Leben

"Darf anziehen, was sie will" Kilian Kerner ginge zu Fuß nach Schweden

Kilian Kerner hat einen guten Namen. Und ein gutes Gesicht.

Kilian Kerner hat einen guten Namen. Und ein gutes Gesicht.

(Foto: Kilian Kerner/ Samsonite)

Er macht jetzt Mode für eine Kofferfirma, Samsonite. Nach seinen eigenen Kollektionen und Entwürfen für eine Tennismarke nun also Reisegepäck. Businessgepäck. Praktisch und schön, für Frauen, die im Beruf ihren Mann stehen aber nicht so aussehen wollen. Kilian Kerner ist 39 Jahre alt und hat schon so einiges an Erfahrungen auf dem nicht vorhandenen Buckel. Man schätzt ihn vor allem für seine sportlich-stylish-schicken Entwürfe, die er unter seinem eigenen Namen herausgebracht hat. Junge Schauspielerinnen und Schauspieler tragen seine Designs, umschwirren ihn, den Kreativen, der nie zu ruhen scheint. Der jetzt wieder etwas Neues macht, worauf er so richtig Lust hat. Der niemals nie sagen würde. Und der so fit und sportlich und federnden Schrittes zum Gespräch mit n-tv.de in Berlin-Mitte erscheint, als würde er gerade von einem lockeren Lauf kommen. "Ich bin aber mit dem Taxi da", sagt er und lacht. "Ich hasse Fahrradfahren", fügt er hinzu. Und sieht mich an, hinter mir mein Rad. Schade eigentlich, denn gerne hätte ich ihm jetzt mal ein paar Ideen nahegebracht. Ich bräuchte zum Beispiel einen Rucksack, der nicht zu sportlich, aber auch nicht tussig ist. Regendicht wäre auch gut. Und einen Rock hätte ich gerne, der nicht in die Speichen flattert, aber trotzdem sehr feminin ist. Aber egal, wir reden erstmal kurz über seine "alte" Kollektion, denn er hat bereits die nächste im Ärmel und präsentiert die auch im Rahmen einer Fashion-Show am 9. Oktober vor ausgewähltem Publikum. Mit n-tv.de redet Kerner über die Frauen in seinem Leben, weiche Stoffe und ein dickes Fell.

n-tv.de: Die Kollektion ist schon ein echter Hingucker, oder?

Kilian Kerner: (lacht) Das war der Plan.

Läuft für dich.

Ja, ich kann nicht klagen. Und jetzt habe ich weitere Taschen im Gepäck.

Auch wieder bestickt und verspielt?

Basic - und doch verspielt.

Basic - und doch verspielt.

(Foto: Kilian Kerner/ Samsonite)

Sehr basic grundsätzlich, aber immer mit einem verspielten Detail. Wichtig ist mir aber vor allem, dass das alles ein praktisches Innenleben hat.

Lass uns erstmal ein bisschen darüber reden, wie du der wurdest, der du jetzt bist.

Das kann ich dir sagen, es fing mit einer Klorix-Flasche an. Ich bin in eine WG nach Köln umgezogen, und die war dreckig. Ich bin vielleicht unordentlich, aber nicht dreckig (lacht). Meine Sachen liegen immer noch mal auf dem Fußboden herum, so in dem typisch kreativen Chaos, das mich bis heute umgibt, aber schmutzig dürfen sie nicht werden. Ich habe aber extrem hart an mir gearbeitet, was die Ordnung angeht.

Also Großreinemachen war damals angesagt …

Ja, und da ist mir die nicht so richtig gut verschlossene Klorix-Flasche umgekippt und auf meinen Klamotten ausgelaufen. Zuerst war ich entsetzt, dann habe ich das Beste draus gemacht, die Sachen einfach getragen, und dann wollten ein paar Freunde genau dasselbe haben. Das war meine erste Berührung mit Mode. Und dann habe ich, während ich auf der Schauspielschule war, zu einer Premierenfeier eines Kurzfilms, in dem ich mitspielte, ein T-Shirt falschherum gedreht und mit der Rolling-Stones-Zunge bedruckt. In der Zeit war Nena auf Tour …

… und du bist ein großer Nena-Fan …

… ja, seit ich vier Jahre alt bin. Ich bin natürlich zu ihrem Konzert gegangen, hatte dieses T-Shirt an und sie hat es gesehen und wollte es haben. Beim nächsten Konzert habe ich eins auf die Bühne geworfen. Dann hatte sie es zwei Wochen später an, bei einem Interview mit dem "Stern", und dann drei Monate später wollte sie den nächsten Pullover von mir. Da hatte ich die Rolling-Stones-Zunge mit Sicherheitsnadeln auf einen Pulli geheftet, und sie hat mich auf die Bühne geholt mit nach hinten genommen und gesagt: "Du machst mir jetzt bitte Klamotten für meine nächsten Auftritte."

Nena!!!

Nena!!!

(Foto: DAPD)

Das war dann ganz schön unverhofft ...

