Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 500 Sind Stromleitungen für Vögel harmlos?

Wenn sie so auf der Leitung sitzen, passiert den Vögeln nichts. Und doch bergen Mittel- und Hochspannungsleitungen große Gefahren für sie.

Wenn sie so auf der Leitung sitzen, passiert den Vögeln nichts. Und doch bergen Mittel- und Hochspannungsleitungen große Gefahren für sie.

(Foto: imago/blickwinkel)

Hochspannungsleitungen sind lebensgefährlich, doch Vögeln scheinen sie nichts auszumachen. Wieso bekommen sie keinen Schlag, wenn sie darauf sitzen? Es zeigt sich: Tödlich sind die Leitungen für sie mitunter trotzdem – selbst ohne Strom.

Es sieht so entspannt aus, wenn Vögel auf Stromleitungen eine Flugpause einlegen. Dass unter ihren Füßen eine Spannung von mehreren tausend Volt anliegt, ist ihnen nicht anzumerken. Dabei kann sich Strom auf Vögel genauso tödlich auswirken wie auf Menschen. Dafür muss er allerdings durch ihren Körper hindurchfließen – und eben das geschieht nicht, wenn die Vögel einfach auf der Leitung sitzen. Aber warum nicht?

"Damit der Strom durch einen Vogel hindurchfließt", erklärt uns Lars Lachmann, Vogelschutz-Experte beim Nabu in Berlin, "muss der Vogel mit seinem Körper den Strom erden, das heißt, er muss eine Verbindung zwischen der Leitung und dem Boden herstellen." Das ist nicht gegeben, wenn ein Vogel auf der Leitung hockt. "Der Strom nimmt immer den kürzesten Weg", sagt Lachmann, "und das ist in diesem Fall der durch die Leitung. Er nimmt nicht den Umweg über den Vogel. Deswegen stirbt der nicht, wenn er da sitzt."

Kot kann zum Verhängnis werden

Anders ist es, wenn das Tier zum Beispiel mit einem Fuß die Leitung und mit dem anderen den Strommast berührt. Einen solchen Spagat würde der Vogel nicht überleben, denn damit hätte er eine Erdung hergestellt und sein Körper stände buchstäblich unter Strom. Besonders Mittelspannungsleitungen waren aus diesem Grund lange Zeit gefährlich für Vögel, vor allem für die großen unter ihnen. Ließ sich etwa ein Storch auf einem Strommast nieder, konnte es gut sein, dass er mit seinem Körper eine Verbindung zur Leitung schuf – etwa über die Flügel. "Im blödesten Fall konnte das auch durch Kot passieren", sagt der Ornithologe. "Kotete ein auf dem Mast sitzender Storch ab und der Kotstrahl berührte die Leitung, dann konnte der Strom durch den Kotstrahl den Vogel erschlagen."

Doch es gibt unterschiedliche Bauweisen für Strommasten und Mittelspannungsleitungen: solche, bei denen sich die Stromleitungen auf Höhe des Vogelkörpers befinden, wenn das Tier auf einem Querbalken des Mastes steht, und andere, bei denen die Leitungen tiefer hängen. Letztere sind für Vögel recht ungefährlich. Auf Drängen des Nabu wurde 2009 bei der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes ein Paragraph eingefügt, der, wie Lachmann sagt, "sehr modern und wegweisend" war: Er verpflichtete sämtliche Stromnetzbetreiber, bis 2012 alle gefährlichen Stromleitungen vogelsicher zu machen und neue Stromleitungen von vornherein so aufzubauen, dass Vögel keinen Stromschlag bekommen. Der Paragraph war ein Erfolg. "Da sind wir in Deutschland vorbildlich", sagt Lachmann. "In anderen Ländern, selbst in der EU, gibt es solche Maßnahmen noch nicht, aber dafür treten wir natürlich ein."

Das Problem des Stromschlags betrifft nur Mittelspannungsleitungen, denn bei Niedrigspannung, wie etwa bei Telefonleitungen, ist die Stromstärke nicht groß genug, als dass die Vögel daran sterben könnten. Hochspannungsleitungen wiederum haben Gittermasten, die grundsätzlich so gebaut sind, dass Vögel keinen Kurzschluss hervorrufen können. Denn klar ist: Kurzschlüsse bedeuten Stromausfall. Deswegen hätten Stromversorger auch ein eigenes Interesse daran, die Leitungen vogelsicher zu gestalten, so der Experte.

