Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 460 Wie ist es, mit einer Rakete zu fliegen?

Von Andrea Schorsch

28. Mai 2014: Alexander Gerst hebt an Bord einer Sojus vom Weltraumbahnhof Baikonur ab. Drei Minuten später ist die Rakete im All.

28. Mai 2014: Alexander Gerst hebt an Bord einer Sojus vom Weltraumbahnhof Baikonur ab. Drei Minuten später ist die Rakete im All.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Flugzeug rollt auf die Startbahn, beschleunigt, man wird in den Sitz gedrückt, es hebt ab, ruckelt, wenn es die Wolkendecke durchstößt und dann wird es gemütlich. Wie aber ist das, wenn man in einer Rakete auf Reisen geht?

Als sie mit dem Fahrstuhl zum Cockpit hochfuhren, wirkte die Rakete beinahe wie ein lebendiges, unheimliches Wesen: "mit eisigem Dampf, der an der vom flüssigen Treibstoff gekühlten Außenhaut Eiszapfen bildete; überall fauchte und zischte es aus den Ventilen". Das berichtet Esa-Astronaut Alexander Gerst in dem Buch "166 Tage im All". Die Sojus ist mit rund 80 Tonnen Kerosin und 194 Tonnen flüssigem Sauerstoff betankt. Fast 300 Tonnen Treibstoff also bringen die Rakete in den Weltraum - mit einer Schubkraft von vier Meganewton. "Grob vergleichbar mit 26 Millionen PS", sagt Gerst. "Diese Zahlen sind selbst für Astronauten einschüchternd."

Nur wenige Menschen auf der Welt können auf die Frage, wie es sich anfühlt, in eine Rakete zu steigen und mit ihr in den Weltraum zu starten, eine Antwort geben. Seit Beginn der bemannten Raumfahrt vor 55 Jahren sind rund 550 Menschen ins All geflogen und wohlbehalten zur Erde zurückgekehrt. Einer von ihnen ist Gerst. Die Erinnerungen an seine erste Mission hat er jetzt zusammen mit "Geo"-Reporter Lars Abromeit in einem Bildband festgehalten: "166 Tage im All" beginnt mit der letzten Stunde vor dem Start zur Internationalen Raumstation (ISS) im Mai 2014 und endet mit der Rückkehr zur Erde ein knappes halbes Jahr später.

Faszinierende Bilder, eindrücklicher Text: "166 Tage im All" ist für 39,99 Euro zu haben. Alexander Gerst spendet seine Einnahmen aus diesem Buch zugunsten von Unicef.

Faszinierende Bilder, eindrücklicher Text: "166 Tage im All" ist für 39,99 Euro zu haben. Alexander Gerst spendet seine Einnahmen aus diesem Buch zugunsten von Unicef.

Beschleunigung auf 28.000 km/h

Aus dem Cockpit der Sojus sieht die Crew "die letzten zehn, scheinbar endlos langen Sekunden verstreichen, bis die Borduhr die Startzeit anzeigt", erzählt Gerst in dem Buch. Die Treibstoffpumpen laufen an, die Triebwerke zünden in drei aufeinanderfolgenden Leistungsstufen, doch das spüren und hören die Astronauten kaum. Erst die dritte Leistungsstufe kann die Rakete vom Boden heben. Die Fenster sind während der ersten 157 Sekunden verdeckt, vom Feuerstrahl der Triebwerke und den riesigen Rauchwolken sehen die Astronauten also nichts. Doch jetzt ruckelt es ein wenig, "der Schub drückt uns plötzlich sanft, aber bestimmt in die Sitze", erinnert sich Gerst, "zunächst nur so stark wie im Flugzeug beim Start."

Das aber soll sich schon bald ändern, so sanft bleibt es nicht. Denn je mehr Treibstoff verbrennt, umso mehr verliert die Rakete an Masse, wobei die Schubkraft jedoch gleich bleibt. Der Esa-Astronaut erläutert, was das bedeutet: "die Beschleunigung nimmt so mit jeder Sekunde zu", sagt er, "bis wir schließlich mit vierfacher Schwerkraft in unsere Sitze gedrückt werden. Das ist dreimal so viel wie in einem Formel-1-Rennwagen".

Ins All zu kommen (es beginnt 100 Kilometer über der Erde), dauert nicht lange: Nach drei Minuten und zehn Sekunden sind die Raumfahrer da. Doch das ist nur ein Etappensieg. Die Sojus muss auf eine Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde kommen, um eine stabile Erdumlaufbahn und später die ISS zu erreichen. Die enorme Beschleunigung mit dem ausnehmend starken Druck in die Sitze hält daher mehr als acht Minuten lang an.

"Ein sagenhafter Moment"

Dann ist auch diese Phase überstanden. Wenn die Sojus im Orbit ist, schaltet die letzte Raketenstufe ab, sie hört auf zu brennen und das Raumschiff fliegt einfach weiter. "Ein sagenhafter Moment", schwärmt Gerst. Es ist der Moment, in dem die Schwerelosigkeit einsetzt. "Die Beschleunigung bricht abrupt ab, es wird still, und wir werden – gefühlt – nach vorn in die Anschnallgurte katapultiert", berichtet der Astronaut. "Drei Sekunden später ein lauter Knall, unser Raumschiff sprengt sich von der Raketenstufe ab und schwebt dann frei im Weltraum. Und ich fühle mich für die nächsten Stunden wie eine Fledermaus, die von einer Höhlendecke herunterhängt."

Bis sie an der ISS angekommen sind, haben die Astronauten jetzt richtig Arbeit: Um die Umlaufbahn der Sojus-Kapsel an die der Raumstation anzupassen, müssen sie mehrfach die Triebwerke zünden und dabei alle Systeme im Blick behalten. Das Andocken an die Raumstation schließlich gilt als besonders risikoreich. Idealerweise läuft es vollautomatisch, doch die Crew muss stets bereit sein, die Kontrolle zu übernehmen.

Apropos Risiko: Dass ein Raketen-Start gefährlich ist, dass es zig Möglichkeiten gibt, im All in Lebensgefahr zu geraten, ist jedem Raumfahrer bewusst. Jeder, der den Planeten verlässt, ist sich darüber im Klaren, dass er womöglich nie mehr zur Erde zurückkehrt. "Kein Astronaut hat jemals die Bilder vom 28. Januar 1986 vergessen, die die letzten Minuten im Leben der Challenger-Crew zeigen, wie als Warnung eingebrannt in einen stahlblauen Morgenhimmel", sagt Gerst in "166 Tage im All". Sein Fazit: "Wir landen entweder mit unserer Kapsel irgendwo in der Steppe. Oder gar nicht. Wir haben damit unseren Frieden gemacht."

Übrigens: Wenn die Raumfahrer die Rakete bestiegen haben und auf den Start warten, hören sie Musik – ein jeder seine eigene Playlist. Bei Gerst gehörten "Rückenwind" von Thomas D., Tocotronics "Hi Freaks!" und "Über den Wolken" von Reinhard Mey dazu.

"166 Tage im All" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema