Kino

Fitz, Schweighöfer und 100 Dinge Hier geht's ums nackte Überleben

Erst knallen die Korken, dann ist alles weg: Paul und Toni müssen umdenken.

Erst knallen die Korken, dann ist alles weg: Paul und Toni müssen umdenken.

(Foto: Warner Bros.)

Zwei Stockwerke unter uns im Hotel Regent sitzt Sandra Bullock bei Interviews, sie stellt ihren neuen Netflix-Thriller "Bird Box" vor. Kurz zuvor war sie noch auf dem Weihnachtsmarkt vor der Haustür, sie sah - zur Zufriedenheit aller Anwesenden - sehr natürlich aus. Natürlich sprechen auch wir zwei Etagen höher über die Optik - Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz sind in ihrem neuen Film "100 Dinge" in weiten Teilen schließlich so zu sehen, wie der liebe Gott sie schuf. Das ist schön - wenn man auf durchtrainierte Typen ohne zu viel Körperbehaarung steht. Aber es ist eben auch gar nicht einfach, die ganze Zeit nackt zu sein. In "100 Dinge" geht es um Besitz und nicht Besitz, um das Streben nach "schneller höher weiter", es geht aber auch ums nackte Überleben. Und da hätten wir nun zum einen Toni (Schweighöfer), der seine Espressomaschine liebt und nicht ohne Haarpillen existieren kann. Und zum anderen Paul (Fitz), der sein Handy liebt und nicht ohne seine heilige Sneakersammlung klarkommt. Doch vor allem kann Paul nicht ohne Toni und Toni nicht ohne Paul. Aber das wissen sie - noch - nicht. Immer geht es darum, wer besser oder cooler ist. Und dann kommt es zum Knall! Eines Morgens sitzen sie da, ohne Möbel, ohne Kleidung, nackt und verfroren. 100 Tage, haben sie gewettet, müssen sie auf alles verzichten. Jeden Tag kommt nur ein Gegenstand zurück. Und prompt kommen Fragen auf: Was braucht man wirklich? Besitzen wir unsere Dinge oder unsere Dinge uns? Gibt es den freien Willen? Im Interview reden wir über Handys, Diäten, Eigentumswohnungen, Glück, Zeit und Boots-Charter. Zuerst nur mit Florian David Fitz, dann auch mit Matthias Schweighöfer. 

Ist es eigentlich möglich, dass man Matthias auch mal nicht leiden kann? 

Florian David Fitz: Ja (lacht). Aber nicht, weil er so ein Blödmann ist. Er kommt halt mal zu spät hier und da und ist nicht immer hundertpro zuverlässig. Da knirscht man schon mal mit den Zähnen. Aber man hält es nie lange durch. 

Okay: Ist die Nacktheit zu zweit einfacher als die Nacktheit allein? 

FDF: (lacht) Also hier entsteht ein völlig falscher Eindruck! Es ist doch gar nicht so, dass wir die ganze Zeit nackt im Film rumrennen. Es ist - laut Wette - genau ein Tag, an dem wir nichts haben, und dann wird es ja immer mehr, was wir uns zurückholen dürfen. Vor 20 Jahren übrigens, bei "Kir Royal", da hat keiner über Nacktheit geredet, Baby Schimmerlos ist ständig nackt frontal durchs Bild gesprungen. Da kann man mal sehen, wie spießig wir geworden sind.

Wir können das ja wieder etablieren … 

FDF: Ja, wirklich. Das meine ich ernst. Was mir an Europa schon immer besonders gut gefallen hat, ist der relativ entspannte Umgang mit unserem Körper - im Vergleich zu den USA, meine ich jetzt. Das würde ich gerne beibehalten.

Das freut die eine oder andere Kinozuschauerin sicher. Und viel "gruseliger" als Nacktheit ist doch, wie durchsichtig und wie formbar wir sind. 

FDF: Jetzt kommen wir zum Thema. Der Witz ist: Wir wissen es eigentlich alle. Eine Freundin hat mir letzte Woche erzählt, dass sie mit einer Kollegin über das Thema Kinder gesprochen hat, was man so alles braucht als Zubehör zum Beispiel. Sie hat selber keine Kinder und ab da aber plötzlich Babysachen auf ihrem Laptop angeboten bekommen. Obwohl sie keine Siri oder Alexa anhatte. Das Handy hat trotzdem mitgehört und ausgewertet. Aber wahrscheinlich ist man selbst schuld und hat irgendwas unterschrieben bei einem Update oder einer Nutzungsänderung und hat das Kleingedruckte nicht gelesen. Wir ersparen den Geheimdiensten die Arbeit. Datennutzung ist eins, aber dass Facebook und alle möglichen Apps Zugriff auf mein Mikrofon haben - findet das keiner außer mir krass?

1984 ist doch schon längst da … 

Präsentieren ihre Idee vor einer strengen Jury - und haben Erfolg!

Präsentieren ihre Idee vor einer strengen Jury - und haben Erfolg!

(Foto: Warner Bros)

FDF: Wahnsinn! Guck mal in deine Apps, du musst es manuell ausschalten. Okay, genug gemosert. Das alles hat ja auch positive Seiten. Wir müssten allerdings besser informiert sein. Ganz umgehen kann man "das Internet" heutzutage schließlich nicht. 

Als Online-Journalistin schwierig … 

FDF: Ja, aber auch als Konsument. Wir müssten uns immer wieder schlaumachen, bewusst machen, was wir einfach als gegeben wegkonsumieren. Es ist wichtig, ab und an mal zu fasten oder das Handy wegzulegen für eine Woche. Das setzt die Dinge in eine Perspektive.

Was wäre einfacher für dich: Handy weg oder nichts essen? 

FDF: Handy weg wäre kein großes Problem für mich. Es macht mich oft unruhig, wenn ich ständig am Handy hänge. Ich habe mich gefragt, warum das so ist. In München gibt es das Deutsche Museum. Das habe ich Kind geliebt. Da gibt es solche Schaukästen, man drückt einen Knopf und dann passiert etwas. Und das ist als Kind das Allerschönste auf der Welt. Und beim Handy ist es genauso: Du drückst auf einen Knopf und dann kommt der Witz: es erscheint der nächste Knopf, das nächste Video, der nächste Artikel, das nächste Bild. Und dann drückt man wieder. Man wird wie ein Äffchen in einer Versuchsanordnung. Und das macht irgendwann hektisch und ungeduldig statt glücklich. 

Du bist also noch der Bestimmer: Du besitzt die Dinge, nicht die Dinge dich. Wie bist du als Regisseur an dieses Riesenthema - die Welt des Internets, Apps, Kaufzwänge und so weiter - herangegangen? 

"Ich fall' doch nicht auf meine eigene Erfindung rein." Hahaha ...

"Ich fall' doch nicht auf meine eigene Erfindung rein." Hahaha ...

(Foto: Warner Bros)

FDF: Ich habe die Tendenz, meine Filme etwas zu voll zu packen. Und wenn man mal ehrlich ist - in diesem Film ist wirklich wahnsinnig viel drin, man hätte noch einiges ausklammern können. Aber ich finde das nun mal alles so wichtig (lacht). Grundsätzlich finde ich so ein "100 Dinge"-Experiment extrem spannend. Man fragt sich doch unwillkürlich: "Was würde ich machen?" Oder?

Ja, 100 Dinge sind echt nicht viel, man müsste schon ganz schön intensiv nachdenken, worauf man verzichten könnte. 

FDF: Genau. Aber das Spannendste an der Sache ist doch, was noch alles mitkommt. Im Film habe ich eine ganz harmlose App erfunden, denke ich zumindest, denn ich habe Siri personalisiert, das wünscht sich doch jeder. Sie redet so, wie ich es möchte, sie kennt meine Wünsche, bevor ich sie kenne, mit einer Stimme, die ich mag, sie reagiert auf meine Witze … 

… also, ich möchte das nicht. 

FDF: Dass diese harmlose Sache so irre gefährlich ist, kristallisiert sich doch erst später heraus … Es geht ja auch einen Schritt weiter, denn es geht im Endeffekt ausschließlich um Daten und Zuckerberg und Co sitzen da und reiben sich die Hände und denken: "Fuck, die Leute schmeißen uns ihre Daten schließlich hinterher, warum nutzen wir sie dann nicht noch besser?" Und wir machen es denen wirklich leicht! Ich denke inzwischen zumindest mal darüber nach, meine Laptop-Kamera zuzukleben - ich will ja nicht, dass die alles sehen (lacht). Mein Handy hört mich schließlich bereits, auch wenn ich zwei Räume weiter bin.  