Stromschlag nicht die einzige Gefahr

Und doch stellen auch Hochspannungsleitungen eine große Bedrohung für Vögel dar. Die Tiere können nämlich im Flug mit den Leitungen kollidieren. "Hier sind andere Vögel gefährdet als beim Stromschlag", erklärt der Ornithologe. Während vor einem Stromschlag die geschützt werden müssen, die gern auf Masten sitzen, also etwa Störche und Greifvögel, droht Kollision solchen, die nachts unterwegs sind oder die nicht so manövrierfähig sind. "Das sind die schwereren Vögel, die entsprechend schnell fliegen. Denn je schwerer ein Vogel ist, umso schneller muss er fliegen, um in der Luft zu bleiben."

Von Kollisionen sind daher hauptsächlich Wasservögel betroffen wie Schwäne, Gänse, Kraniche und Enten, aber auch Ringeltauben. "Wenn sie eine Leitung erkennen, können sie nicht mehr ausweichen und hängen sich auf", sagt der Vogelschutz-Experte. "Sie brechen sich das Genick." Meist geschehe das mit den Erdungskabeln der Hochspannungsleitungen; das sind die ganz oben hängenden Kabel, die auch dünner sind als die anderen. "Häufig erkennen die Vögel noch die dickere Hauptleitung, versuchen die zu überfliegen und stoßen dann gegen das weniger gut sichtbare Erdungskabel, das oben drüber gespannt ist."

In Deutschland sterben rund zwei Millionen Vögel im Jahr auf diese Weise - so das Ergebnis einer vom Nabu in Auftrag gegebenen Studie. Die besonders zahlreichen Kleinvögel sind nicht darunter, "eine Kohlmeise fliegt nicht gegen eine Stromleitung", sagt Lachmann, "die kann immer ausweichen". Es sind weniger häufig vertretene Vogelarten, die durch Zusammenstöße mit Stromleitungen dezimiert werden.

Hindernis auf der Vogelautobahn

Doch Gegenmaßnahmen sind möglich: So kann man an Stellen, an denen viel Vogelflugverkehr herrscht, auf den Bau von Hochspannungsleitungen verzichten. Laut Lachmann sind Stromleitungen, die einen Fluss überqueren, ein besonderes Problem: "Ein Fluss ist eine Autobahn für fliegende Vögel." Auch Ufer von Seen, die Vögel abends, bei schlechter Sicht, zur Rast anfliegen und morgens, bei Nebel, wieder verlassen, gelten als Standorte, an denen Hochspannungsleitungen vermieden werden sollten.

Bereits bestehende Leitungen müssen – eine weitere Maßnahme – für Vögel gut erkennbar sein. Markierungen mit bunten Kugeln sieht man recht häufig. Noch besser sind dem Experten zufolge schwarz-weiße, hängende Teile, die sich bewegen. Und schließlich gibt es noch eine sehr teure, aber, wie Lachmann sagt, in manchen Fällen trotzdem empfehlenswerte Methode: die Erdverkabelung. "Gerade auf kurzen Abschnitten wie Flussquerungen kann es sinnvoll sein, die Hochspannungsleitung nicht oberirdisch zu führen, sondern unter die Erde zu verlegen." Dafür muss zwar gebuddelt werden, und später erwärmt sich durch die Erdverkabelung der Boden, was eine andere Vegetation zur Folge hat. Dennoch sei das für die Natur im Normalfall verträglicher als eine offene Leitung, so der Nabu-Experte. Gesetzlich verankert ist der Schutz der Vögel vor Kabel-Kollisionen aber noch nicht.

Übrigens: Die Vögel sitzen nur bei Niedrig- und Mittelspannung wirklich auf der Leitung. Bei Hoch- und Höchstspannung bevorzugen sie das Erdungskabel, denn diese Stromleitungen sind viel zu heiß. Da würden den Vögeln die Füße verbrennen – ganz ohne Stromschlag.

Quelle: n-tv.de

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