Startup News

Alles-neu-machen-Gequatsche Der Innovations-Overkill ist da

Von Martin Kaelble, Capital

Hat Paypal und Tesla gegründet: Elon Musk.

Hat Paypal und Tesla gegründet: Elon Musk.

(Foto: AP)

Der Alles-neu-denken-Hype hat seinen Zenit erreicht. Die unbequeme Wahrheit: Konferenzen machen aus uns noch lange keine Elon Musks.

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine Konferenz zum Thema Innovation in diesem Land stattfindet. Kein Tag, an dem man nicht irgendwo das Wort Disruption oder Digitalisierung liest. In einem Buzzword-Ranking würden die drei Wörter derzeit das Treppchen unter sich ausmachen.

Bald dürfte wirklich jedes größere Unternehmen eine Digital-Konferenz veranstaltet oder ein Kreativ-Lab etabliert haben. Kein Zweifel: Der Innovations-Hype ist in vollem Gange. Genau genommen hat er seinen Peak längst erreicht. Und ich bin mir ziemlich sicher: viele Manager haben langsam die Nase voll von dem ganzen Alles-Neu-Machen-Gequatsche.

Damit droht eine gefährliche Phase: Man kann das Wort nicht mehr hören. Doch gleichzeitig ist es nicht weniger wichtig geworden, sich damit auseinanderzusetzen.

Denn es gibt ja gute Gründe, warum das Thema so heiß ist. Der Digitalisierung kann keiner entkommen. Und im Mittelpunkt der Adaption steht – wie wir tausendfach gelernt haben – die Offenheit für Wandel und das Sprudeln neuer Ideen.

Digitalisierung rüttelt an der bequemen Wirtschaftswelt

Das Problem: Bei Innovations-Konferenzen sprudelt leider meist nur der Champagner bei der After-Party. War man bei einer, kennt man sie alle. Das Buzzword-Bingo hat Unterhaltungswert, aber nur selten Nutzwert. Die Folge: Der Innovations-Overkill ist da.

Wir können ganz viele Bücher schreiben, Vorträge halten, lustige Kreativspiele spielen ... ja, und Kolumnen schreiben. Der durchschnittliche Deutsche liebt aber nun einmal nichts mehr als seine gewohnte Routine. Wenn es nach ihm geht, mögen bitte alle Dinge so bleiben wie sie sind.

Stuttgart 21 bringt hierzulande halt mehr Bürger auf die Straße als eine schwache Breitband-Infrastruktur.

Und nun rüttelt diese freche Digitalisierung unverschämterweise an der bequemen deutschen Wirtschaftswelt, die doch jahrelang so gut funktioniert hat. Früher mussten wir alle pünktlich, ordentlich, sparsam sein. Heute sollen wir nun vor allem eines sein: innovativ. Wir sollen ständig alles infrage stellen, anders machen, quer, neu und in die Zukunft denken.

Die unbequeme Wahrheit ist: Viele Menschen wollen das einfach nicht. Man ist hierzulande überragend in kleinen perfektionistischen Verbesserungen. Aber in radikalen Umwälzungen und Moonshot-Ideen? Ich fürchte, dafür fehlt vielen der Mut. Und da kann man dann noch so viel über das Thema philosophieren, bis es den Leuten zu den Ohren wieder rauskommt.

Deutschland wird so schnell keine Disruptions-Republik

Nehmen wir Elon Musk. Hat der ein Kreativ-Seminar besucht und dann Paypal gegründet? Eher nein. Ist die Idee zu Tesla bei einer Konferenz zur Disruption der Autobranche entstanden? Vermutlich nicht.

Elon Musk macht Cargo-Transporte ins All, will den Mars bevölkern, eine Hyper-Hochgeschwindigkeits-Röhre quer durch Kalifornien bauen. Der deutsche Elon Musk hingegen heißt Oli Samwer. Und der baut... Essens-Lieferdienste.

Indem wir die ganze Zeit über Innovation reden, wird aus Deutschland so schnell keine Disruptions-Republik. So etwas lernt man nicht auf Konferenzen. Man hat es im Blut. Man muss es leben, machen.

Immerhin bleibt aber ein kleiner Trost: Wir sind vielleicht nicht so gut darin, Mega-Visionen für die Kolonisierung des Weltraums zu entwickeln. Aber Konferenzen, Beratung und Messen – das können wir. Und wenn schon keine Crazy-Elon-Musk-Start-ups entstehen, dann vielleicht zumindest eine Innovationsindustrie, die gutes Geld mit Vorträgen, Konferenzen und Workshops zum Thema Innovation verdient. Ist doch auch was.

Dieser Text erschien zunächst bei "Capital".

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema