Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 455 Was hat Aufessen mit Sonnenschein zu tun?

Von Aljoscha Röllecke

Der Teller ist leer, wird morgen also das Wetter gut?

Der Teller ist leer, wird morgen also das Wetter gut?

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Meine Oma sagte früher immer: "Iss deinen Teller auf, dann wird morgen gutes Wetter." Als Kind wurde ich trotz leerer Teller oftmals enttäuscht. Aber woher kommt diese Redewendung eigentlich? (fragt André K. aus Essen)

Ob ein Kind seinen Teller leer isst oder nicht, hat natürlich keine Auswirkungen auf das Wetter des folgenden Tages. Denn was würde passieren, wenn Kind A den Teller am Vortrag leer gegessen hat, Kind B aus der Nachbarschaft aber nicht? Gewitter und Sonnenschein direkt nebeneinander? Ein lokales Wetterchaos? Ganz sicher nicht! Vielmehr beruht die bekannte Redensart auf einer falschen Interpretation.

Sie kommt ursprünglich aus der plattdeutschen Sprache: "Wenn du dien Teller leer ittst, dann gifft dat morn goods wedder." In Regionen in denen der niederdeutsche Dialekt nicht gesprochen wird, wurde daraus: "Wenn du deinen Teller leer isst, gibt es morgen gutes Wetter". Im Plattdeutschen kann "wedder" aber auch "wieder" bedeuten. Bei der Übersetzung der plattdeutschen Redewendung wurde fälschlicherweise "goods wedder" als "gutes Wetter" missverstanden, gemeint war aber "wieder Gutes".

Reste von gestern

Dem ursprünglichen Satz nach bekommt also derjenige, der seinen Teller leer isst, am nächsten Tag gutes Essen. Anders ausgedrückt: Wenn du heute alles aufisst, bekommst du morgen etwas Neues und nicht die Reste von gestern. Für Kinder könnte diese Aussage ein gutes Argument gewesen sein, ihre Teller tatsächlich bis zum bitteren Ende zu leeren: Denn was an dem einen Tag nicht gerne gegessen wurde, schmeckte auch am nächsten Tag nicht besser.

Eine weitere Interpretation des Satzes könnte sein, dass norddeutsche Mütter in der Zeit von Hungersnöten mit Hilfe des Spruchs ihren Kindern die Angst, wohlmöglich am nächsten Tag nichts zu essen zu bekommen, nehmen wollten.

Schon lange missverstanden

Die heute bekanntere Interpretation mit "goods wedder" als "gutes Wetter" wurde bereits 1870 von Karl Friedrich Wilhelm Wander in das "Deutschen Sprichwörter-Lexikon" aufgenommen. "S gibt gut Wetter, 's alles aufgegessen.", ist dort zu lesen. Wenn das Kind also seinen Teller leer isst, kann es am folgenden Tag bei Sonnenschein draußen spielen.

Die Kausalkette "Leerer Teller - gutes Wetter" ist heute unzeitgemäß und fragwürdig. Daher ist die Redewendung weitestgehend von deutschen Mittagstischen verschwunden. Zu Recht, denn zum einen gibt es in Deutschland keine Hungersnöte mehr und zum anderen führt die Verführung, über den Hunger hinaus zu essen, eher zu Fettleibigkeit als zu gutem Wetter.

Quelle: n-tv.de

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