Leben

Weltreise im Schnelldurchlauf In 80 Tagen ohne Geld um die Welt

Das Reisen verbindet die Zwillinge, die eigentlich ganz unterschiedlich ticken.

Das Reisen verbindet die Zwillinge, die eigentlich ganz unterschiedlich ticken.

(Foto: Hoepner & Hoepner )

Es ist eine Weltreise der ehrgeizigen Art, die die Zwillinge Paul und Hansen Hoepner hinter sich haben - unter Zeitdruck und ohne einen Cent reisen sie durch 18 Länder. So wollen sie den Menschen besonders nahekommen. Ob so etwas klappt?

Als sich Phileas Fogg - so schreibt es jedenfalls Jules Verne in seinem berühmten Roman - 1872 von London aus auf den Weg macht, um die Welt in 80 Tagen zu umrunden, sind Flugzeuge noch Fiktion und stattdessen Dampfschiffe, Elefanten oder Segelschlitten die Transportmittel der Wahl. Mehr als 140 Jahre später, als die Zwillinge Hansen und Paul Hoepner Berlin mit der gleichen Idee verlassen, sind die Fortbewegungsmittel schneller und die Welt ist gefühlt kleiner. Doch es gibt noch einen kleinen, aber feinen Unterschied: Fogg hat bei seiner Weltreise 20.000 Pfund im Gepäck - die Hoepner-Zwillinge tragen lediglich einen Glückspfennig von ihrem Vater um den Hals.

Ganz ohne Geld reisen die Brüder über 40.000 Kilometer durch 18 Länder. Von Berlin führt die Tour über Portugal, Kanada, China, Indien und Russland zurück in die deutsche Hauptstadt, möglichst viel reisen sie dabei über Land. So landen die heute 36-Jährigen in überfüllten chinesischen Zügen, im Auto eines Jetski fahrenden Hells-Angels-Fans, in einer thailändischen Wellnessoase, auf der Quarantänestation eines russischen Krankenhauses - und erleben Gastfreundschaft, wohin sie auch kommen.

Eine Weltreise in 80 Tagen ohne Geld bedeutet aber auch Zeitdruck und finanzielle Sorgen, Zelten im Regen und eintönige Reisgerichte aus dem Campingkocher - nicht gerade die entspannteste Art, den Erdball zu umrunden. Dabei entstand die Idee für den Trip vor allem aus einem Grund: um Stress zu vermeiden. "Wir wollten reisen, hatten aber keine Lust auf eine langwierige Planung oder Finanzierungsaktion", sagt Paul Hoepner. Wie es ist, sich beim Reisen auf das Nötigste zu beschränken, wissen die Brüder ohnehin: Schon 2012 fuhren sie gemeinsam nach Shanghai - mit dem Fahrrad (dazu gibt es auch einen Film).

Kommt man kostenlos über den Atlantik? Die Brüder testen es am Flughafen von Lissabon.

Kommt man kostenlos über den Atlantik? Die Brüder testen es am Flughafen von Lissabon.

(Foto: Hoepner & Hoepner )

Zeitdruck lässt Vorurteile platzen

Diesmal kommen statt der Fahrräder selbstgebaute Holzkisten auf Rädern mit, in denen Campingutensilien und Technik verstaut werden. Zwei T-Shirts, zwei Unterhosen, das muss reichen für eine Tour um die Welt. Um günstig voranzukommen, stellen sich die Brüder erst einmal mit ausgestrecktem Daumen an den Straßenrand, bei einer Reise um den Erdball muss aber auch mal ein Flug drin sein. Also nutzt Hansen sein Können als Goldschmied, um aus Metallresten Schmuck herzustellen und auf der Straße zu verkaufen. Auch mit Möbelschleppen und Handwerksarbeiten lässt sich der eine oder andere Euro - oder Dollar - für die Reisekasse verdienen. Und immer wieder haben die Brüder einfach Glück. "In manchen Situationen fiel es schwer, Hilfe anzunehmen", sagt Hansen. "Aber wir haben immer versucht, etwas zurückzugeben."

