versucht dennoch, die richtigen Fragen zu stellen, nicht nur sich, auch "der Gesellschaft": "Die Frage ist doch, wie können wir zusammenrücken, egal, von welcher Seite wir kommen. Das Ziel ist, klare Kante gegen rechts zu zeigen, denn das wollen wir hier nicht, das ist nicht gefragt. Und letzten Endes wird es doch so aussehen: Die laufen ins Leere, die pöbeln sich in die Ecke, und wir, der Rest, stehen fest zusammen.“

"Sie wollen meine Moves lernen"

Herbert Grönemeyer ist an diesem Abend aber nicht nur gekommen, um Schweres zu besprechen, auch die Heiterkeit liegt ihm. Natürlich geht er auch wieder auf Tour. Warum kommen die Leute immer wieder in seine Konzerte, was denkt er wohl? "Weil die mich tanzen sehen wollen. Ich bin bekannt für meine Moves, die kennt man so nicht, und die Leute wollen das auch erlernen." Daher auch seine eigenen neuen Tanzschulen, von denen er bereits beiläufig sprach? "Ja, die laufen gut in Bottrop und Umgebung, da werden konsequent nur meine Moves gezeigt. Ich habe vor, auf den Konzerten manche Lieder nur zu tanzen, ganz ohne Gesang, und die Zuschauer müssen dann raten, welches Lied das war." Herrlich, der Herbert, so ernst, so gefühlvoll, und dann so locker-flockig, auch da dürfen sich einige Künstler gern ein Beispiel dran nehmen. Durch fast nichts ist er aus der Ruhe zu bringen, nicht einmal durch Fragen zu seiner neuen Brille ("Ich trug mal das Modell 'Herbie' und dachte es wäre nach mir benannt, ein Irrtum") oder seiner Art, Mut zu machen mit seiner Musik. "Ich bin der, der trommelt. Auch  wenn ich nicht alle Rechten in die Antifa kriegen kann. Ich will vor allem denen den Rücken stärken, die sowieso schon etwas tun."

"Ich finde, der Künstler hat Chancen. Man könnte an der Optik noch was machen" findet er selbst ganz selbstironisch.

"Ich finde, der Künstler hat Chancen. Man könnte an der Optik noch was machen" findet er selbst ganz selbstironisch.

(Foto: dpa)

Ist das die "Methode Grönemeyer"? Oder ist das die Ruhrpott-Mentalität? Und wenn - kann man das lernen? fragt sich ein jeder Gutgewillte: "Man muss was tun, anpacken, nicht nur quatschen, das ist der ganze Trick. Man muss Stellung beziehen, jeder von uns, die Öffentlichkeit und auch Journalisten. Und tanzen natürlich." Herbert Grönemeyers Texte, er selbst, berührt, denn er ruft dazu auf, aufmerksamer zu sein, sich die Hand zu reichen. "Und wenn wir in diesen schweren Zeiten aneinanderrücken, dann ist das wenigstens ein positiver Effekt in diesen anstrengenden Zeiten. Die Welt ist offen und auch wir haben einen offenen Geist. In Deutschland gibt es nicht nur einen Rechtsruck, sondern vor allem gibt es hier Menschen, die sich um andere, auch um Geflüchtete kümmern, seit Jahren. Das darf man nicht unterschätzen."

Ein Geständnis macht er noch: Manche Texte kann er sich nicht so gut merken, bei Konzerten verlässt er sich daher bei Liedern wie "Mensch" am liebsten auf das Publikum, "die wissen, wann was kommt bei dem Refrain". Was treibt ihn an, er könnte sich doch auch zurückziehen, tatsächlich auf Filmangebote warten: "Bloß, weil man seit 60 Jahren küsst, hört man doch nicht damit auf, ist doch immer noch schön. Und so ist das auch mit der Musik. Ich werde so lange weitermachen, bis ich an dem Gefühl, dass ich wirklich peinlich bin, nicht vorbei kann (lacht). Aber so lange mache ich das noch. Ich steh' gern auf der Bühne und singe, ich freu' mich über Applaus. Und so küsse ich auch: Ich freue mich immer, wenn das sitzt. Der Druck allerdings, ein Album fertig zu machen, ist noch immer fast unerträglich."

"Tumult" von Herbert Grönemeyer erscheint am 8. November.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema