Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 474 Ist Boxen ohne Helm gesünder?

Nach langer Zeit mal wieder "oben ohne": Bei Olympia in Rio stiegen männliche Boxer ohne Kopfschutz in den Ring.

Nach langer Zeit mal wieder "oben ohne": Bei Olympia in Rio stiegen männliche Boxer ohne Kopfschutz in den Ring.

(Foto: picture alliance / dpa)

Profiboxer steigen bei Wettkämpfen seit eh und je ohne Helm in den Ring. Unter den Amateuren sah das längere Zeit anders aus: Seit 1984 mussten sie bei Olympia einen Kopfschutz tragen. 2013 wurde der wieder abgeschafft. Warum?

"Profiboxen", sagt uns Leo Istas, Box-Trainer an der Deutschen Sporthochschule Köln, "das ist quasi der Arenakampf der Moderne. Von Anfang an war es ein Event, ein Spektakel, ein Massenphänomen, bei dem es um viel Geld geht. Es gibt keine andere Veranstaltungsform, die schon so früh so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat wie das Profiboxen. Das bedeutet aber auch: Auf einen gesundheitsbewussten Sport war es nie angelegt."

Istas betont das, weil es im Amateurboxen bei Olympia ganz anders aussieht: Da liegt der Schwerpunkt auf der sportlichen Aktivität und es wird Wert darauf gelegt, dass der Athlet unversehrt bleibt. Bei den Amateuren geht es nicht vorrangig um Show und Sensation, sondern um einen sicheren Wettkampf. Das ist der Grund, weshalb Anfang der 1980er-Jahre die Gesundheit der Olympia-Boxer in den Fokus rückte – und man schließlich einen Kopfschutz für sie einführte.

Weniger Cuts, mehr Gehirnerschütterungen

"Im Jahr 1983 war Boxen noch hart", erzählt Istas. "Man hatte bis dahin nur sehr leichte Handschuhe mit starker Trefferwirkung, der Ringboden war schlecht gepolstert, ein Mundschutz nur empfohlen und einen Kopfschutz gab es nicht." Gesellschaftlich wurde die gesundheitliche Sicherheit des Boxens zu dieser Zeit durchaus angezweifelt. Das Olympische Komitee reagierte, bevor sich die Kritik verschärfen konnte, und setzte 1984 den Kopfschutz durch – jedoch, wie Istas hervorhebt, "nicht auf Basis einer soliden Studienlage. Forschungen dazu gab es nicht. Die Maßnahme ging wissenschaftlichen Erkenntnissen voraus und war nur aus einer gesellschaftlichen Stimmung heraus zu verstehen." 1986 wurde der Helm dann in allen Amateurverbänden Pflicht.

Frauen boxten in Rio weiterhin mit Helm. Hier Nicola Adams aus Großbritannien (rot) gegen die Französin Sarah Ourahmoune.

Frauen boxten in Rio weiterhin mit Helm. Hier Nicola Adams aus Großbritannien (rot) gegen die Französin Sarah Ourahmoune.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eines zeigte sich sehr schnell: Mit Kopfschutz gab es deutlich weniger Cut-Verletzungen, Prellungen sowie Verletzungen von Augen und Ohren. Doch über die Jahre merkte man auch: Das Gehirn konnte trotz Helm in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Gesichtsfeld der Boxer wurde durch den Kopfschutz eingeschränkt, noch dazu setzten sich die Sportler zum Teil Schlägen aus, denen sie ohne Helm ausgewichen wären. Eine 2013 veröffentlichte Studie weist darauf hin, dass die Boxer mit Kopfschutz offenbar sogar mehr Gehirnerschütterungen erlitten als ohne. Nach Einführung des Helms verzeichneten die Forscher mehr Abbruchsiege infolge von Kopfschlägen. Gehirnerschütterungen gelten im Vergleich zu Cuts als die schwerere und unter Umständen langfristig folgenreichere Verletzung. Sollte man den Helm also wieder abschaffen?

Mit Kopfschutz weniger attraktiv

Die Frage stellte sich in einer Zeit, in der das Amateurboxen in der Krise steckte. "Nach dem Boom in den 90er-Jahren verlor gerade das Amateurboxen an Popularität", sagt Istas. "Die Mitgliederzahlen sind rückläufig." Seit Jahren ist der Weltverband des Olympischen Boxsports, die AIBA, daher darum bemüht, dem bei Zuschauern mehr geschätzten Profiboxen ein wenig näher zu kommen. 2010 führte die AIBA die World Series of Boxing ein: Ländermannschaften treten gegeneinander an, sie boxen mehr Runden als sonst bei den Amateuren üblich, und sie boxen ohne Helm. "Amateurboxen war nie ein besonders rezipierter Sport", sagt Istas. "Wenn die Leute Boxen gucken, dann lieber das schicke Profiboxen ohne Kopfschutz, mit gestählten Körpern und den Typen, den Marken, die auch Show drumherum machen."

Und so war es, wie uns Dr. Angelika Fischer von der Medizinischen Kommission der AIBA bestätigt, neben weniger Gehirnerschütterungen auch das Plus an Attraktivität, das die AIBA dazu veranlasste, die Helmpflicht 2013 aufzuheben – zumindest für Männer. Frauen und Jugendliche boxen weiterhin mit Kopfschutz. "Da steckt vielleicht auch ein archaischer Gedanke hinter", mutmaßt Istas, "dass man sagt, nur die Männer dürfen verzichten." Aber wenn ohne Helm das Risiko für Gehirnerschütterungen sinken kann, warum sollen Frauen und Jugendliche dann nicht auch davon profitieren?

Ab 2019 auch Frauen ohne Helm?

Sportmedizinerin Fischer verweist auf die Cut-Verletzungen, die ohne Kopfschutz unweigerlich zunehmen. "Es ist ein schwieriges Problem", sagt die Vorsitzende der Ärztekommission des Deutschen Boxsport-Verbands. "Für Männer ist ein 'Cut' zum größten Teil sogar ein Status-Symbol. Für Frauen nicht. Und dann muss man sagen: Bei den Frauen gab es von vornherein weniger Gehirnerschütterungen. Sie schlagen wesentlich weniger hart. Die Schlagkraft der Männer ist deutlich höher."

Dennoch erwägt man bei der AIBA, wie Fischer erzählt, 2019 den Kopfschutz insgesamt abzuschaffen, also auch bei Frauen und Jugendlichen. "Aber da", so die Ärztin, "haben wir als Medizinische Kommission noch Klärungsbedarf. Da sollen nochmal Studien laufen, wie das ist, wenn Frauen ohne Kopfschutz boxen."

Istas' Fazit ist: "Wer sich fürs Boxen entschieden hat und einen Wettkampf bestreitet, der weiß, worauf er sich einlässt. Ich finde es ganz zentral, dass man sich mit dem Sport, den man betreibt, auseinandersetzt und dass man eine Mündigkeit entwickelt. Und wer in den Ring steigt, der will sich auch präsentieren – ohne Helm."

Quelle: n-tv.de

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