Reise

In Europas hohem Norden Kathedrale fängt Polarlichter ein

Von außen kommt man nicht unbedingt auf die Idee, dass man vor einer Kirche steht.

Von außen kommt man nicht unbedingt auf die Idee, dass man vor einer Kirche steht.

(Foto: Rocco Thiede)

Vor fünf Jahren wird im norwegischen Alta eine der modernsten christlichen Kirchen eingeweiht. Sogar Kronprinzessin Mette-Marit kommt. Heute führt eine Deutsche durch den nicht nur architektonisch beeindruckenden Bau und erlebt ein ganz neues Kirchengefühl.

Es ist ein ganz besonderer Bau. Schon von Weitem gut sichtbar. Sehr auffällig mit Titanplatten verkleidet, die in der Sonne silbern glänzen und das Licht reflektieren. Die hoch in den blauen Himmel aufstrebende Architektur ist im Zentrum der Stadt nicht zu übersehen. Von außen ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen, dass es sich bei dem Betonbau um ein Gotteshaus handelt. Nur ein schlichtes Kruzifix über der in Holz gerahmten Eingangstür verrät: Das ist eine christliche Kirche. "Da sind die meisten Besucher tatsächlich überrascht, weil die Kirche mit ihren ungewöhnlichen Formen sehr modern ist", sagt Tanja Handke.

Handke arbeitet im Tourismusbüro und ist auch Gästeführerin für die "Nordlyskatedralen Alta Kirke", die "Nordlichtkathedrale Alta Kirche". Seit 14 Jahren wohnt sie mit Ehemann und zwei Töchtern in der mit 20.000 Einwohnern größten Stadt der Finnmark in Nordnorwegen am Atlantik. Als Rheinländerin aus der Nähe von Köln kam sie mit ihrem Mann, einem Architekten, aus beruflichen Gründen in den äußersten Norden Europas. Das Leben am Altafjord mit den zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden prähistorischen Felsritzungen charakterisiert sie "als sehr entspannt. Wir brauchen uns nie Gedanken über den Verkehr zu machen, stehen nie im Stau, haben kurze Arbeitswege und können alles zu Fuß machen - das ist auch ein Stück Lebensqualität."

Tanja Handke lebt seit Jahren in Norwegen.

Tanja Handke lebt seit Jahren in Norwegen.

(Foto: Rocco Thiede)

Tanja Handke ist Mitte 40 und weiß, dass in ihrem Geburtsland Deutschland jedes Jahr "viele Kirchen geschlossen werden. Aber hier haben wir uns den Luxus erlaubt, eine neue Kirche zu bauen" - zum Preis von 132 Millionen Norwegischen Kronen (umgerechnet 13,8 Millionen Euro). Die besondere Form hat etwas mit der Gegend zu tun. "Alta ist eine wunderbare Stadt, um sich Nordlichter anzusehen", sagt Frau Handke und so hat auch der Architekt Kolbjörn Jenssen mit einem Team dänischer Kollegen aus Aarhus das Thema Polarlichter aufgegriffen. "Wenn man sich das Nordlicht so anguckt, so hängt das ein bisschen vom Himmel herunter. In dieser gleichen Form, nur eben zum Himmel hinauf, hat unser Baumeister die Kirche entworfen", erklärt sie den Besuchern. Das ganze Gebäude ist rund. Die Wände sind in sich schräg. Rechte Winkel sucht man vergeblich.

Nach der Umrundung der Kirche geht es links außen, vorbei am Standbild des Physikers Kristian Birkeland, der hier im 19. Jahrhundert das erste Nordlichtobservatorium baute und über diese faszinierenden Lichtphänomene forschte. Im Untergeschoss der Nordlichtkathedrale befindet sich eine multimediale Ausstellung zu den Polarlichtern, die gegen ein extra Eintrittsgeld besucht werden kann. Überhaupt wird für die Innenbesichtigung ein Ticket für 50 Kronen, also gut fünf Euro, fällig.

Goldene Himmelsleiter

Wer die Kirche betritt, passiert eine besondere Konstruktion mit einem siebeneinhalb Meter hohen Lichttunnel und goldener Leiter: "Genau, das ist die Himmelsleiter von Jakob und dort oben befindet sich der Glockenturm". An seiner Außenseite sind aus goldfarbenen Mosaiken bildlich-symbolische Darstellungen der zwölf Apostel zu sehen. Alles, was in der Kirche aus Holz gefertigt wurde, wie die Stühle und der Fußboden, ist aus massiver Eiche.