Ja, alter Schwede, was machst du nur, dachte ich. Sechs Wochen später konnte man das Ergebnis auf dem Cover eines großen deutschen Magazins sehen (lacht).

Kannst du eigentlich gut zeichnen?

(lacht) Mittlerweile schon ganz okay. Aber nicht so gut wie zum Beispiel Wolfgang Joop - was er macht, das ist Kunst. Ich brauche das Zeichnen nur zum Skizzieren meiner Ideen, fertig. Ich will erkennen, wie die Form sein soll, und dafür zeichne ich eher simpel.

Was kam nach Nena?

Da bin ich dann nach Berlin gezogen. Ich habe ein Mädchen kennengelernt, mit der ich jedes Wochenende ausgegangen bin. Und ich habe jedes Wochenende für uns beide neue Sachen genäht. Darauf wurden wir immer wieder angesprochen. Dann sollte ich eine Modenschau mitmachen, daraufhin habe ich Leute in Clubs angesprochen, ob die für mich modeln wollen, weil ich im Vorprogramm von Miss Sixty sein sollte. Und dann ging es los. An dem Abend haben vier Shops aus Berlin die Sachen direkt geordert. Das heißt, ich musste jetzt produzieren.

Wann war das?

2003/2004. Dann habe ich mein Label gegründet. Ich war 25.

Das ist ein großer Schritt: vom Nähen der eigenen Kleidung bis zu Bestellungen für mehrere Läden, die Klamotten in Größe 36, 38 und 40 haben wollen, oder?

Allerdings! Aber so richtig los ging es erst 2007, da wurde es wirklich größer. Vorher habe ich schon nach Asien verkauft, aber nicht so dramatisch viel. Ich habe mich mit einer Schneiderin zusammengetan und erstmal war ich bei ihr im Laden und habe ihr über die Schulter geguckt. Abends haben wir dann für mich experimentiert, an der Büste ausprobiert und so.

Wann warst du das erste Mal bei der Berliner Fashion Week dabei?

2008. Ich war ein Newcomer, sie nannten mich nach der Show "Shooting-Star". Dabei kam ich mir gar nicht so neu vor. Ich habe am Sonntagmorgen einen Slot für meine Show bekommen und ich hatte befürchtet, dass da wohl keiner hinkommen wird, um die Uhrzeit an einem Wochenende.

Aber es war alles anders …

Ja, ich habe eine Wahnsinns-Aufmerksamkeit bekommen und vieles wurde losgetreten. Die Fashion Week hat mir ganz neue Türen geöffnet. Dafür bin ich noch immer sehr dankbar.

Kerner und die Börse gehören nicht zusammen.

Kerner und die Börse gehören nicht zusammen.

(Foto: Getty Images)

Die Fashion Week hat sich im Laufe der Jahre ja auch ganz schön gewandelt, zu der Zeit war sie eine große Sache in Berlin, oder?

Ich mochte es damals sehr, mit der IMG (Anm.d.Red.: Fashion-Week-Organisatoren) zusammenzuarbeiten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ... Ich war diesen Sommer mal wieder auf der Fashion Week. Ich fand gut, dass Boss wieder dabei war.

Du hast einen starken Bruch in deiner Karriere wegstecken müssen: Dein Label "Kilian Kerner" wurde irgendwann von Investoren bestimmt, Fertigung und die hohen Qualitätsansprüche, die du hast, passten nicht mehr zueinander, vor ungefähr zwei Jahren dann das Ende.

Ja, aber das war zum Glück nicht mein persönliches Ende (lacht). Ich durfte dank eines gewissen Artikels in einem gewissen Online-Medium, das meine absolute Liebe zum Tennis in die Überschrift packte, Tennis-Kleidung designen. Und jetzt eben Business-Handtaschen. Und ich muss gestehen: Das Ende meiner Firma Kilian Kerner war letztlich ein Befreiungsschlag. Ich habe es gehasst, unter dem Druck eines börsennotierten Unternehmens zu arbeiten.

Wir gucken lieber nach vorne, als in den alten Kamellen zu rühren, oder?

Sehr gerne. Ich hatte mich innerlich selbst schon von der Firma verabschiedet. Das hatte private Gründe, die mir dann um die Ohren gehauen wurden - Das war sehr unfair und ich war sehr enttäuscht.

Hast du gelitten, als du deine Firma nicht mehr hattest?

Nicht wirklich. Es war zwei Tage komisch und dann war es völlig okay. Ich habe ja zwei Wochen später schon mit der Tenniskollektion angefangen.

Hattest du Existenzängste?

Kurz. Aber ich hatte persönlich keine Schulden und vor allem Glück, dass das Konzept "Designed by Kilian Kerner" so aufgegangen ist. Ich darf jetzt gar nicht mehr nur "Kilian Kerner" heißen, es muss "designed by" davorstehen. Aber damit kann ich sehr gut leben. Bis 2020 übrigens, dann gehört mein eigener Name wieder mir (lacht).

Du hast ein neues Management, oder?