Welche Medien konsumierst du, wenn du nicht am Handy bist? 

FDF: Ich höre ganz gerne Radio. Da kann man Dinge lernen, von denen man sonst niemals erfahren würde. Mein Wunsch wäre es, wenn die Qualitätsmedien sich noch mehr mit den Infos beschäftigen würden und nicht nur mit den Storys. Die Welt ist so unübersichtlich, es wäre toll, wenn ein paar schlaue Köpfe hier und da mal etwas einordnen würden. 

Müssen so prominente Leute wie ihr nicht ab und zu mal den Vorreiter spielen? 

FDF: Ist tatsächlich schwierig. Aber jetzt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Spot für die bayerischen Grünen gedreht. Einen Wahlspot mit Katharina Schulze. Ich will damit gern für ein Weltbild einstehen, aber ich tue mich schwer damit, anderen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Ich finde, ich sollte möglichst neutral bleiben, denn meine Aufgabe ist es, Schauspieler zu sein.  

War es früher einfacher? Als man noch nicht so viele Dinge hatte?

FDF: Früher hatte man bessere Gründe, um glücklich zu sein. Jetzt hat man ein Problem mit der Rechtfertigung. 

Schränkt ihr euch irgendwo ein? (Matthias Schweighöfer ist inzwischen da)

Fight Club? Oder tote Hose?

Fight Club? Oder tote Hose?

(Foto: Warner Bros)

Matthias Schweighöfer: Ich versuche das gar nicht erst, ich habe zwei Kinder (lacht). Ich bin aber nicht der Super-Konsument. Manche Freunde von mir haben schon vorm Apple-Store geschlafen, das würde ich nicht tun. 

FDF: Allerdings werden wir Schauspieler manchmal auch ganz schön gepampert - und dann gebe ich Dinge auch sehr gerne an meine Freunde ab. Bei mir kommt gar nicht dieser "Haben-wollen-Drang" hoch. Ich will auch nie, dass mir jemand was schenkt. Wenn man gerade anfängt, Geld zu verdienen, ist das natürlich etwas anderes. Und ich bin auch noch immer der Meinung, dass Dinge einen glücklich machen können, zumindest für eine gewisse Zeit. Erst wenn es so zwanghaft oder besinnungslos wird, dann hat das nichts mehr mit Glück zu tun. 

Was war euer erster, richtig großer, sinnvoller Kauf? 

FDF: Ich habe eine Wohnung angezahlt. Meine Eltern haben drauf bestanden. Die waren Kaufleute, guck ' nicht so! 

MS: Nee, alles gut (lacht), dass du dich da so genau dran erinnern kannst. Hast du die Wohnung noch? 

Miriam Stein, Artjom Gilz, Maria Furtwängler, Florian David Fitz, Katharina Thalbach und Matthias Schweighöfer bei der Premiere in Berlin.

Miriam Stein, Artjom Gilz, Maria Furtwängler, Florian David Fitz, Katharina Thalbach und Matthias Schweighöfer bei der Premiere in Berlin.

(Foto: imago/Future Image)

FDF: Ja. Ich kann mich an das Gefühl erinnern, da in dem leeren Dachgeschoss gestanden und gedacht zu haben: "Alles meins!". Ich fand's toll, aber eigentlich totaler Bullshit, wenn man mal ehrlich ist. Was heißt schon Besitz? Kann man Land besitzen?  Setzt sich ein Schwein drauf und sagt: "Gehört mir." (lacht) So ein Quatsch. Eigentlich heißt das doch nur, dass es einem kein anderer wegnehmen soll. 

MS: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich mir von meinem ersten verdienten Geld gekauft habe. Ich kann mich aber ganz gut daran erinnern, was für ein Gefühl es ist, wenn man sich mal etwas leistet, was man sich noch nie geleistet hat! 

FDF: Das Boot!

