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Ärztebewertung im Netz Suche Urologen - nett, erfahren, reinlich

Patienten wollen Informationen über die Qualität von Ärzten. Die Politik meint, sie könnten diese gar nicht beurteilen.

Patienten wollen Informationen über die Qualität von Ärzten. Die Politik meint, sie könnten diese gar nicht beurteilen.

(Foto: imago/Ikon Images)

Früher war es ganz einfach: Wer sich krank fühlte, ging zum Hausarzt und der überwies im Zweifel an einen Spezialisten. Der Patient ließ sich lotsen, von einem zum anderen. Nun will er immer öfter selbst entscheiden. Leider auf Basis fragwürdiger Daten.

Als Zeljko Laznik an einem Dienstagmorgen im Dezember aufwacht, ist irgendetwas anders. In seinem rechten Hoden spürt er ein unangenehmes Zwicken. Bei genauerem Hinsehen fällt ihm auf, dass der Hoden ein bisschen höher sitzt und leicht verdreht ist. Schmerzen hat er aber nicht - also folgt er seinen Alltagsritualen. Duschen. Anziehen. Ins Büro fahren. Alles wie immer. Gegen zehn Uhr setzt der Schmerz dann doch ein. Zunächst nur im Sitzen, dann auch im Stehen. Um kurz vor drei hält es der Wertpapierhändler nicht mehr aus. "Ich bin seit 20 Jahren im Geschäft, aber dass während des Tagesgeschäfts ein Händler aufsteht und plötzlich geht, habe ich bis dahin noch nie erlebt." Laznik steigt in sein Auto, ruft seine Frau an und beauftragt sie damit, einen Urologen in der Nähe zu suchen.

Beim Bewertungsportal Jameda wird sie fündig - zwei Urologen kommen infrage. Während Laznik schon zum nächstgelegenen unterwegs ist, liest ihm seine Frau am Telefon vor, was sie im Internet über die beiden Ärzte in Erfahrung bringen konnte. Letztlich sind es deren selbst erstellte Lebensläufe, ein paar Internetlinks und Forenbeiträge, die den Ausschlag geben. Ob der ausgewählte Urologe tatsächlich weiß, was er tut? Laznik kann es zu diesem Zeitpunkt unmöglich wissen. Er muss darauf vertrauen, dass er den richtigen gefunden hat. "Es gibt Informationen im Netz, aber man muss wissen, wo man suchen muss", sagt Laznik im Gespräch mit n-tv.de. Noch am gleichen Tag erhält er die Diagnose: Hodenkrebs. Die Ärzte drängen auf eine Notoperation. Doch der Bremerhavener wartet ab, lässt sich den Befund dreimal bestätigen. "Ärzte sind Menschen und Menschen machen Fehler."

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Wenn es um den eigenen Körper geht, sind Informationen Gold wert. Doch wer in Deutschland nach einem Allgemein- oder Facharzt sucht, steht in der Regel alleine da. Gerade Patienten mit akuten Beschwerden, die keine Zeit haben, um nach dem Prinzip "Trial and Error" mehrere Praxen zu testen oder vorher den Hausarzt zu fragen, bleibt nur die Hoffnung auf einen Zufallstreffer. Zwar bieten etliche mehr oder weniger seriöse Bewertungsportale im Netz einen Überblick über Angebot und Patientenbewertung von Medizinern in der Nähe. Doch wie gut sich diese Ärzte mit dem eigenen Krankheitsbild auskennen und wie hoch ihre Erfolgsquote bei der Behandlung ist, wissen Patienten im Vorhinein nicht. Gerade diese Fragen sind es aber, die für die meisten Deutschen bei der Arztsuche am wichtigsten sind.

