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Schulsystem in der DDR und heute "Die Ostdeutschen lachen sich scheckig"

Das Foto von dieser Einschulung wurde 1972 in Ostberlin aufgenommen.

Das Foto von dieser Einschulung wurde 1972 in Ostberlin aufgenommen.

(Foto: imago stock&people)

Als die Mauer 1989 fällt, ist auch das ostdeutsche Schulsystem passé. Von einem Tag auf den anderen müssen sich die ostdeutschen Schulen an die westdeutschen anpassen. Eine Mammutaufgabe, deren Spuren immer noch ersichtlich sind.

Die Leipzigerin Elke Urban arbeitete in der DDR selbst als Lehrerin. Nach der Wende engagierte sie sich für den Aufbau freier Schulen, von 2000 bis 2015 leitete sie das Schulmuseum in ihrer Heimatstadt. Noch heute wird die 68-Jährige als Pädagogik-Expertin zu Expertenrunden eingeladen, zuletzt war sie Gast eines Symposiums in Leipzig zum Thema Bildungspolitik. Im Interview mit n-tv.de erklärt sie, wie viel DDR auch heute noch in unserem Schulsystem steckt.

n-tv.de: Fächer wie Zivilverteidigung (für Mädchen) und Wehrkunde (für Jungen), Fahnenappelle und Weitwurf mit Handgranaten-Attrappen: Das sind nur ein paar Beispiele aus dem Schulalltag der DDR. Ein Glück, dass das ostdeutsche Schulsystem nach der Wende sofort abgeschafft wurde. Oder nicht?

Elke Urban: Das sind die Dinge, die am meisten abgestoßen haben, deswegen sind sie auch sofort lautlos verschwunden. Aber schon vor dem Mauerfall war das System ins Bröckeln geraten. Und Ende Dezember '89 war von Pionierorganisation und FDJ nichts mehr übrig. Wehrkunde wurde im September '89 abgeschafft. Man muss aber auch sagen, dass es Weitwurf mit Handgranaten nicht überall gab. Es gab Sportlehrer, die das gar nicht gemacht haben. Andererseits gibt es auch Leute, die heute behaupten: Bei uns gab es das Fach Wehrkunde gar nicht. Da muss ich allerdings sagen: Das ist gelogen. Denn Wehrkunde war ein Schulfach, das ab 1978 überall unterrichtet werden musste.

Und alle haben ohne Bedenken mitgemacht?

Elke Urban.

Elke Urban.

(Foto: privat)

Uns schien das verlogen. Auf der einen Seite hieß es, die Pioniere kämpfen für den Frieden und dann sollten wir mit irgendwelchen Waffen auf Personen-Attrappen schießen. Da haben auch viele Eltern in der Schule gesagt: Jetzt ist Schluss, da mache ich nicht mehr mit. Mein Kind schießt nicht, mein Kind darf kein Gewehr anfassen.

Kamen sie damit dann durch?

Ja, es gab einige wenige Jugendliche, die dem Wehrkunde-Unterricht fernbleiben durften. Sie bekamen dann in der Zeit irgendwelche anderen Aufgaben, meistens Reinigungsarbeiten. Und sie hatten keine Chance auf einen Platz an einer Erweiterten Oberschule (EOS). Da war die Karriere in der DDR beendet, noch bevor sie beginnen konnte.

Gab es denn trotzdem etwas, das gut war am Schulsystem der DDR?

Gut war der sehr hohe Anspruch an die Naturwissenschaften. Entsprechend waren auch die Bücher sehr gut. Sie waren erstaunlich frei von Ideologie und sie waren thematisch gut aufgebaut. Ich kann Lehrer verstehen, die diesen Schulbüchern noch nachtrauern. Außerdem wurde fächerverbindend unterrichtet. Es gab Themen in Physik, Biologie und Chemie, die zusammenpassten und zur gleichen Zeit behandelt wurden. Zudem war es hilfreich, dass alle Lehrer und Schüler in der gesamten DDR die gleichen Bücher benutzten. Wenn man umgezogen ist, hatte man keine Probleme, denn an der neuen Schule wurde mit dem gleichen Buch unterrichtet. Das war ein Vorteil. Es gab allerdings auch nur einen Schulbuchverlag und damit keinen Wettbewerb, was wiederum ein großer Nachteil war. Natürlich sind wir heute froh, dass jeder Lehrer frei wählen kann, mit welchen Materialien er arbeiten will.

Warum wurden die guten Dinge nach dem Untergang der DDR so rigoros abgewertet?

Man musste erst mal feststellen, dass es gut war. Die meisten Lehrer aus dem Osten waren ja noch nie zuvor im Westen gewesen. Die haben nach '89 den Westen erst kennengelernt. Und die Eltern waren der Meinung: Jetzt will ich aber unbedingt, dass mein Kind auf das Gymnasium kommt. Es durften in der DDR ja nur zehn Prozent auf die EOS, was dem heutigen Gymnasium entspricht. Nach der Grenzöffnung schwebten den Eltern natürlich völlig andere Formen des Zugangs vor. Zunächst schien es aus der ostdeutschen Perspektive so, als wären die westdeutschen Schulen besser und anspruchsvoller.

Thälmannpioniere während eines Pioniertreffens in Bautzen im Jahr 1982.

Thälmannpioniere während eines Pioniertreffens in Bautzen im Jahr 1982.

Wie war das nach der Wiedervereinigung? Wie fanden ost- und westdeutsche Schulsysteme zusammen?

Jedes neue Bundesland hat ein westdeutsches Bildungspartnerland bekommen. Bei uns in Sachsen war das Baden-Württemberg. Die sächsischen Schulen sollten sich möglichst daran orientieren, was das Land macht. Es gab Schulbücher und Fortbildungen mit Lehrern von dort.

Und ostdeutsche Lehrer haben dann einfach den Schalter von Ost auf West umgelegt?

Das war unterschiedlich. Es fand jedenfalls nur teilweise ein Nachdenken darüber statt, was man mit dem DDR-Unterricht angerichtet hat. Nur wenige Lehrer haben sich hinterher gefragt: Was habe ich den Kindern für Lügen aufgebrummt? Ein öffentliches Nachdenken gab es gar nicht, sondern maximal im stillen Kämmerlein. Die meisten ostdeutschen Lehrer klopften sich auf die Schulter und sagten: Wir haben das doch gut und richtig gemacht und aus unseren Schülern ist doch etwas geworden. Und die meisten sind dann auch zumindest in DDR-Zeiten alle in einen Beruf gekommen. Und wenn das später dann nicht mehr so geklappt hat, hat man die Schuld dem westdeutschen System gegeben. Das war schön einfach. Es gibt aber auch Lehrer, die sofort nach 1989 eine 180-Grad-Wende gemacht haben, die sehr schnell mit den Lehrmitteln aus dem Westen klargekommen sind. Neues Buch vor der Nase und weiter gehts! Man muss aber auch sagen, dass es für Lehrer keine Möglichkeit zur langen Besinnung gab. Denn der Unterricht musste ja sofort weitergehen. Die ostdeutschen Lehrer hatten aber schnell den Eindruck, dass ihre Lehrmethoden in den Naturwissenschaften besser waren als im Westen. Da haben sich dann viele gesagt: Da sind wir doch viel weiter als die Westdeutschen, was wollen die uns denn erzählen?

Im bundesweiten Vergleich fällt auch heute noch auf, dass der Osten besser abschneidet als der Westen. Warum ist das so?

Die DDR hat immer großen Wert auf die Naturwissenschaften gelegt. Jungen und auch Mädchen sollten gleichermaßen in den Naturwissenschaften ganz viel lernen. Also gab es zum Beispiel schon in der 7. Klasse vier Stunden Chemie. Heute gibt es in der 7. Klasse überhaupt kein Chemie, sondern erst in der 8. Klasse und da auch nur zwei Stunden.

Aber warum ist dieser Unterschied heute noch zu spüren? Liegt es an den Lehrern, die größtenteils in der DDR zur Schule gegangen sind?

Schulzeugnis aus DDR-Zeiten mit den damals üblichen Zensuren für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit, aus denen schließlich eine Note für das "Gesamtverhalten" ermittelt wurde.

Schulzeugnis aus DDR-Zeiten mit den damals üblichen Zensuren für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit, aus denen schließlich eine Note für das "Gesamtverhalten" ermittelt wurde.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ja, guter Unterricht liegt immer an den guten Lehrern. Auch die Ausbildung für die Naturwissenschaften an den DDR-Universitäten war offensichtlich sehr anspruchsvoll.

Warum ist es so schwierig, anzuerkennen, dass auch im Osten nicht alles schlecht war?

Jeder, der das laut sagt, wird als Verharmloser oder Nostalgiker beschimpft. Und davon müssen wir wegkommen. Wir müssen jetzt 30 Jahre danach so weit sein, das wir sagen können: Man muss differenzieren. Das Problem ist, bei der Schule aus der Nazizeit würde sich das auch niemand trauen. Da fragt kein Mensch, was war gut in der Schule des Nationalsozialismus? Wenn man da eine Weile sucht, findet man bestimmt auch positive Dinge. Das bleibt aber ein Tabu.

Auch wenn da heutzutage offenbar keiner gerne drüber spricht: Was wurde aus dem ostdeutschen Schulsystem ins gesamtdeutsche übernommen?

Vieles, was '89/'90 zunächst über Bord geworfen wurde, wurde später aufgegriffen. Übernommen wurde zum Beispiel, dass man auch nach 12 Jahren Abitur machen kann. Okay, das ist gescheitert und die Ostdeutschen lachen sich über die Westdeutschen deswegen scheckig. Außerdem war es nachahmenswert, Begabungen besonders zu fördern. In der DDR gab es bereits Spezialschulen. Zum Beispiel Spezialschulen für Musik, Russisch oder Mathematik und Naturwissenschaften. Die sind im Osten immer noch staatlicherseits mehr verbreitet als im Westen. Aber es gibt natürlich auch im Westen Schulen, die nachziehen.

Kam nicht die Ganztagesschule aus dem Osten?

Das wird behauptet, stimmt aber nicht. Es gab nur eine Ganztagsbetreuung. Der Hort zum Beispiel ist eher eine ostdeutsche Erfindung. Viele Kinder haben nachmittags den Hort besucht. In der DDR gab es zwar eine wesentlich engere Verbindung zwischen Schule und Hort, denn die Hort-Erzieher haben auch die Hausaufgabenbetreuung mit übernommen. Insofern kann man im Bezug auf die Grundschule (bis zur vierten Klasse) im weitesten Sinne von einer Ganztagesschule sprechen. In den weiterführenden Schulen gab es dann an den Nachmittagen Arbeitsgemeinschaften. Jeder Schüler konnte zwei Arbeitsgemeinschaften wählen. Insofern ist es nicht dasselbe wie eine Ganztagesschule, wo alles pädagogisch durchkonzipiert ist.

Was ist heute noch unterschiedlich zwischen Ost und West?

Im Westen gibt es mehr individuelle Lernformen. Das findet man im Osten zwar auch, aber seltener und eher an den reformpädagogischen Schulen in freier Trägerschaft, wie den Montessori-Schulen. Individuelle Lernformen sind bei ostdeutschen Eltern auch noch sehr umstritten, weil sie das nicht so kennen. Sie haben das selber nicht erlebt. Sie kennen nur Lernen im Gleichschritt und im Westen hat sich das schon Jahrzehnte lang anders entwickeln können.

Gibt es denn etwas aus dem DDR-Schulsystem, das ins gesamtdeutsche System übernommen werden sollte?

Das Prinzip, keinen zurücklassen zu dürfen, hat dafür gesorgt, dass sich viele Lehrer sehr persönlich um die Schullaufbahn ihrer Schüler gekümmert haben. Sonst wurden sie selbst angezählt. Auch die Idee der Lernbrigaden war gut. Es muss ja nicht so heißen. Aber wer anderen Nachhilfe gibt, lernt selbst am meisten dabei. Auch die Idee der polytechnischen Bildung war gut, wurde nur in der Regel nicht gut umgesetzt. Um die Arbeitswelt der Erwachsenen kennenzulernen, reichen aber auch wochenlange Betriebspraktika.

Warum ist es so schwierig, die Schulsysteme in Ost und West zu vereinheitlichen?

Eine Vereinheitlichung wäre gar nicht erstrebenswert! In der DDR war alles gleich und damit hat das System nur Mittelmaß produziert. Wir brauchen Abweichler. Schulen, die anders sind, die eigene Wege gehen. Es müssen Innovationen möglich sein. Man sollte Schulen, die andere Wege gehen wollen, mehr fördern.

Was würden Sie sich für die Zukunft der deutschen Schule wünschen?

Mehr Freiheit. Ich würde mir wünschen, dass endlich mal wieder ein Kultusminister von der pädagogischen Freiheit des Lehrers spricht. Dass gute Dinge, die sich bewährt haben, auch bleiben dürfen und nicht wieder abgeschafft werden, weil die neue Regierung das so will. Und für die Schüler wünsche ich mir mehr Mitspracherecht. Nun leben wir endlich in einer Demokratie und trotzdem dürfen die Schüler kaum mitreden. Noch nicht mal bei den Themen der Projektwoche dürfen sie mitbestimmen. Das finde ich verheerend. Denn wenn das Mitspracherecht in der Schule nicht trainiert wird, wie sollen die Schüler dann später mal ihre Meinung vertreten? Dann gerät die Demokratie doch wieder ins Stocken.

Mit Elke Urban sprach Kira Pieper

Quelle: n-tv.de

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