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Clevere Vorbereitung Auch Tiere können für die Zukunft planen

Kolkraben planen für Vorhaben und Tauschgeschäfte bis zu 17 Stunden im Voraus, zeigen Selbstkontrolle und können zeitliche Abstände zu künftigen Ereignissen abschätzen, so die Forscher.

Kolkraben planen für Vorhaben und Tauschgeschäfte bis zu 17 Stunden im Voraus, zeigen Selbstkontrolle und können zeitliche Abstände zu künftigen Ereignissen abschätzen, so die Forscher.

(Foto: imago/Arnulf Hettrich)

Menschen blicken bei Entscheidungen in die Zukunft, Menschenaffen auch. Aber Vögel? Auf keinen Fall, waren Forscher lange überzeugt. Raben lassen diese Überzeugung wanken.

Die übrig bleibende Schraube, das Gummiband vom Marmeladenglas, die hübsche Schleife ums Geschenk: Gern häuft der Mensch Dinge an. Brauch ich jetzt nicht, aber vielleicht irgendwann. Typisch Mensch. Oder? Auch Raben können Dinge bunkern, die sie später vielleicht gebrauchen können, haben Forscher herausgefunden. "Rabenvögel ähneln dem Menschen in vielen Merkmalen wie der Fähigkeit zum Planen und einer Form des Sich-selbst-Bewusstseins", sagt Susanne Foitzik von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. "Sie können anscheinend gut abschätzen, was in Zukunft passieren wird."

"Die Fähigkeit, flexibel für Ereignisse zu planen, die außerhalb des aktuellen Wahrnehmungsbereiches liegen, steht im Kern menschlichen Seins und ist entscheidend für unser alltägliches Leben und die Gesellschaft", schreiben Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität Lund im Fachmagazin "Science". Das gelte für die anstehende Dinnerparty ebenso wie für die spätere Altersvorsorge. Nach Studien mit Menschenaffen sei die Annahme gewesen, dass sich die Fähigkeit im Zuge der Menschwerdung entwickelte - und nur dort.

Vorausplanung und Selbstkontrolle

Zwar war bekannt, dass Rabenvögel abends gezielt Futterspeicher fürs Frühstück anhäufen können, dies wurde allerdings eher als spezielle Anpassung zur Lagerhaltung statt als Fähigkeit zur Planung angesehen. Nun legen Kabadayi und Osvath nach: Kolkraben planen demnach für Vorhaben wie Werkzeuggebrauch und Tauschgeschäfte bis zu 17 Stunden im Voraus, zeigen Selbstkontrolle und vermögen zeitliche Abstände zu künftigen Ereignissen abzuschätzen.

Die Vögel müssten Gegenstände aufbewahren, die zum Erreichen von Futter dienen - entweder direkt als Werkzeug oder als Tauschobjekt. Ihre Leistung in dem Bereich stehe der von Menschenaffen in nichts nach, so das Fazit des schwedischen Forscher-Duos. Die Fähigkeit zur Vorausplanung müsse unabhängig auch bei den Rabenvögeln entstanden sein - auf den letzten gemeinsamen Vorfahren vor rund 320 Millionen Jahren könne ein so komplexes Verhalten nicht zurückgehen.

"Das waren bescheidene reptilienartige Geschöpfe", erklärt Andreas Nieder von der Universität Tübingen. Von ihnen ausgehend habe die Evolution zwei ganz verschiedene Wege zu mehr Intelligenz gefunden. "Bei den Primaten ist es die Großhirnrinde, bei den Vögeln sind es kernartige Strukturen im Endhirn." Erst kürzlich sei gezeigt worden, dass Krähenvögel wegen der Unterschiede im Aufbau doppelt so viele Nervenzellen haben wie gleich große Gehirne von Primaten.

Echte Planung beinhaltet flexible Antworten auf neue Situationen

Zwar lege auch ein Eichhörnchen Vorräte für den Winter an und wirke damit planvoll, erklärt die Mainzer Verhaltensforscherin Foitzik. Solche Verhaltensweisen seien aber im Laufe der Evolution in Reaktion auf sich wiederholende Ereignisse wie den nahenden Winter entstanden. "Das ist ein reiner Automatismus, das Tier hat kein Bewusstsein dafür, was als Nächstes kommt." Echte Planung beinhalte flexible Antworten auf immer neue Situationen.

