Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 471 Können Tiere abergläubisch sein?

Von Wilhelmine Bach

Jetzt bloß nicht unter der Leiter hindurchflattern - oder wie war das?

Jetzt bloß nicht unter der Leiter hindurchflattern - oder wie war das?

Wir klopfen auf Holz, wünschen uns "toi, toi, toi" oder vertrauen in Vorstellunggesprächen auf unser Glücksoutfit: Selbst scheinbar rationale Menschen verfallen gelegentlich dem Aberglauben. Aber können auch Tiere abergläubisch sein?

Eine absurde Vorstellung, sollte man meinen. Nach dem aktuellen Stand der Forschung haben Tiere weder Religionen noch Rituale und zeigen auch sonst kein Verhalten, von dem man meinen könnte, es handle sich um Aberglauben. Zumindest Haustiere wiederholen lediglich Handlungen, von denen sie sich eine Belohnung versprechen. Und das ist noch kein Aberglaube. Oder?

Wenn man als Aberglauben den Glauben an übernatürliche Kräfte versteht, mag das durchaus stimmen. Psychologisch gesehen, entsteht Aberglaube jedoch einfach aus einer falschen Verknüpfung von Ursache und Wirkung. "In gewissen Sinne ist das ein Zeichen von Intelligenz", schreibt Florian Aigner, Autor des Buches "Der Zufall, das Universum und du". "Wir sind darauf programmiert, Muster zu erkennen und Zusammenhänge zu finden. ... Das Problem ist nur, dass wir beim Mustererkennen ziemlich voreilig sind. Es scheint für Lebewesen weniger schlimm zu sein, Regeln zu erkennen, wo in Wirklichkeit bloß der Zufall herrscht, als tatsächliche Zusammenhänge zu übersehen."

Deshalb wiederholen wir Muster und Rituale, von denen wir uns Glück versprechen und die uns bereits Glück gebracht haben – ganz gleich, ob sie tatsächlich einen Einfluss auf das Geschehen hatten oder nicht. "Das mag irrational sein", sagt Aigner "aber das ist nicht unbedingt ein Problem. Wenn das Frühlingsfest Spaß macht, dann war es eine gute Sache, völlig unabhängig davon, ob es etwas mit dem darauffolgenden Frühling zu tun hat, oder nicht."

Und was ist jetzt mit den Tieren?

Der US-amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner vertrat schon in den 1940er-Jahren die Ansicht, dass sich Mensch und Tier in dieser Hinsicht kaum unterscheiden. In seinem Aufsatz "Der Aberglaube bei der Taube" erläutert er, wie er Tiere dazu brachte, sich abergläubisches Verhalten anzutrainieren. Skinner setzte Tauben in eine Kiste mit einer Maschine, die zufällig immer wieder Futter freigab. Die Tauben stellten schnell eine falsche Verbindung zwischen dem zufälligen Futter und ihrem Verhalten her und bewegten sich durchgehend auf eine Weise, von der sie offenbar "glaubten", dass sie das Futter auslöste. Das gleiche Verhalten wurde bei Ratten beobachtet. Der Versuch ähnelt dem einer operanten Konditionierung, mit dem Unterschied, dass die vermeintliche Belohnung für ein gewisses Verhalten rein zufällig eintrifft. Deshalb funktioniert der Versuch auch nur bei Tieren, die zu assoziativem Lernen in der Lage sind.

Der Japaner Koichi Ono wiederholte das Experiment übrigens mit Menschen. Und die reagierten überraschenderweise genau wie die weniger intelligenten Vögel: Sie trainierten sich allerlei seltsame Verhaltensweisen an - in dem Glauben, sie erhöhen damit ihren Punktestand. Die Menschen nahmen an, ihr Verhalten habe einen Einfluss auf die Belohnung - wie die Tauben und Ratten. Was die Tiere tatsächlich glauben, konnten die Forscher leider nicht herausfinden. Dass sie hingegen abergläubisches Verhalten an den Tag legen, ist inzwischen anerkannt und eine kleine Sensation.

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Quelle: n-tv.de

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