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Konzerne stecken in Zwickmühle Von Start-ups und brennenden Dörfern

Wie einst die Helvetier gehen etablierte Firmen mit einer kompletten Neuausrichtung nach Start-up-Vorbild ein großes Risiko ein.

Wie einst die Helvetier gehen etablierte Firmen mit einer kompletten Neuausrichtung nach Start-up-Vorbild ein großes Risiko ein.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Flache Hierarchien und voller Einsatz für eine einzige neue Idee - viele Großkonzerne liebäugeln mit den Strategien erfolgreicher Start-ups. Ein Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass solch eine Neuausrichtung sehr riskant ist.

Von Start-ups geht eine gewisse Faszination aus. Sie gelten als schnell, innovativ, anpassungsfähig und modern. So wundert es nicht, dass viele Konzernlenker sich auch für ihr eigenes Unternehmen eine Art Start-up-Kultur herbeiwünschen. Daimler-Vorstand Dieter Zetsche beispielsweise fordert mehr Agilität, mehr Entscheidungsfreudigkeit und nennt als Vorbild Start-ups. SAP Co-Chef Jim Hagemann Snabe lässt sich mit folgendem Satz zitieren: "Wir haben einen enormen Schwung. Wir sind wieder wie ein Start-up." Eine Liste ähnlicher Aussagen ließe sich beinah endlos weiterführen. In den Chefetagen etablierter Unternehmen wird fleißig überlegt, wie man sich die positiven Aspekte eines Start-ups zu Eigen machen kann.

Ich arbeite nun seit über 15 Jahren eng mit Start-ups zusammen, habe eigene Firmen gegründet und viele andere Gründungen miterlebt. Dabei kommt man nicht drum herum, sich die Frage zu stellen, woran es liegt, dass Start-ups so vieles schaffen, an dem die Großen scheitern.

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Eine gute Antwort darauf muss vielschichtig ausfallen. Bei Start-ups herrscht oft ein komplett neues Denken. Es existieren flache Hierarchien und damit einhergehend eine vollkommen andere Herangehensweise an die Arbeit. Hierdurch und durch viele weitere Dinge, unterscheiden sie sich stark von den meisten alteingesessenen Firmen. Es ist sicherlich nicht leicht, einfach mal so bestehende Hierarchien aufzubrechen und eine ganze Firmenphilosophie auf den Kopf zu stellen. Unmöglich wäre es aber nicht. Besonders, wenn man sich dadurch den Erfolg und die Agilität eines Start-ups garantieren könnte, wäre die Mühe den meisten Firmen sicher wert.

Start-ups haben nichts zu verlieren

Ganz so "einfach" ist das jedoch nicht. Eine alteingesessene Firma kann sich nicht einfach alle positiven Teilaspekte eines Start-ups aneignen, ohne sich auch die Nachteile mit ins Boot zu holen. Denn einen Punkt darf man nicht unterschätzen: Start-ups haben, im Gegensatz zu etablierten Konzernen, nichts zu verlieren.

Wenn ein Start-up ein neues Produkt launcht oder eine neue Dienstleistung etabliert, ist das Ergebnis meist binär. Entweder es klappt oder es klappt nicht. Wenn es klappt, haben wir eine Erfolgsgeschichte vor uns. Wenn es nicht klappt, geht das Start-up insolvent oder wendet sich einem neuen Geschäftsmodell zu (das nennt sich "Pivoting").

Firmen am Scheideweg

Beim etablierten Konzern ist die Ausgangslage eine ganz andere. Ein großer Teil der Konzerne, die sich jetzt Start-ups annähern möchten, sind entweder bereits sehr erfolgreich oder waren es zumindest eine lange Zeit. Selbst wenn sie aktuell noch sehr rentabel wirtschaften und kein akuter Leidensdruck besteht, müssen sie sich auf die Zukunft vorbereiten. Eine Firma wie Daimler, die im ersten Quartal dieses Jahres vier Milliarden Euro Gewinn gemacht hat, kann in zehn Jahren bereits zu einem Zulieferer degradiert worden sein.

Dieser Gefahr sind sich Firmen bewusst. Diese Spannung zwischen einem aktuell noch funktionierenden Modell und der unsicheren Zukunft führt zu Priorisierungsfragen. Ist es besser, sich auf das "alte", gut laufende, Geschäft zu konzentrieren oder etwas "Neues" aufzubauen und damit in die Zukunft zu investieren? Es gibt unterschiedliche Modelle, um darauf eine Antwort zu finden.

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Oft wird sich externes Know-How ins Unternehmen in Form eines CDO (Chief Digital Officer) geholt. Andere Firmen arbeiten mit Acceleratoren oder investieren in Startups, entweder direkt oder über Venture-Capital-Beteiligungen. Wie auch immer Firmen mit dieser Priorisierungs- und Ressourcenallokationsthematik umgehen, sie müssen sich darüber klar sein, was es wirklich bedeuten würde, "wieder wie ein Start-up zu sein".

Wichtige Standortbestimmungen

Start-ups fangen bei null an, haben nichts zu verlieren und können deshalb alles für ihr Ziel geben, ohne Rücksicht auf mögliche Verluste. Für einen Konzern hingegen wäre es, von praktischen Umsetzungsproblem einmal abgesehen, in den meisten Fällen fahrlässig, sich mit voller Leidenschaft und ganzem Engagement nur auf eine neue Idee oder neue Ausrichtung zu stürzen. Natürlich täten Konzerne gut daran, sich mit Start-ups und der Digitalisierung zu beschäftigen und auch in diesem Bereich eigene Erfahrungen zu machen. Sie sollten deswegen nur nicht glauben, von nun an vollständig wie ein Start-up agieren zu können. Vor allem sollten sie sich fragen, ob dies für sie überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist. Kann es aber nicht doch zumindest für einige etablierte große Unternehmen der richtige Schritt sein, sich so komplett zu verändern und sich radikal vom Alten zu lösen?

Hierzu fällt mir eine Geschichte aus meinem Lateinunterricht ein: Die Anführer der Helvetier, einem kleinen keltischen Stamm, beschlossen eines Tages ihr Siedlungsgebiet, welches in der heutigen Schweiz lag, zu verlassen und sich auf den Weg an die wirtlichere, französische Atlantikküste zu machen. Sie wussten, dass der Weg dorthin beschwerlich werden würde, denn dort erwarteten sie Römer und weitere, feindliche gallische Stämme. Dementsprechend waren nicht alle Helvetier von der Idee begeistert, die Heimat hinter sich zu lassen. Um sicherzustellen, dass alle zusammen aufbrachen und niemand zurückblieb, entschloss sich die Führung für einen radikalen Weg. Sie packten all ihr Hab und Gut zusammen und setzten ihre Dörfer und Felder in Flammen, so dass es nichts mehr gab, zudem man zurückkehren konnte.

Für Konzerne wäre das Äquivalent dazu, ihr eigenes altes Geschäft radikal anzugreifen und aufzugeben, auf kurzfristige Gewinne zu verzichten und das Risiko einzugehen, komplett zu scheitern und am Ende ohne alles dazustehen. Das Helvetier-Beispiel ist aus meiner Sicht ein interessantes Denkmodell, um zu überprüfen, wie sehr man etwas wirklich will und ob man dafür auch bereit ist, bereits Vorhandenes aufzugeben.

Wen der Ausgang der Geschichte interessiert: die Römer stoppten die Helvetier gemeinsam mit den gallischen Stämmen. Die Überlebenden wurden zurück in die heutige Schweiz geschickt, wo sie wieder von Null beginnen mussten.

Quelle: n-tv.de


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