Auch Eichhörnchen legen Vorräte an - das ist aber keine Planung, sondern "reiner Automatismus".

Auch Eichhörnchen legen Vorräte an - das ist aber keine Planung, sondern "reiner Automatismus".

(Foto: picture alliance / dpa)

Kabadayi und Osvath untersuchten das Planungsvermögen von Kolkraben (Corvus corax) in vier Versuchsreihen. Fünf von Hand aufgezogene Raben wurden einbezogen, zwei davon Männchen. Zunächst wurde erprobt, ob die Vögel aus mehreren Hilfsmitteln das richtige wählen und beiseite legen konnten, um 15 Minuten später an anderer Stelle eine Belohnung damit zu ergattern. Dabei ging es um einen Stein bestimmter Größe, der, oben in das Rohr einer speziellen Apparatur geworfen, unten ein Leckerli herausfallen ließ. Beim Tausch-Experiment ging es darum, unter je vier Gegenständen wiederholt denjenigen auszuwählen, den ein menschliches Gegenüber später gegen Futter eintauschen würde. Welches das vom Menschen begehrte Stück war, hatten die Tiere zuvor gezeigt bekommen.

Im Großteil der Durchläufe lösten die Raben sowohl die Werkzeug- als auch die Tauschaufgabe korrekt. In Folgeversuchen wurde die Zeit zwischen der Wahl eines Gegenstands und dem möglichen Einsatz auf bis zu 17 Stunden - über die Nacht hinweg - ausgedehnt. Die Erfolgsraten blieben hoch. Den Hang zu effektiver Selbstkontrolle belegte ein abgewandelter Versuch: Parallel zu Werkzeug oder Tauschmittel wurde ein Futterstück zur Auswahl angeboten, das allerdings minderwertiger war als das später durch Werkzeuggebrauch oder Tausch erhältliche. In fast drei Vierteln der Versuche verzichteten die Raben auf den Schnellimbiss und warteten lieber 15 Minuten auf das Festessen.

Bemerkenswerte Selbstkontrolle

Vor allem diese Selbstkontrolle findet der Tübinger Neurobiologe Nieder bemerkenswert. "Das ist eine wichtige Basis für intelligente Entscheidungen: nicht auf alles sofort zu reagieren, sondern einen Schritt zurücktreten und erst mal überlegen zu können, was die sinnvollste Handlung ist."

Konnten die Raben mit dem Werkzeug direkt loslegen, verzichteten sie sogar in allen Fällen auf das kleinere Alternativ-Leckerli. "Die Tiere berechnen die Wartezeit also als Kostenfaktor mit ein", erklärt die österreichische Verhaltensforscherin Alice Auersperg. "Sie entscheiden sich häufiger für das schlechte Futter, wenn das bessere mit einer Wartezeit belastet ist."

Auch Kakadus setzen Werkzeuge ein

Auerspergs Team untersucht am Messerli Forschungsinstitut in Goldegg das Verhalten von Goffin-Kakadus. Auch sie vermögen Werkzeuge einzusetzen. Zurechtgebastelte Hilfsmittel halten sie für Folgeeinsätze mit einem Fuß fest, wenn es mühsam wäre, sie wieder vom Boden zu holen. Außerdem können sie flexibel Entscheidungen zwischen einem Futter und einem Werkzeug treffen - abhängig davon, ob das Werkzeug das richtige ist, um damit an eine bessere Belohnung zu kommen.

Goffin-Kakadus sind auch in der Lage, Werkzeuge einzusetzen.

Goffin-Kakadus sind auch in der Lage, Werkzeuge einzusetzen.

(Foto: imago/Nature Picture Library)

"Dies sowie die Wiederverwendung von Werkzeugen deutet darauf hin, dass Kakadus möglicherweise auch die Kapazität für zukunftsorientiertes Denken besitzen", sagt Auersperg. Ob die Papageien ähnlich wie Kolkraben für die Zukunft planen können, muss allerdings noch geprüft werden. "Wir starten jetzt in diese Richtung", sagt Auersperg. Gewitzt sind die Tiere in jedem Fall: Mehrfach lösten sie lieber die Schrauben der Futterboxen, statt wie vorgesehen Hilfsmittel einzusetzen.