"Ich hab' unfassbar viel gelernt" - Kilian Kerner hat eine zweite Leidenschaft.

"Ich hab' unfassbar viel gelernt" - Kilian Kerner hat eine zweite Leidenschaft.

(Foto: Kilian Kerner)

Ja. Und ich habe eine neue Website. Bei der Arbeit daran ist mir erst aufgefallen, was ich überhaupt schon alles gemacht habe: Neben meinen eigenen Kollektionen "Kilian Kerner" und "Kilian Kerner Senses" - für Frauen und Männer wohlgemerkt - gab es Schuhe für Nike, Taschen für x, Werbespots für y, so dermaßen viele unterschiedliche Sachen. Da kam in den letzten 12, 13 Jahren doch eine Menge zusammen. Das Tolle an dem neuen Konzept ist, dass ich so offen sein darf  und so vieles ausprobieren kann. Das hätte ich früher nicht realisieren können. Ich hab' unfassbar viel gelernt.

Nachhaltigkeit - ist das ein Thema für dich?

Ich versuche, sehr nachhaltig zu leben, mit möglichst wenig Plastik, aber in meiner Arbeit schaffe ich es noch nicht ganz. Bei der Produktion der Tennis-Kollektion bin ich allerdings nach Asien geflogen, um mich von den Zuständen vor Ort zu überzeugen. Ich war an allen Produktionsstätten, das war mir sehr wichtig. Und bei Samsonite ist das genauso. Aber bei den Stoffen kann ich mich noch verbessern.

Tiere?

Kein Fell, ich mag das einfach nicht. Ich bin auf Stoffe fixiert und auf Farben. Ich möchte, dass es sich gut anfühlt, weiche, edle Materialien. Auch bei meinen Taschen war es mir sehr wichtig, dass es sich gut anfühlt.

Neben Nena und Steffi Graf ist deine Mutter eine wichtige Frau in deinem Lebe.n

Wünscht sich Gesundheit und Mut. Und ein Spiel mit Steffi. Nur eines!!

Wünscht sich Gesundheit und Mut. Und ein Spiel mit Steffi. Nur eines!!

(Foto: Kilian & Fachingen)

Als Kind war ich bestimmt nicht leicht. Ich habe nicht auf meine Mutter gehört, noch weniger auf andere. Meine Mutter hat mich aber irgendwann machen lassen und jetzt ist sie die wichtigste Person in meinem Leben. Ich telefoniere täglich mit ihr, sie weiß alles von mir. Inzwischen bin ich gluckiger als sie und wenn ich sie ein paar Wochen nicht gesehen habe, dann muss ich zu ihr fahren.

In die Nähe von Köln.

Ja. Und sie kommt zu jeder Show zu mir.

Worauf hättest du denn noch Lust, was wünschst du fir?

Wenn ich es mir aussuchen könnte? Interieur fände ich toll. Ein Buch schreiben. Fernsehen vielleicht? Ich bin für vieles offen. Am meisten wünsche ich mir und meinen Lieben aber Gesundheit. Dass ich mutig bleibe, wünsche ich mir. Noch mehr Tenniskleidung könnte ich machen. Eigene neue Mode hab ich ja auch wieder gemacht. Unter dem Namen "KXXK" habe ich eine Kollektion entworfen. Die wird zusammen mit den Samsonite-Taschen präsentiert. Das wird eine große Freude.

… die dann hoffentlich endlich von Steffi Graf, deinem großen Idol, als du Kind warst, getragen wird, auch wenn sie gar nicht mehr spielt?

Ja, aber sie darf anziehen, was sie will, wenn sie nur mit mir spielen würde (lacht). Ich habe noch eine ganze Kiste voller Klamotten für sie im Keller.

Was bewunderst du am meisten an ihr?

Was sie geleistet hat! Man lernt das heutzutage nochmal ganz neu zu schätzen, wenn man auf so eine Karriere wie ihre zurückblickt. Jahrelang an der Spitze, ehrgeizig, nie gejammert, und jetzt vollkommen in ihrem Leben nach dem Tennis angekommen. Ich finde ihre Konsequenz, die sie in allem schon immer hatte, extrem bewundernswert.

Was sagst du zu Serena Williams im Catsuit oder im Tutu?

Ich liebe sie! Sie hätte aufhören können nach der Geburt ihres Kindes, hat sie aber nicht. Serena Williams darf übrigens tragen, was sie will, ganz einfach weil sie Serena Williams ist. Man muss sie einfach feiern! Denn obendrein macht eine Geschichte wie ihre allen Leuten Mut. Aus der Armut zur Multimillionärin. Übergewichtig und dennoch fast unschlagbar. Sie liebt ihren Körper und sie zeigt ihn. Was für eine Message! Sie ist der letzte große Star in der aktuellen Tennisszene, mit ihrer Schwester Venus zusammen.

Was wäre, wenn H&M anruft und nach einer Kooperation fragt?

Dann laufe ich zu Fuß nach Schweden, wenn es sein muss. Sofort.

Mit Kilian Kerner sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema