Leben

In Vino Verena Sorry, wir müssen über den Tod reden!

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, trauert man. Allerdings jeder auf seine eigene Art und Weise: Die einen reden über die Trauer, die anderen machen ihren Kummer mit sich alleine aus.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, trauert man. Allerdings jeder auf seine eigene Art und Weise: Die einen reden über die Trauer, die anderen machen ihren Kummer mit sich alleine aus.

(Foto: imago)

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist das für die Hinterbliebenen ein Schock. Viele können den Tod nur schwer verarbeiten. Unsere Autorin wurde von der Trauer regelrecht in den Würgegriff genommen. Über den Umgang mit dem Tod.

Tod und Trauer. Oh, bitte nicht dieses leidige Thema, es ist so schönes Wetter draußen! Der Tod nervt, er ist so schrecklich ineffektiv, er lähmt, er überfordert, keiner will an ihn erinnert werden. Keine Zeit für den Tod, der soll sich gefälligst anmelden. Aber Sie hauen mir jetzt nicht ab, Sie bleiben schön hier! Wir reden jetzt darüber, was geschieht, wenn ein geliebter Mensch von uns geht.

Jährlich bricht der Tod über so viele Familien herein - ein Augenblick, der alles verändert. Wenn jemand gestorben ist, trauert man. Der eine mehr, der andere weniger. Manchen hilft es, über ihre Trauer zu reden, andere machen diesen Kummer lieber mit sich alleine aus. Trauern ist eine ganz individuelle Angelegenheit, über die zu sprechen vielen sehr unangenehm ist.

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Vor ziemlich genau fünf Jahren starb mein Vater. Ich will mich nicht in Details über sein Leben oder seinen Tod verlieren, ich wusste von seiner Todessehnsucht und ich ahnte, dass er bald sterben würde, so wie wir alle eines Tages sterben.

Bloß keinen Grabstein!

Hin und wieder hatte ich zuvor versucht, mich mit dem baldigen Verlust auseinanderzusetzen, aber meist macht man das entweder, wenn man eh schon schlecht drauf ist oder nachts, wenn man nicht einschlafen kann. Allein der Gedanke, dass ein Elternteil oder ein geliebter Mensch früh sterben könnte, lässt das Herz nervös zucken. Irgendwann pennt man tränenreich über seiner Grübelei ein und begräbt das leidige Thema mit seinen Träumen.

Bevor mein Vater starb, sagte er, dass er keinen Grabstein wolle, die Grabsteine würden irgendwann umfallen und sowieso sei das Gewese um die deutsche Bestattungskultur ein Tohuwabohu, das ihn nerve. In die Familien-Parzelle wolle er nicht - immer dieser Ärger, wer im Herbst die Astern pflanzt. Er wünsche sich, auf einer "Grünen Wiese" beerdigt zu werden, ohne Grabstein, ohne Tamtam. Im Herbst würden die Blätter von den müden Bäumen auf ihn fallen und im Winter der Schnee.

Hoffentlich nicht die Stones!

Wir beerdigten Vater an einem grauen Septembertag, er hatte im September sonst immer Geburtstag gefeiert. Als der kleine Trauerzug sich in Bewegung setzte, regnete es, wie im Film, in Strömen. Ich hatte eine dunkle Brille auf der Nase und Mutter sah in ihrem schwarzen Kleid aus wie die Witwe eines Mafiabosses. Ich war überfordert und komplett außer Kurs. Kurz flammte die Hoffnung in mir auf, dass das vielleicht gar nicht das echte Leben war, doch dann spielte der Trompeter Vaters Musik und man wusste sofort: Das war unser Leben. Das neue, alte Leben nach Vaters Tod.

Statt die Trauer zuzulassen, plagte mich vielmehr Sorge, Mutter könnte mit dem Trompeter ausgemacht haben, auch was Schnelles zu spielen. Irgendwas von den Beatles oder den Stones, das brächte sie fertig, dachte ich und dann fliegen wir hier allesamt vom Friedhofsgelände wegen Ruhestörung. Nach der Beerdigung ging es mir etwas besser, ich hatte das Gefühl, klarzukommen, auch weil ich wusste, dass Vater den Tod nicht fürchtete. Er war jetzt frei, er hatte Frieden.

Erst viel später ist sie geschehen: die Sache mit der so fürchterlich tiefen Trauer. Sie hat mich richtig in den Würgegriff genommen, nicht mehr losgelassen hat sie mich, als wolle sie mich umbringen. Sie überfiel mich bei der spontanen Idee, Vaters Wiesengrab zu besuchen. Ich joggte in dieser Zeit ständig, also joggte ich auch zum Friedhof. Ich lief durch das gusseiserne Tor, vorbei am Denkmal für den gefallenen, sowjetischen Soldaten, vorbei an der Backsteinkapelle, vorbei an dem Obelisken, dann einmal nach links und nach etwa 100 Metern wieder nach rechts. Doch irgendetwas stimmte nicht. Alles war anders, jede Richtung falsch. Auch die Markierung, die ich mir an Vaters Beerdigung extra gemacht hatte, war fort, Vaters Wiese nicht an der Stelle, an der ich sie erwartet hatte.

Hier ruht in Gott

Ruhig ging ich zurück zum Friedhofstor. Alles auf Anfang, vorbei am Obelisken, links, wieder rechts … Nichts! Falsch, falsch, verdammt nochmal nicht richtig. Ich merkte, wie ich mich zusammenreißen musste, nicht über den Friedhof zu fluchen.

Inzwischen war es dunkel geworden. Ich hastete durch die Gänge, Grabsteine mit goldener Schrift, Sütterlin, Selma Morgentau, Hans Zimmermann, Elsa Kümmert, hier ruht in Gott, Unvergessen, Anneliese, Elisabeth, Gertrud.