Aller Gastfreundschaft und Hilfe zum Trotz: Die ehrgeizige Weltreise läuft schon zu Beginn schleppend. Immer wieder gibt es Tage, an denen gar nichts geht. In Spanien funktioniert das Trampen überhaupt nicht, auf der Autobahn ist es sogar illegal. Nach drei erfolglosen Tagen bei 40 Grad am Rand von Sevillas Straßen - es ist mittlerweile Tag elf - kratzen Paul und Hansen ihre letzten Euro zusammen und investieren in eine Mitfahrgelegenheit. Vor allem in ärmeren Ländern braucht es hingegen oft nicht lange, bis ein Auto hält und die Zwillinge mitnimmt.

Sightseeing oder Strandurlaub sind bei einer Weltreise im Schnelldurchlauf natürlich nicht drin. Aber genau deshalb, sagt Paul, haben sie die 18 Länder auf ihrer Route besonders gut kennen gelernt. "Wenn du einem Chinesen, der kein Englisch spricht, erklären musst, wohin du möchtest, zehn Stunden mit ihm im Auto sitzt und abends noch von ihm eingeladen wirst, lernst du die Menschen ganz anders kennen", sagt Paul. Durch den Zeitdruck können die Zwillinge nicht lange überlegen, wer ihnen sympathisch ist und in wessen Auto sie steigen möchten. So werden sie mit ihren Vorurteilen konfrontiert - und stellen fest, dass diese in 99 Prozent der Fälle falsch sind.

Selbstgemachte Ringe aus Altmetall füllen die Reisekasse.

Selbstgemachte Ringe aus Altmetall füllen die Reisekasse.

(Foto: Hoepner & Hoepner )

Trampen über den Atlantik? Warum nicht!

Am prägendsten sind deshalb die Begegnungen mit Menschen, die selbst von den beiden erfahrenen Weltreisenden falsch eingeschätzt werden. Da ist der kanadische Rocker, der sich im Auto plötzlich als glühender Hells-Angels-Fan outet - und bei dem die Zwillinge trotz unterschiedlicher Werte und Weltanschauung einen entspannten Kurzurlaub verbringen, inklusive Jetski-Touren, Bier und Barbecue. Oder der streng gläubige Muslim in Indien, der den Brüdern sogar eine eigene Wohnung zur Verfügung stellt und voll und ganz akzeptiert, dass diese nicht an Gott glauben. Ein Mann, der sich laut Paul fast säkularer und offener gezeigt hat als viele liberale Menschen in Deutschland. Eines zeigt sich trotz aller Unterschiede ganz deutlich: Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft gibt es überall.

Und manchmal, da muss man eben verrückt sein. Oder auf ein Wunder hoffen. Zwei Wochen sind um, die Brüder haben Europa noch immer nicht verlassen, der Blick in die Reisekasse offenbart acht mickrige Euro  - und das vor einem Transatlantikflug. Warum also nicht versuchen, auch per Flugzeug zu trampen? Nach drei Tagen mit Pappschildern vor dem Flughafen von Lissabon passiert das Unglaubliche: Eine Airline bietet Paul und Hansen tatsächlich an, sie mit nach Kanada zu nehmen. Auch wenn es am Ende an rechtlichen Formalien scheitert und die Zwillinge ihr Geld für die Flugtickets auf Lissabons Straßen verdienen müssen, wird spätestens jetzt klar: Nichts ist unmöglich.

Zwei um die Welt – in 80 Tagen ohne Geld
EUR 19,99
*Datenschutz

Ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg der Reise ist die Aufmerksamkeit, die die beiden Europäer, die ganz ohne Geld reisen, vor allem in ärmeren Ländern auf sich ziehen. "Wenn jemand unter einer Brücke schläft und sich dabei mit einer 1500 Euro teuren Kamera filmt, stößt das erst einmal auf freundliches Unverständnis. Aber die Menschen merken, dass sie theoretisch wie wir auch einfach losziehen könnten", sagt Hansen. Wenn Geld keine Rolle spielt, begegne man sich eher auf Augenhöhe. Trotzdem: "Die Freiheit, 15 von 18 Ländern visafrei bereisen zu können und dazu noch eine sichere Herkunft und Bildung zu besitzen, haben leider nur die wenigsten."

Tiefpunkt in Neu-Delhi

Trotzdem müssen die Brüder aus Berlin auf ihrer Reise immer wieder Rückschläge einstecken. Auf den quirligen Straßen Neu-Delhis verlässt sie endgültig der Mut - und der Glaube an ihr Projekt. "Die Armut hat uns fertiggemacht. Unser Plan, in ein Land zu gehen und dort um Hilfe zu bitten, war in so einem Land, wo es eigentlich andersherum sein sollte, moralisch nicht vertretbar", sagt Paul. Die beiden wollen aufgeben, dem Zeitplan hinken sie ohnehin weit hinterher.