Kaum Transparenz bei den Daten

Einer aktuellen Studie zufolge wollen 94 Prozent der Befragten vor allem wissen, wie hoch die Fachkenntnis des behandelnden Arztes mit der eigenen Krankheit ist. 80 Prozent wünschen sich zusätzlich Informationen über die Behandlungsergebnisse bei bestimmten Krankheiten. "Wie oft ein Arzt eine bestimmte Behandlung durchführt, finde ich nirgendwo", kritisiert Projektleiter Marcel Weigand, der die Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Ärzteportals Weiße Liste betreut hat. Auch die Hygiene in der Arztpraxis (90 Prozent) spielt für die Deutschen bei der Auswahl ihres Arztes eine große Rolle, ebenso wie das Angebot an Zusatzleistungen vom Hautscreening bis zu Vorsorgeuntersuchungen. Die Zufriedenheit anderer Patienten (75 Prozent) ist demnach nur einer von vielen Faktoren, nach denen die Deutschen ihre Entscheidung gern treffen würden. Doch es gibt ein Problem.

Zwar verfügen die Kassenärztlichen Vereinigungen über umfangreiche Daten zu Ausstattung, Leistungsspektrum und Erfahrungen der Ärzte mit bestimmten Krankheiten, doch öffentlich zur Verfügung stellen müssen sie diese Informationen nicht. So will es der Gesetzgeber. Die Ärzte können nicht nur auf ihr Recht der informationellen Selbstbestimmung pochen, sondern auch argumentieren, durch die veröffentlichten Daten würden Betriebsgeheimnisse publik. Dem steht allerdings das berechtigte Patienteninteresse gegenüber. Die Frage ist: Was wiegt schwerer, Datenschutz oder Informationsfreiheit?

Die Befragten wünschen sich in der Mehrheit neutrale und werbefreie Informationen.

Die Befragten wünschen sich in der Mehrheit neutrale und werbefreie Informationen.

(Foto: Bertelsmann Stiftung/ Weiße Liste)

Die Vereinigten Staaten haben diese Frage im Sinne der Patientenautonomie beantwortet. Unter dem Dach der "Centers for Medicare and Medicaid Services" (CMS) gibt es diverse Datenbanken, über die sich Patienten informieren können. Neben den Namen, Adressen und Facharztbezeichnungen der Mediziner listet das Portal "Physician Compare" beispielsweise auch Angaben zur Ausbildung, Fachkompetenz, Leistungsangebot, Wartezeiten, Fremdsprachenkenntnissen und Behandlungserfolgen auf. Möglich wurde das nur deshalb, weil zuvor ein Verbot der Veröffentlichung von ärztlichen Leistungsdaten aufgehoben wurde. Seither speisen sich die Portale hauptsächlich aus staatlich erfassten Registrierungs- und Abrechnungsdaten sowie aus regelmäßigen Patientenbefragungen.

Arzt-Patienten-Verhältnis auf der Probe

Das kann einige Vorteile haben: Nicht nur stärkt die höhere Transparenz die Mündigkeit des Patienten, denn er muss nicht mehr allein auf Tipps vom Hausarzt, der Krankenkasse oder von Bewertungsportalen vertrauen. Auch für Ärzte kann das System Qualitätsanreize bieten. Wem wiederholt ein schlechtes Zeugnis ausgestellt wurde, der ist - so die Theorie - eher zu Verbesserungen bereit. Taugt die US-amerikanische Praxis also tatsächlich als Impulsgeber auch für Deutschland? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kommentiert solche Überlegungen nur unter lautem Zähneknirschen. Als Modell "sozialistischer Manier" bezeichnet KBV-Sprecher Roland Stahl die Idee einer staatlich unterstützten Datenannahmestelle. "Der Arztbesuch ist kein Konsumgut", sagt er n-tv.de. "Und Ärzte sind keine staatlichen Angestellten." Die Debatte zeuge letztlich nur vom Misstrauen gegenüber einem Berufsstand.

Dass die Ärzte von der Idee, wie ein herkömmlicher Dienstleister bewertet zu werden, wenig begeistert sind, wundert Marcel Weigand von der Weißen Liste nicht. "Vermutlich wollen sie sich nicht in die Karten schauen lassen", erklärt er. "Transparenz bedeutet ja auch Kontrolle." Wird diese Kontrolle - wenn auch nur teilweise - auf die Patienten übertragen, verschiebt sich etwas im hierarchischen Arzt-Patienten-Verhältnis. Der mündige Kranke will plötzlich selbst entscheiden - nach eigenen Kriterien. Aber auch nach bestem Wissen? "Wir tun den Patienten keinen Gefallen damit, wenn wir sie mit Informationen füttern, die sie eher an die falsche Adresse bringen als an die richtige", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, im Gespräch mit n-tv.de. Die Qualität eines Arztes könnten die Patienten "schlicht nicht beurteilen".