Für Bilder aus der Bibel suchten die Architekten Umsetzungen.

Für Bilder aus der Bibel suchten die Architekten Umsetzungen.

(Foto: Rocco Thiede)

Auch wenn der Innenraum genauso ungewöhnlich wie das Äußere ist und keine regelmäßigen Formen hat, wird der Blick der Besucher auf den Altarraum gelenkt. "Da vorn befindet sich eine große Christusskulptur aus Bronze. Sie wiegt zwei Tonnen und ist in der Toskana gefertigt worden." Dieser ungewöhnliche, 4,3 Meter hohe Gekreuzigte ohne Kreuz hat seinen Kopf nach oben gestreckt. "Er strahlt Hoffnung und Zuversicht aus", sagt Handke und verweist auf das Licht, das durch die Fenster auf ihn fällt. Seine rechte Hand ist zur Faust geballt: "Das symbolisiert immer Kraft, Macht, Kampf". Während seine linke Hand offen und ausgestreckt ist. "Das heißt: sei willkommen! Und wer genau hinschaut, entdeckt so ein jüdisches Gebetsband. Das erinnert daran, dass Jesus Christus Jude gewesen ist."

Architekt Jenssen und Designer Peter Brandes waren sich damals uneinig, wie der Innenraum gestaltet werden soll. "Der Architekt wollte alles in diesem Betongrau lassen und der Künstler am liebsten alles bunt anmalen. Als Kompromiss leuchtet der hintere Altarraum heute blau schattiert, "wie eine Wischtechnik. Blau wurde als Symbol für das Wasser und den Himmel gewählt". Insgesamt 800 Meter von hinten mit LEDs beleuchtete Plastikstreben im U-Profil verbreiten im gesamten Kirchenraum ein sanftes Licht "und schlucken zudem den Schall".

Die Jesusfigur schaut nach oben.

Die Jesusfigur schaut nach oben.

(Foto: Rocco Thiede)

Andacht, Kuchen und Musikschule

Als die Kirche 2013 eingeweiht wurde, kam viel Prominenz, sogar Kronprinzessin Mette-Marit flog eigens von Oslo nach Alta. Das ganze Land konnte via TV und Internet daran live teilnehmen. Aber die Kirche in Alta wurde nicht nur für Gottesdienste gebaut, sondern man wollte sie auch zu einem Raum der Gemeinschaft für alle Menschen machen. "Hier können sich Jugendliche treffen und Computer oder Playstation spielen".  Vor allem Senioren nutzen gern das Kirchen-Café gleich hinter dem Tresen am Eingang. "Das ist etwas ungewöhnlich, wenn man hier in die Nordlichtkathedrale kommt und Waffelduft schlägt einem entgegen", sagt Handke lachend. Jeden Tag ab 11 Uhr ist das protestantische Gotteshaus geöffnet. Einige Stammgäste trinken regelmäßig hier ihren Kaffee und essen selbstgebackenen Kuchen, der gegen eine Spende verkauft wird.

Die evangelisch-lutherische Volkskirche in Norwegen mit ihren elf Bistümern überlegt sich viele Aktionen, damit die Menschen jeden Alters in ihre Kirchen kommen. Den Kindern wird in der Gemeindekirche in Alta mit ihren fast 16.000 Mitgliedern zum Beispiel eine regelmäßige Kulturschule mit Musikunterricht angeboten. Für Eltern, Freunde, Verwandte sowie Schulkameraden finden dann kleine Lunchkonzerte statt. Eine von Tanja Handkes Töchtern macht da auch mit. "Und dann kommt ihre ganze Klasse in die Nordlichtkathedrale. Man passt sich in Norwegen den Bedürfnissen der Menschen an. Nicht nur Gebet und Andachten bestimmen heute das Kirchenleben", hat sie beobachtet.

Die Kirche ist ein offenes Haus, das schätzt Tanja Handke sehr. "Es hat sich noch niemand erkundigt, ob ich katholisch, evangelisch oder Moslem bin und wollte von mir wissen, was und an wen ich glaube. Wir feiern christlichen Gottesdienst ganz unabhängig von der Konfession. Norweger sind alle Protestanten. Es gibt keine norwegischen Katholiken. Und wenn, dann sind es alles so Zugereiste, wie ich."

Quelle: n-tv.de

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