Reise

"Der Denglische Patient" Komm mal rüber, wenn du nackt bist!

Der Satz "Come over when you have got nothing on!" kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden.

Der Satz "Come over when you have got nothing on!" kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden.

(Foto: imago/McPHOTO)

Ach, Redewendungen! Schon im Deutschen ist mit ihnen nicht leicht Kirschen essen. Wie soll man sie da auch noch auf Englisch beherrschen? Aber: Sprachliche Missverständnisse können ja auch schöne Ausreden sein.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie an meiner Schule in Köln Schülerinnen und Schüler einfielen, die nur Englisch sprachen. Es waren Gastschüler aus "Übersee", wie es meine Eltern noch nannten. Und sie blieben einige Monate.

Die netten Fremden weckten sofort unser Interesse. Sie kamen schließlich aus Erdteilen, die jedem Westdeutschen in den Achtzigerjahren verheißungsvoll erschienen: Australien, USA, Kanada, Neuseeland. Blitzschnell wurden sie Teil unserer Gemeinschaft und bald sprach man sich gegenseitig Einladungen aller Art aus. Zum Beispiel diese:

Come over when you have got nothing on!

Es war Susanna aus Neuseeland, die diesen Satz zu mir sagte. Es war zwischen Tür und Angel - in passing. Obwohl er für mich recht feierlich klang: wie die Einladung zu etwas, das ich bis dahin noch nie gemacht hatte! Auf Susanna hatte ich von Anfang an ein Auge geworfen - ohne eine Ahnung zu haben, dass man das mit I cast an eye on her übersetzen kann. Genauso wenig wusste ich, was sie mir sagen wollte. Dass ich nackt vorbeikommen solle? Dürfe? Müsse! Sprachliche Missverständnisse können ja so schöne Ausreden sein! Trotzdem ging mir der Arsch auf Grundeis - I was shaking in my boots.

Dabei meinte es Susanna ganz und gar nicht anzüglich - by no means did she mean to be lewd. "Come over when you have got nothing on" ist keine unanständige Einladung - it isn’t a ribald invitation but another way of saying: "Come over when you are free" - also wenn du Zeit und Lust hast. Was wiederum nicht mit der englischen lust zu verwechseln ist, einer Wollust, die ich vielleicht verspürte …

Sprachverwandtschaft mit Tücken

Es war wohl der früheste Punkt in meinem Leben - und meiner Karriere als "Denglischer Patient", in dem ich zwei wichtige Erkenntnisse über unsere Lieblingsfremdsprache Englisch hatte:

1. Deutsch und Englisch ähneln sich sehr. Die Verwandtschaft der Sprachen erzeugt zunächst eine große Vertrautheit. Sie ist so groß, dass ich darüber noch eine eigene Kolumne schreiben werde. So kann "to have nothing on" tatsächlich bedeuten nichts anzuhaben, also keine Kleidung zu tragen. Allerdings ist die Bedeutung "frei zu haben" oder "nichts vor zu haben" als Redewendung gängiger - man muss es wissen! Es gibt 100 Prozent identische Ausdrücke wie "Hang it up!": "Häng es auf!". Oder "please stand still!" Es ist eine unmissverständliche Aufforderung zum Stillstehen. Auch wäre es astreines Englisch, zu sagen "the post is underway"; "die Post ist unterwegs". Aber es ist nicht mehr astrein, zu sagen "I am underway." Weil es heißen muss: "I am on the/my way."

Neulich stieß ich auf ein anderes Beispiel: "to go under". Es kann wörtlich bedeuten, dass ein Unternehmen untergeht. "Because of the hot summer farms may go under." Oder: "Because of digitisation the business with analogue telephones has gone under." Aber der "Untergang" eines Staates wie Deutschland 1945 lässt sich nicht mit "Germany went under" oder gar mit "undergang" übersetzen. Deshalb hieß der Film über das Ende von Hitlerdeutschland auch "Downfall". Das führt mich zur zweiten Erkenntnis - it brings to my second insight:

2. Viele Redewendungen sind im Deutschen und Englisch ähnlich, aber nicht identisch. Manchmal liegen sie nur ein Wörtchen daneben.

- "Das geht mir auf die Nerven" ist nicht etwa "it goes on my nerves", sondern "it gets/it is getting on my nerves".

- "Nimm es dir zu Herzen!" ist nicht "take it to your heart", sondern "take it to heart!"

- "Es hängt am seidenen Faden" ist nicht "it hangs at the silk thread", sondern "it hangs by a thread" oder "by a hair".

Pauken! - Jeden Tag eine Redewendung

Für alle, die diese Feinheiten beherrschen wollten, gilt ein altes Prinzip: Pauken! Am besten der Reihe nach - one at a time. Jeden Tag eine neue Redewendung hat mir persönlich sehr geholfen - so wie mit den guten alten Abreißkalendern.

In der Zwischenzeit habe ich meine besondere Freude mit feststehenden Wendungen entwickelt, die man wirklich kennen muss. Es sind sogenannte "phrases" and "figures of speech". Denken Sie nur an die "Kinderkrankheiten", die Produkte manchmal haben. Allerdings würde man nur die Kinderkrankheiten der eigenen Englischkenntnisse offenbaren, wenn man sagen würde: "My car has children illnesses." Gängig und verständlich ist: "My car has teething problems" - das Auto zahnt!

Quelle: n-tv.de


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