Während sie niedergeschlagen durch die Straßen laufen, treffen sie auf eine Gruppe alter Herren, die es sich auf Plastikstühlen am Straßenrand bequem gemacht hat. Sie wollen unbedingt die Geschichte der Zwillinge hören, sind total begeistert und überzeugen sie schließlich, das Projekt fortzusetzen. Und: einer der Männer besteht sogar darauf, den nächsten Flug - der aufgrund von Visumproblemen notwendig ist - zu bezahlen. "Er ist richtig sauer geworden, als wir das nicht annehmen wollten", sagt Paul. Also basteln Paul und Hansen dem Mann als Dankeschön eine Website, zahlen das Geld dank weiterer Schmuckverkäufe zurück - und steigen in ein Flugzeug. Die Reise der beiden geht weiter.

Wenn niemand die Zwillinge zu sich einlädt, schlafen sie im Zelt.

Wenn niemand die Zwillinge zu sich einlädt, schlafen sie im Zelt.

(Foto: Hoepner & Hoepner)

Ihre Touren bringen die eineiigen Zwillinge auch wieder näher zusammen. Denn so ähnlich die Brüder sich auch sehen, so unterschiedlich ticken sie charakterlich. Es ist das klassische Zwillingsdilemma, das Paul und Hansen in ihrer Jugend beschäftigt: Keiner will so sein wie der andere, gemeinsame Freunde sind da genauso undenkbar wie die Tatsache, die gleichen Socken zu tragen. Als sie nach Jahren mit eher spärlichem Kontakt anfangen, zusammen zu reisen, stellen die Brüder fest, dass sie sich in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. "Hansen ist mehr der handwerkliche und explosivere Typ, ich eher der bedachtere Stratege", sagt Paul.

Klar, dass es da auch auf der Weltreise immer wieder heftig knallt. Und das ist wichtig, sagen sie. "Man sollte auf jeden Fall mit jemandem reisen, mit dem man sich vorher schon mal gestritten hat, damit man weiß, dass man sich hinterher auch wieder verträgt", so Paul. Auch sonst haben die 36-Jährigen nun auf Vorträgen über ihre Reisen Tipps für Menschen parat, die ebenso das Fernweh plagt: Die Weltreise nicht ewig vor sich herschieben, sondern einfach losgehen. Mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Gegend ziehen. Und von Materiellem absehen. Schon an Grundschulen wollen die beiden ihre Zuhörer inspirieren. Denn da ist Hansen ganz bei Humboldt. "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben. Und gerade an Grundschulen haben die Kinder oft ein sehr verzerrtes Bild", sagt er. "Die sagen dann hinterher: 'Ach, Indien ist ja gar kein böses Land.'" Wenn nur ein Prozent der Kinder später den Rucksack packt und loszieht, sind die Hoepner-Zwillinge zufrieden.

Neue Reise ins Eis

Auf ihrer eigenen Weltreise ist er dann irgendwann da: der gefürchtete Tag 80. Doch statt hupend aufs Brandenburger Tor in Berlin zuzufahren, stecken Hansen und Paul noch immer in Indien fest. Bis zuletzt hoffen sie auf das große Wunder - doch als es Abend wird, platzen selbst die kühnsten Träume. Erst am Abend des 104. Tages erreichen die Zwillinge mit vier Euro in der Tasche ihr Berliner Zuhause. Dass sie es nicht innerhalb ihres Zeitlimits um den Erdball geschafft haben, ist für die Brüder rückblickend nicht mehr schlimm. "Aber ohne zeitliches Limit hätten wir die vielen Begegnungen nicht gehabt, weil wir nicht gezwungen worden wären, uns auf alles einzulassen."

Jetzt sitzen Hansen und Paul Hoepner in ihrer Werkstatt in Oberschöneweide und schauen auf das "verrückte Gefährt", mit dem sie im August 2019 aufbrechen wollen, um sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen: Mit einem selbstgebauten Amphibienfahrzeug soll es sechs Monate lang quer durch Alaska gehen - durch Wasser, Schnee und Eis. Das wäre wohl selbst einem Phileas Fogg zu abenteuerlich.

Quelle: n-tv.de


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