MS: Ja, wir waren an der Côte d'Azur. Mit Freunden und Kindern, und da haben wir ein Boot gechartert. Also so ein richtiges Boot, ihr versteht. Mit Personal. Hab' ich noch nie gemacht. Bin ja eigentlich Strandhasser. Du kommst aus dem Wasser, gehst zum Handtuch, dann kommt eine Brise, du bist von oben bis unten mit Sand paniert, das Sonnenöl, nee, alles gar nicht so meins. Egal, wir hatten nun also dieses Kreuzfahrt-ähnliche Schiff (lacht), es war wirklich sehr schön, vor allem weil die Besatzung uns gesagt hat, dass sie noch nie Leute an Bord hatten, die sich so dermaßen über alles gefreut haben. Wir haben uns echt gefreut wie Kinder! 

Also doch Luxus …

FDF: Naja, der Luxus besteht darin, dass man sich über etwas freut, das man sonst nicht hat. Wenn man jetzt täglich so ein Boot zur Verfügung hat, freut man sich wahrscheinlich nicht täglich wie doll und verrückt. Genauso ist es mit dem Glück: Wenn es permanent da ist, dann nimmt man es kaum mehr wahr. 

Freunde, Kollegen, Brüder im Geiste: Matthias und Florian.

Freunde, Kollegen, Brüder im Geiste: Matthias und Florian.

(Foto: dpa)

Ist der eigentliche Luxus heute nicht der Faktor "Zeit"?

FDF: (lacht) Aber wir haben doch Zeit! Wir haben Unmengen an Zeit! 

Worauf könntet ihr niemals verzichten? 

FDF: Ganz ehrlich? Wahrscheinlich doch auf alles. Die Generationen vor uns haben es bewiesen. Klar, wir würden Dinge vermissen, keine Frage, aber wir versuchen, zu überleben. Und dann bräuchten wir vielleicht dringend eine warme Dusche. Als Pfadfinder wurden wir mal losgeschickt mit Brühwürfel, Schokolade, Salami und Wasser. Wir mussten eine Übernachtungsmöglichkeit finden und uns den Proviant einteilen. Das Schlafen im Heu beim Bauern war natürlich traumhaft, obwohl ich jetzt zum Beispiel mein Bett nicht missen wollen würde. 

Was war das Interessanteste beim Dreh, abgesehen vom Nackigsein? 

MS: Dass die Woche, in der wir im Parkhaus gedreht haben, die kälteste des ganzen Jahres war. Minusgrade! Und unsere Stromkabel wurden geklaut, das heißt, mit der Beheizung war es schwer. Und mal nackt durch den Schnee zu rennen ist kein Ding, aber tagelang am Set ist schon was anderes. Ich wurde auch gleich krank. 

Ihr seid beide Schauspieler und Regisseur, ihr seid befreundet. Wie schwer fällt es da, sich zurückzuhalten? 

MS: Ich war ehrlich gesagt sehr dankbar, das war unsere Abmachung. Florian führt Regie. Ich kam gerade vom Dreh zu "You are Wanted 2" und ich war echt froh, nicht Regie zu führen, denn Florian war vor mir da und ging nach mir. Wir haben Regeln aufgestellt, er war der Chef, und so ist das dann auch.

FDF: Niemand ist eifersüchtig auf den Regisseur. 

MS: Für mich war es cool. Ich habe alles gemacht, was er möchte. Wenn er gesagt hat, komm mal her, guck' dir das mal an, dann hab ich das getan, wenn nicht, dann nicht. Und er hat gesagt, wenn ich nicht vorbereitet bin, dann schickt er mich vom Set und ich muss den Ausfall zahlen. 

Und, ist es passiert? 

FDF und MS: Nein! (lachen) 

MS: Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich es drauf angelegt hätte … 

FDF: Das sehen wir beim nächsten Film. 

Hannelore Elsner, Katharina Thalbach, Wolfgang Stumph und Maria Furtwängler, was für ein großartiger Cast …

FDF: Ja, bei Wolfgang waren wir uns von Anfang an klar, dass er es werden muss. Auch bei Hannelore war es so. Sie ist eine Seele von Mensch, genau wie Kati, obwohl sie für ihre Rolle ja eigentlich noch zu jung ist. Aber es hat ganz unfassbar gut funktioniert mit der Maske. Und bei Maria ist es diese Klarheit, die sie ausstrahlt. Dieses Humorbefreite von ihr in der Rolle ist das, was am besten ist, denn in Wirklichkeit hat sie einen großartigen Humor.

Mit Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer sprach Sabine Oelmann

"100 Dinge" startet heute in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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