Leben

Der Tag, an dem ... ... mir klar wurde, wie sich Sexismus anfühlt

Es bleibt ein blödes Gefühl.

Es bleibt ein blödes Gefühl.

(Foto: imago/Westend61)

Frauen kämpfen noch immer um Dinge, von denen Männer kaum etwas wissen. Dabei geht es weniger um unmoralische Angebote, als vielmehr um ständige, kaum spürbare Benachteiligung. Eine Geschichte aus dem Unialltag.

Ich bin 25 Jahre alt, aufgewachsen in Berlin mit einer berufstätigen Mutter und einem berufstätigen Vater. Gleichberechtigung war für mich lange kein Kampf, sondern eine Selbstverständlichkeit. Jetzt mache ich einen Master in einem MINT-Fach, weil mich meine Neigungen und Leidenschaften zu den Naturwissenschaften gezogen haben. Die Stimmen, die mir sagten, ich wäre auch eine gute Lehrerin und so begabt mit Sprachen, habe ich weggelächelt.

Ich bin Feministin, auch wenn mich der Begriff lange gestört hat. Ich bin ja schließlich Egalitaristin. Ich kann damit umgehen, dass Männer weinen, ihre Kinder erziehen und in Pflegeberufe gehen können. Ich kann auch damit umgehen, dass Frauen das letzte Wort haben, Killerviren züchten und die Mafia leiten dürfen. Und andersherum. Ich wohne in einer gemischten WG, wo jeder mal putzt. Ich spiele mit meinen Brüdern mit Puppen. Und mit Nerfguns. Und erzähle dem Nachbarsmädchen, dass es alles werden kann, Ballerina oder Astronautin.

Es gibt in meinem Alltag immer wieder sexistische Situationen, die mich wütend machen. Wenn mir auf der Straße hinterhergepfiffen wird, fühle ich mich verletzlich. Wenn meinem gleich großen Mitbewohner eher zugetraut wird, einen Bierkasten zu tragen (und auszutrinken), nervt mich das. Und dann gibt es Situationen, die sind um einiges frustrierender.

Bessere Noten für männliche Menschen

Wir sind in meinem Studiengang ungefähr gleich viele Frauen und Männer. Die meisten Professoren sind Männer, aber das ändert sich ja hoffentlich mit der Zeit. Es ist eine bunt gemischte Truppe, nicht alle sprechen deutsch. Gerade halten wir unsere Abschlussvorträge über wissenschaftliche Artikel, die uns zugeteilt wurden. Alle geben ihr Bestes, es ist ein freundschaftlicher Wettkampf.

Ich bin die letzte, vor mir präsentieren noch vier andere Studierende. Sie machen ihre Sache unterschiedlich gut. Zwei von ihnen missinterpretieren ein paar Statistiken, eine ist sehr aufgeregt und verhaspelt sich häufig. Direkt vor mir präsentiert Jan ein kniffliges Thema und dazu spricht er so schnell, dass selbst ich kaum mitkomme. Seine Folien sind vollgestopft und ohne den Artikel gelesen zu haben, verstehe ich lange nicht, was die Ergebnisse mir sagen sollen. Dann bin ich dran. Ich gehe nach vorne, mit einem gutem Gefühl. Ich bin vorbereitet, mein Thema ist spannend und mir liegen Vorträge. Es läuft sehr gut, ich sehe es in den Augen der Leute, die zuhören. Ich kann jede Frage beantworten.

Der junge Professor stottert etwas, als er sagt, er mochte alle unsere Präsentationen und sei angenehm überrascht von dem allgemein hohen Niveau und dass die Entscheidung über die Noten ihm sehr schwer fallen würde. Er streut ein paar Verbesserungsvorschläge ein. Dann fängt er an, Jans Vortrag zu loben. So gut recherchiert und vorbereitet, gut strukturierte Folien. Er macht eine Bemerkung zu einem der Ergebnisse und reißt einen Witz über die Publikation. Und fragt, ob Jan denn Muttersprachler sei, sein Englisch sei so gut.

Dann zu mir: "Schöner Vortrag und so schön präsentiert. Sie haben da wirklich ein Talent. Nein wirklich, wenn ich ein Kunde wäre, ihr Produkt würde ich sofort kaufen". Alle lachen. Ich bedanke mich. Als wir aufstehen, fällt ihm plötzlich ein, "Ihr Englisch war ja auch so gut, sind Sie auch Muttersprachlerin?" Ich verneine, alle sind im Aufbruch. Plötzlich weiß ich, dass Jan die bessere Note bekommen wird. Ich habe einen Kloß im Hals. Als eine gute Freundin von mir ihren Vortrag hielt, in den sie viel Arbeit investiert hat, musste auch sie hinter einem der Männer zurück stehen, mit der Begründung, sie sei "noch nicht so richtig im Thema angekommen". Und jetzt bin ich auf einmal wütend.

Alle werden ungerecht behandelt

Unser Schulsystem ist für Mädchen ausgelegt und auch das ist ungerecht. Aber spätestens im Studium ändert sich das Kräfteverhältnis. Natürlich ist es nicht geplant, dass der Kommilitone eine bessere Note bekommt. Es ist einfach so. Und es kann natürlich auch Zufall sein, dass am Ende alle Zusatzpunkte an Männer gehen, vielleicht haben sie es verdient. Zufällig bekommen diese Männer so immer die ein wenig besseren Noten und natürlich am Ende auch den ein bisschen besseren Abschluss und damit auch die besseren Jobs und die dazugehörigen Aufstiegsmöglichkeiten. Und am Ende sitzen sie wieder dort, in diesem Raum und vergeben Noten an andere Männer. Und das ist es, was mich so wütend macht. Denn das ist das Problem mit Sexismus, er fängt nicht beim Gender-Pay Gap oder Vergewaltigungszahlen an. Er beginnt dort. In diesem Raum, mit diesem Vortrag. Jeden verdammten Tag.

Mein Problem ist nicht, dass Jan mehr Lob bekommen hat. Er ist ein guter Typ, er hat einen tollen Vortrag gehalten. Das Gemeine ist, dass es gar keinen Punkt gibt, an dem ich ansetzen und mich beschweren könnte. Ich wurde nicht ungerecht behandelt, wir wurden alle ungerecht behandelt. Es gibt keine festgelegten Bewertungskriterien, die Punkte verteilen zwei Professoren nach dem Sympathieprinzip. Mein Problem ist, dass selbst wenn wir alle ungerecht behandelt werden, Männer oft immer noch besser abschneiden als Frauen.

Meine Professoren sind keine Sexisten, sie sind Wissenschaftler. Sie glauben daran, dass Leistung einen voran bringt, dass die Besten nach oben kommen. Sie versuchen, allen eine Chance zu geben und sind auch nicht voreingenommener als der Rest der Menschheit. Doch es gibt Studien, die belegen, dass Menschen dazu tendieren, bei gleicher Leistung einen Mann besser zu bewerten als eine Frau. Vor allem werden Frauen erst dann als gleichwertig oder besser angesehen, wenn sie viel besser sind. Und heute, heute macht es mich einfach wütend, dass wir nach unterschiedlichen Maßstäben bewertet werden und dass bei mir nicht der Inhalt, sondern die Verpackung mehr zählt, einfach nur auf Grund meines Geschlechts.

Der Professor hat mir übrigens ihm Nachhinein doch die bessere Note gegeben, besser als Jan und besser als viele meiner Kommilitonen, Männer und Frauen. Natürlich bin ich positiv überrascht, doch das Gefühl bleibt. Denn eigentlich möchte ich nur irgendwann aus diesem Raum kommen und mich ungerecht behandelt fühlen dürfen. Ich möchte denken können, dass eine Note nur mit der Qualität meines Vortrags, dem schauspielerischen Talent und der völlig subjektiven Sympathie des Professors zusammenhängt. Aber nicht einen Moment möchte ich daran denken müssen, dass ich anders bewertet werde, nur weil ich zufällig eine Frau bin.

Quelle: n-tv.de

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