Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 370 Ist schlechte Laune ansteckend?

Noch ist erst ein einziger Kollege schlecht drauf. In ein paar Stunden könnten es mehr sein.

Noch ist erst ein einziger Kollege schlecht drauf. In ein paar Stunden könnten es mehr sein.

(Foto: imago stock&people)

Wenn ich unter grummeligen Menschen bin, geht es mir später selbst ganz schlecht. Auch wenn ich mit ihrem Ärger gar nichts zu tun habe. Steckt miese Laune an? (fragt Sonja P. aus Essen)

Zuerst die schlechte Nachricht: Heike Kaiser-Kehl von "dieonlinepsychologen" beantwortet unsere Leserfrage mit einem "klaren Ja." Miesepeter sind ansteckend. Die gute Nachricht: Frohnaturen sind es auch. Die Expertin bestätigt das eine wie das andere, ohne zu zögern. In der Fachwelt hat das Phänomen - ein komplexer psychologisch-neurowissenschaftlicher Vorgang - eine eigene Bezeichnung: Man spricht von emotionaler Ansteckung.

Aber wie kommt es zu einer solchen? Schlechte Laune ist schließlich kein Virus, das mal eben überspringt. "Je näher uns ein Mensch steht und je mehr Zeit wir mit jemandem verbringen, umso schneller erfolgt die Ansteckung", sagt die Diplom-Psychologin und erklärt, woran das liegt: "Wir haben dann ein Bedürfnis nach Synchronisierung, das heißt, wir wollen nicht nur mitfühlen, sondern es geht darüber hinaus. Wir fangen an, jemanden, der mit uns Zeit verbringt, unbewusst nachzuahmen. Wir nehmen seine Körperhaltung an."

Gehirn interpretiert die Körperhaltung

Emotionale Ansteckung erfolgt oft nonverbal. Ganz unbeabsichtigt übernehmen wir dann die Gestik unseres Gegenübers und seine Mimik. Wir atmen womöglich sogar im gleichen Rhythmus. Und ist unser Gesprächspartner deprimiert, machen wir uns vielleicht auch seine Seufzer zu eigen. Interessant ist, was dann geschieht: "Eine Körperhaltung gibt dem Gehirn ein Signal", sagt Kaiser-Kehl. "Und das Gehirn zieht dann seine Schlüsse: Ach, wir gucken zu Boden? Wir schauen gar nicht mehr in die Luft und öffnen unseren Brustkorb? Dann muss irgendwas los sein. Wahrscheinlich sind wir traurig." Und schon macht sich das entsprechende Gefühl in uns breit. Die schlechte Stimmung ist da.

Es ist also der Körper, der die Botschaft zuerst aussendet – indem er sich mit dem anderen Menschen synchronisiert. Wie unwillkürlich das passiert, haben wir alle schon erlebt: Jeder weiß, wie ansteckend Gähnen ist. Viele Wissenschaftler machen dafür die Spiegelneuronen verantwortlich. Diese erst seit 1992 bekannten Nervenzellen zeigen beim Betrachten eines Vorgangs - und damit auch, wenn wir die Bewegungen unseres Gegenübers beobachten - das gleiche Aktivitätsmuster, als hätten wir selbst den Vorgang ausgeführt. Das kann in uns eine imitierende Handlung auslösen.

Wie wir es schaffen, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ist unserem Gehirn egal. Es zieht das Fazit: Wer lächelt, hat gute Laune.

Wie wir es schaffen, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ist unserem Gehirn egal. Es zieht das Fazit: Wer lächelt, hat gute Laune.

Auch von munteren Zeitgenossen springt auf diese Weise der Funke über: "Kommt jemand in den Raum und verbreitet sofort gute Laune, lacht und hat eine aufrechte, offene Körperhaltung sowie eine fröhliche Stimmlage, fängt man an, auch das nachzuahmen", sagt die Frankfurter Psychologin. "Und dann bekommt man die Feedback-Schleife vom Gehirn." Das Ergebnis: Wir fühlen uns wohl.

Bleistift zwischen die Zähne … und lächeln!

Gute Laune - immer gern. Davon darf es wohl stets ein bisschen mehr sein. Doch gibt es eine Möglichkeit, sich vor der Ansteckung mit Niedergeschlagenheit, Ärger und Frust zu schützen? "Das kann man mit einem sehr bewussten Erleben", sagt Kaiser-Kehl. "Zunächst muss einem klar werden, dass man plötzlich schlechte Laune hat. Manche Menschen merken das gar nicht selbst. Und dann muss man den Ursprung dieser Gefühle herausfinden. Kennt man den, kann man sich distanzieren und feststellen: Nein, in meinem Leben ist alles in Ordnung, mir muss es nicht schlecht gehen. Also Brust raus, Kopf hoch, Krönchen richten und weiter!"

Für den Fall, dass das nicht so leicht ist, hat die Expertin noch einen erstaunlich wirksamen Gute-Laune-Trick parat. Er macht sich die schon beschriebene Feedback-Schleife des Gehirns zunutze: "Klemmen Sie sich einen Bleistift zwischen die Zähne. Quer!", rät Kaiser-Kehl. Fühlt sich doof an, sieht doof aus, aber für das Gehirn gilt: Besser ein Bleistift-Lächeln als gar kein Lächeln. "Sie grinsen dann automatisch", sagt die Psychologin. "Und das Gehirn schlussfolgert: Ach ja, wir grinsen? Also geht es mir wohl gut!" Die Stimmung steigt. Was wollen wir mehr? Manchmal lässt sich unser Denkapparat verblüffend einfach überlisten.

Quelle: n-tv.de

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