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"Sing meinen Song" - Runde drei Perlen vor die Säue

Heute sind Judith Holofernes' (3.v.l.) Songs dran - keine leichte Aufgabe.

Heute sind Judith Holofernes' (3.v.l.) Songs dran - keine leichte Aufgabe.

(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)

Jutebeutel-Rock mit irischem Akzent, NDW-Schlager aus der Mottenkiste und Kerzenschein-Kling-Klang für die Stadionmasse: Mit der Last von Holofernes-Werken auf ihren Schultern heben sich Rea Garvey & Co. schwere Brüche.

Der Sprung von der Grund- in die Oberschule, der Übergang vom Händchenhalten zum Petting, der Tauchgang vom Nichtschimmer- ins Schwimmerbecken: Nicht jeder kommt schadlos ans neue Ufer, wenn das Leben plötzlich und unerwartet den Beginn eines neuen Kapitels fordert. Auch den diesjährigen "Tauschkonzert"-Kandidaten geht ordentlich die Muffe, als Judith Holofernes auf der Couch neben Gastgeber Mark Forster Platz nimmt und keinen Hehl daraus macht, dass sie mit ihrer "Party" heute große Erwartungen verknüpft: "Ich wollte mit meiner Musik immer eine Verbindung zwischen Hirn und Herz schaffen", so die nerdige Pop-Poetin aus Berlin.

"What? Isch bin schon wieder der fucking Erste?"

Hirn und Herz im Einklang? Da zuckt nicht nur Johannes Strate verängstigt zusammen. Auch Rea Garvey steht bereits vor seinem Auftakt-Auftritt der Schweiß auf der Stirn: "What? Isch bin schon wieder der fucking Erste?", schallt es durch die südafrikanische Nacht. Fünf Minuten später genehmigt sich der taffe Ire erst einmal ein polnisches Wässerchen. Das hat er sich aber auch verdient - genauso wie das von Judith feierlich überreichte Deutschpop-für-Studenten-Seepferdchen-Abzeichen ("Guten Tag").

Im The-Hives-auf-der-rechten-Autobahnspur-Modus und mit der imaginären Extended Version des Deutschpop-Dudens vor Augen läutet der gute Rea einen musikalischen Abend ein, der wieder einmal zeigt, dass manche Menschen gewisse Grenzen lieber nicht überschreiten sollten.

Gute Miene zum wie auch immer gearteten Spiel ...

Gute Miene zum wie auch immer gearteten Spiel ...

(Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa)

Weder die von Leslie Clio in ein Trio-meets-Schlager-Korsett gezwängte Tralala-Version von "Müssen nur wollen", noch der von Mary Roos völlig verhüpfte Harald-Juhnke-Gedenk-Dreiminüter "Nur ein Wort" können es in puncto Atmosphäre und Tiefgang auch nur ansatzweise mit den Originalen aus der Feder der ehemaligen Wir-sind-Helden-Frontfrau aufnehmen.

Überladenes Big-Band-Gehabe und dreiminütiges Schlafzimmergewinsel

Auch Mark Forster schießt mit völlig überladenem Big-Band-Gehabe meilenweit am Ziel vorbei ("Oder an die Freude") - ebenso wie Johannes Strate, der nach einem dreiminütigen Schlafzimmergewinsel plötzlich und unerwartet mit der Stadion-Keule um sich haut ("Denkmal"). Einzig Marian Gold präsentiert sich als Versteher des großen Ganzen und verzückt mit einer aufwühlenden Bittersweet-Pop-Neuinterpretation des Rührstücks "Bring mich nach Hause".

Während man sich also daheim wieder einmal fast durchgehend die Ohren zuhält, macht Judith im fernen Südafrika gute Miene zum bösen Spiel. Soll heißen: Jeder wird geknuddelt, gedrückt und geküsst, als hätten die einst mit viel Liebe zum Detail erschaffenen Sound-Geburten heute mindestens genauso rührende kleine Schwestern und Brüder bekommen. Haben sie aber natürlich nicht. Die einzigen Highlights aus der Runde der heutigen Performer beschränken sich auf Marians Kurzzeit-Schluchzer und diverse offengelegte Geheimnisse aus dem Mary-Roos-Archiv ("Ich habe den 'Glücksbärchis'-Song gesungen und 'Fix & Foxi'-Geschichten geschrieben. Außerdem gehe ich zum Schreien in den Wald und umarme gerne Bäume.") Puh. Nächste Woche dann: Johannes Strate singt "Forever Young". Vorfreude pur.

Quelle: n-tv.de

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