Fluchen. Hoffen. Da lang, da lang! Ich irrte durch ein von Grabsteinen gesäumtes Labyrinth, die Bäume warfen lange Schatten, lachten mich aus: "Da ist sie ja schon wieder", hörte ich sie im Wind zischen, "wie blöd diese Göre ist, eine Wiese nicht von einer Wiese unterscheiden zu können, die muss besoffen sein …"

Ich lachte schallend, als wollte ich den Bäumen so zeigen, dass ich sie hörte. Dabei heulte ich wie wahnsinnig über meine Orientierungslosigkeit. Der Rotz lief mir über die Lippen, die Augen brannten von der verschmierten Wimperntusche. Vaters Wiese war fort, Vater war fort, als er noch nicht einmal gegangen war.

Ich bekam keine Luft mehr, ich hustete mich fast tot und übergab mich über einem dieser eingezäunten Komposthaufen. Alles schien nur noch lächerlich: dass ich mich auf dem Friedhof, auf dem schon mein Großvater liegt, verirrt hatte, dass ich Vaters Wiese nicht mehr fand, der Tod - ein Witz!

Ich lachte ihn aus. Soll er doch kommen und mich holen, ich würde ihm in seine dämliche Visage brüllen. Die Bäume amüsierten sich wieder, der gesamte Friedhof lachte mich jetzt aus, ich - der dämliche Trottel, der wie ein Blinder im Kreis herumrannte.

Eine trockengelegte Wunde

Als ich gerade wieder fluchen wollte, ging ich zu Boden. Die Trauer hatte mir in den Bauch getreten. Wo war sie? Ich konnte sie nicht sehen. So eine Made! Meine Knie sackten weg, flennend lag ich vor einem fremden, frisch geharkten Grab. Die leicht aufgeworfene Erde roch gesund. Ich atmete nicht, ich war ganz ruhig, wollte vor Schmerz irgendetwas tun, mir die Erde ins heisere Maul stopfen. Nachdem die Trauer mich hinterrücks überfallen hatte, lief ich wie ein geprügelter Hund durch die Nacht. Mutter schlief schon, als ich heimkam.

Ich ging ins Bad. In der kleinen Schale auf dem Wachbecken lag noch immer Vaters Handseife - Gallseife gegen Fahrradschmiere und Flecken. Sie war eingetrocknet. Sie war eigentlich schon immer eingetrocknet - als wäre sie nie benutzt worden.

Langsam wurde ich wieder großschnäuzig. Jetzt, wo ich wieder zu Hause war und mich sicher fühlte, riss ich in Gedanken gleich wieder die Gusche auf und wollte mich mit der Trauer duellieren. Du kannst mich am Arsch lecken, dachte ich angriffslustig. Die verschwitzten Sachen vom Körper streifend, setzte ich mich mit Vaters eingetrockneter Gallseife in der Hand in die Wanne und ließ Wasser ein. Die Seife betrachtend, lehnte ich mich zurück. Ich fand, sie hatte Ähnlichkeit mit Vater. Ihre Oberfläche war porös, an den Seiten Narben und Furchen, quer durch die Mitte ein tiefer Riss, ein Graben fast, eine tiefe, trockengelegte Wunde.

Behutsam seifte ich mich ein, die langsamen Bewegungen beruhigten mich, es war fast friedlich. Die Seife wurde weich und glatt, ihr Duft kletterte mir in die Nase, während ich mir die nie zuvor so schmerzend empfundene Trauer von den gehetzten Gliedern wusch.

Die Trauer annehmen

Am nächsten Vormittag saß ich mit Mutter auf Vaters Wiese. Die Vögel zwitscherten in den Baumkronen. Es war sonnig und warm. Da sagte sie: "Diesen Geruch kenne ich doch!" Und ich sagte: "Ist die olle Gallseife von Vattern." Und daraufhin entgegnete sie etwas belehrend: "Die ist aber eigentlich für Hände." Sie rümpfte die Nase. "Mal im Ernst: Hast du die Seife gefuttert?", fragte sie und kicherte. Auch ich kicherte und auf einmal prusteten wir wild drauf los. Mitten auf dem Friedhof lachten wir uns über mich Gallseifen-Stinker kaputt.

Wir kamen vom Hundertsten ins Tausendste: "Gallseife á la Creme Brulee", sagte ich, "Gallseife an Beelitzer Spargelplatte", schlug Mutter vor. Wir kamen auf immer wildere Gallseifen-Kreationen. "Gallseife mit Kartoffelpüree, Gallseife mit pürierter Trauer, Gallseife zum Dessert …" Dann sagte Mutter, dass Vater uns einen Vogel gezeigt hätte - auf dem Friedhof so rumzugrölen, also ehrlich, das gehört sich nicht.

Meine Trauer war jetzt da, sie hatte mich zwar erst umgeboxt, aber ich war wieder aufgestanden. Sie lehrte mich, sie zuzulassen. Irgendwann bot ich ihr sogar mal ein kleines Gallseifen-Schnäpschen an. Da hat sie gelacht und mir erzählt, wie einsam sie oft sei und dass sie manchmal gerne jemand anders wäre. Sie könne ja nichts dafür, sie sei nun mal die, die sie ist. Und sie sei dankbar für jeden Menschen, der sie hereinbittet und sich nicht vor ihr verschließt. Ob ich das vielleicht den Leuten, die mit ihr hadern, ausrichten könnte. Ja, hab ich gesagt, das mache ich gern, aber das Schnapsglas bleibt hier!

Quelle: n-tv.de


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