"Manche Arten können mindestens so gut planen wie ein Kind"

Lange Zeit sei angenommen worden, nur der Mensch könne Erinnerungen an vergangene Geschehnisse dazu nutzen, sein Verhalten bei aktuellen und künftigen Ereignissen zu planen, erläutern Markus Boeckle und Nicola Clayton von der Universität Cambridge in einem Kommentar zur "Science"-Studie. Tiere hingegen lebten in einem Strom aktueller Bedürfnisse, unfähig zur Zukunftsplanung. "Studien mit Menschenaffen und Rabenvögeln stellen diese Ansicht infrage und zeigen, dass manche Arten mindestens so gut für die Zukunft planen können wie ein vier Jahre altes Kind."

Auch für andere Tiere wie Delfin und Elefant sei das denkbar, erklärt Foitzik. Die Herausforderung sei, für die jeweilige Art ein passendes Studien-Design zu finden. "Clevere Experimente sind nötig, wenn man herauskitzeln will, welche kognitiven Fähigkeiten Tiere haben", sagt die Mainzer Forscherin.

Auch Orang-Utans planen

Forscher der Universität Zürich fanden vor einiger Zeit heraus, dass auch Orang-Utans im Voraus planen. Männchen teilen Artgenossen mit, in welche Richtung sie am Folgetag ziehen wollen. Die langen Rufe sollen Weibchen zum Mitziehen animieren und andere Männchen abschrecken, hatte das Team um Carel van Schaik im Journal "PLOS One" berichtet. "Unserer Studie macht deutlich, dass wilde Orang-Utans nicht nur im Hier und Jetzt leben, sondern sich die Zukunft vorstellen können und ihre Pläne sogar kommunizieren."

Orang-Utan-Männchen teilen Artgenossen mit, in welche Richtung sie ziehen wollen.

Orang-Utan-Männchen teilen Artgenossen mit, in welche Richtung sie ziehen wollen.

(Foto: dpa)

Doch warum sind manche Tiere smart und andere nicht? Warum hat die Evolution nicht alle Arten so schlau wie möglich gemacht? "Das Gehirn ist energetisch extrem teuer", erklärt Foitzik. "Wenn es nicht unbedingt nötig ist, investiert die Evolution da nichts rein." Flexibles Denken sei nur dann nötig, wenn ein Tier sehr oft mit unerwarteten Ereignissen konfrontiert werde. "Das ist bei Arten der Fall, die in festen Sozialverbänden leben, die ein sehr breites Nahrungsspektrum haben, die langlebig sind."

Vor allem das Netzwerk sozialer Beziehungen sieht die Forscherin als entscheidend an. "Wer hat welchen Rang, wer ist mit wem befreundet, wer beobachtet mich da beim Futterverstecken, und wer ist gut darin, diese bestimmte Nahrung zu finden und ich kann ihm vielleicht was abluchsen."

Neurobiologische Forschung noch am Anfang

Die neurobiologische Forschung stehe noch am Anfang, sagt Nieder. Neben Rabenvögeln, Papageien und Primaten seien auch Kraken und Hautflügler wie die Biene Anwärter auf erstaunliche kognitive Leistungen. "Bienen haben ein Gehirn mit weniger als einer Million Nervenzellen und können trotz dieser geringen Zahl abstrakte Konzepte verstehen." Die Frage, wie die Evolution es geschafft hat, solche Leistungen mit so verschiedenen Nervensystemen zu erzeugen, sei noch weitgehend offen. Klar sei: "Wenn man genau hinschaut, rücken Tiere auf ganz verschiedenen Ästen im Stammbaum ganz nahe zusammen."

Zumindest, dass Rabenvögel so dumm nicht sein können, ist manchem Auto- oder Radfahrer schon aus eigener Erfahrung klar geworden: Manche Krähen schmeißen gezielt Nüsse vor nahende Reifen - in der Hoffnung, die Leckerei mundgerecht zerknackt zu bekommen. Andere werden ganz hibbelig, wenn sich ein Mensch mit angebissenem Brötchen einem Papierkorb nähert. Nicht nur wir beobachten und ziehen unsere Schlüsse, auch umgekehrt ist so manches Urteil - und vielleicht auch Vorurteil - im Umlauf.

Quelle: n-tv.de , Annett Stein, dpa

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