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Das Geschäft mit Wein So kämpfen Winzer ums Überleben

Die Preise sind im Keller, der Druck aus dem Ausland ist groß. In Deutschland müssen immer mehr Weingüter schließen oder ihre Anbauflächen verkaufen. Grund dafür ist aber nicht etwa, dass Wein weniger beliebt ist.

Juliane Eller schwenkt ihr Weinglas und blickt über ihre Rebstöcke. Auf einer rund 20 Hektar großen Fläche erstrecken sie sich am Ortsausgang von Alsheim. Das Dorf mit 3000 Einwohnern liegt in Rheinhessen, dem größten Weinanbaugebiet Deutschlands. 1960 gründet hier ihr Großvater das Weingut Eller. Seitdem ist es in Familienbesitz.

Mit nur 23 Jahren hat sie den Betrieb nach ihrer Ausbildung zur Winzerin übernommen. Das war 2013. "In den vier Jahren ist einiges passiert. Es fängt bei den Rebsorten an. Meine Eltern hatten früher 25 verschiedene Arten. Jetzt haben wir nur noch fünf Sorten in sechs Weinen. Unser Angebot haben wir also sehr gestrafft", sagt sie n-tv. Was sich im Vergleich zu früher nicht verändert hat: Das Weingut produziert noch immer Qualitätsweine.

Dass Eller den Familienbetrieb ihres Großvaters übernehmen konnte, ist nicht selbstverständlich. Seit 1975 sind über die Hälfte der deutschen Weingüter verschwunden. Der Grund: Für den Erfolg ist eine gewisse Masse notwendig. Viele kleinere Betriebe unter fünf Hektar mussten sich deshalb entweder zusammenschließen oder ihre Anbaufläche verkaufen. "Meine Eltern haben damals nur Fassweine produziert. Ich habe aber von Anfang an gesagt, ich will wissen, wofür ich jeden Tag im Weinberg stehe und am Ende etwas in der Hand haben. Ich will meine Ernte nicht an Großkellereien verkaufen, sondern meinen Wein jemandem einschenken können", sagt Eller.

Gegenwind aus dem Ausland

Der Fassweinmarkt bereitet vielen Winzern Sorgen. Die Preise sind im Keller. Viele können die Kosten der Produktion nicht mehr decken. "Einige Betriebe konzentrieren sich ausschließlich auf den Fassweinmarkt. Weil sie in großen Massen produzieren, können sie ihre Weine zu günstigeren Preisen produzieren", sagt auch Weinexperte Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut.

Im Schnitt trinken die Deutschen im Jahr mehr als 20 Liter Wein pro Kopf und geben dafür insgesamt 12,3 Milliarden Euro aus. 2016 kostet der Liter Wein im Supermarkt oder Discounter nach Angaben des deutschen Weininstituts knapp drei Euro. Weine aus Deutschland schlagen mit 3,20 Euro ein bisschen mehr zu Buche. Für einen heimischen Wein direkt vom Winzer oder aus dem Fachhandel müssen Kunden 6,72 Euro bezahlen.

Deutsche Kunden sind nicht bereit, viel Geld für Wein auszugeben. Dabei steckt im Weinanbau eine Menge Arbeit. Zudem bekommen die Winzer Konkurrenz aus dem Ausland. "Deutschland ist das größte Weinimportland der Welt. Mit den Preisen aus dem Ausland können wir gar nicht konkurrieren", sagt Büscher.

Saisonarbeiter unterstützen Eller

In Alsheim setzt Eller bewusst auf hochpreisige Weine. Ihre Juwel-Weine stehen lediglich in ausgewählten Fachhandlungen. Sonst verkauft sie ihren Wein nur direkt auf dem Weingut oder im Internet. Wie viele andere Winzer wäre Eller ohne die Unterstützung ihrer Familie aufgeschmissen: Vater Thomas packt im Weinberg mit an, Mutter Ingrid macht die Buchhaltung, Oma Kathrin kocht für alle und Ellers Schwester kümmert sich um den Export.

Auch drei Saisonarbeiter aus Polen unterstützen die inzwischen 27-jährige Chefin. Saisonkräfte aus der Umgebung zu finden ist schwierig, vor allem weil Eller keine Maschinen im Weinberg einsetzen will. "Ich war von Anfang an überzeugt davon, dass ich meinen Wein mit der Hand lesen will. Aber dafür brauche ich Personal – und das ist uns reihenweise weggebrochen, weil diese Arbeit keiner mehr machen will", sagt sie. Ende Juni schaffen die Männer die Arbeit noch zu dritt – im Herbst zur Weinlese kommen andere polnische Helfer dann teilweise mit ihrer gesamten Familie nach Alsheim.

In Hochzeiten arbeiten inklusive Saisonarbeiter rund 120.00 Menschen in Deutschland für den Weinbau. Denn in den Weinbergen ist immer etwas zu tun. In den ersten zwei Monaten des Jahres müssen Erntehelfer die Reben stutzen. Von März bis Mai den Boden pflegen und in den heißen Monaten von Juni bis August unerwünschte Triebe entfernen, die Reben in Form bringen und entblättern. Wenn der Zuckergehalt stimmt, beginnt dann ab September die Traubenlese. Anschließend wird der Wein gekeltert und in Flaschen gefüllt. Im Jahr 2016 haben deutsche Winzer insgesamt 9,1 Millionen Hektoliter Wein geerntet.

Neue Vermarktungswege

Obwohl sich die gesamte deutsche Exportmenge seit 2008 mehr als halbiert hat, macht Eller damit ein gutes Geschäft. "Unser Export ist eher zufällig durch Social Media zustande gekommen. Wir hätten nie gedacht, dass Kanäle wie Facebook oder Instagram eine so große Aufmerksamkeit erregen", sagt Eller und findet das immer noch ein bisschen "wahnsinnig".

Die Vermarktung der Weine ist aktuell für Winzer das größte Problem. Die hohen Preise, die veränderten Käufergewohnheiten und neue Vermarktungswege machen vielen zu schaffen. Nur knapp über die Hälfte der deutschen Weingüter sind auf Facebook, Instagram und Co. vertreten. "Der Generationswechsel bringt einen enormen Innovationsschub in die ganze Branche. Freche Etiketten und innovative Vermarktungskonzepte sind eine wichtige Bereicherung für die deutsche Weinwirtschaft", sagt Büscher.

Eller hat diesen Trend erkannt. Sie arbeitet jetzt mit Schauspieler Matthias Schweighöfer und dem Moderator Joko Winterscheid zusammen. Beide produzieren gemeinsam mit Eller einen eigenen Wein, den sie dann mit Hilfe der 3,5 Millionen Fans von Schweighöfer und Winterscheid über Social Media promoten –  von dieser neuen Käufergruppe kann sie nur profitieren.

Hier gelangen Sie zum n-tv extra "Das Geschäft mit Wein".

Quelle: n-tv.de


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