Das Informationsangebot bleibt hinter dem Bedarf der Patienten zurück.

Das Informationsangebot bleibt hinter dem Bedarf der Patienten zurück.

(Foto: Bertelsmann Stiftung/ Weiße Liste)

Entsprechend skeptisch sieht Maag dem Vorschlag einer staatlich unterstützten Alternative zu werbefinanzierten Ärzteportalen wie Jameda. "Wir werden jetzt nicht damit anfangen, nicht kommerzielle Vergleichsportale zu schaffen", erklärt die CDU-Politikerin. "Qualität in der Medizin ist gesetzlich geregelt. Deshalb halte ich es nicht für notwendig, für den Patienten einen Wust an Fachinformationen aufzubereiten, die ihn letztlich nur überfordern." Bei der Arztsuche bevorzugt die Politik weiter den "Lotsenweg" - über den Hausarzt zum Facharzt. So, wie es früher war. Doch zwölf Millionen monatliche Seitenaufrufe bei Jameda im Vergleich zu fünf Millionen im Jahr 2014 zeigen: Das Bedürfnis der Patienten, sich eigenständig zu informieren, wächst. Und gerade Ärzteportale mit Bezahlmodellen profitieren davon. Dabei stehen sie durchaus in der Kritik.

Lieber schlechter informiert als gar nicht?

Erst im Februar verdonnerte der Bundesgerichtshof (BGH) Jameda wegen mangelnder Neutralität zur Datenlöschung. Eine unfreiwillig gelistete Ärztin hatte in ihrem Profil Werbeanzeigen von Konkurrenten dulden müssen, die zahlende Kunden von Jameda sind. Ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht, urteilten die Richter. Überhaupt ist fraglich, wie authentisch die zwei Millionen Bewertungen auf Jameda sind. Bei einer Stichprobe des RBB erkannte das Ärzteportal zwei von drei gefälschten Bewertungen nicht und veröffentlichte sie trotzdem. Zwar gibt es mit der Datenbank Weiße Liste ein nicht kommerzielles Angebot mit starken Kontroll- und Prüfmechanismen. Und auch die App Bundesarztsuche funktioniert ohne Werbung. Doch was die Abrufzahlen angeht, steht Jameda einsam an der Spitze.

Ob es Politik und Ärzteverbände nun gern sehen oder nicht: Die Menschen informieren sich im Netz und nicht unbedingt bei unabhängigen Stellen. Die Große Koalition plant deshalb, mit einem Nationalen Gesundheitsportal entgegenzusteuern. Kein Bewertungsportal soll das sein, aber eine Anlaufstelle für Patienten mit allgemeinen Gesundheitsfragen - etwa: Bezahlt die Krankenkasse das Einholen einer zweiten ärztlichen Meinung? Oder: Lässt sich bei bestimmten Krebsarten eine Chemotherapie umgehen? "Wir wollen den Patienten schon auf Augenhöhe bringen", sagt Karin Maag. "Aber wir wollen ihn auch schützen."

Zeljko Laznik hat den Hodenkrebs besiegt. Er war ein unbequemer Patient, hat ärztliche Einschätzungen oft hinterfragt. Im Nachhinein macht er dafür auch seine natürliche Abneigung gegen Autoritäten verantworlich. Dennoch rät er jedem in einer ähnlichen Situation von "devotem Hörigkeitsverhalten" gegenüber Medizinern ab. Er empfiehlt, Fragen zu stellen und für seine eigenen Interessen einzutreten. "Wenn ich mir ein Auto kaufe, informiere ich mich ja auch", sagt er. "Aber das kann ich wieder zurückgeben, wenn es mir nicht mehr gefällt. Beim eigenen Körper geht das nicht."

Quelle: n-tv.de


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