Wirtschaft

Industrie lebt von freiem Handel Wen der Brexit am schlimmsten trifft

Die Industrie im Königreich ist alarmiert. Nicht nur Airbus fürchtet um eine wichtige Produktionsstätte. Hier ein Flügel für eine A380, produziert in Wales.

Die Industrie im Königreich ist alarmiert. Nicht nur Airbus fürchtet um eine wichtige Produktionsstätte. Hier ein Flügel für eine A380, produziert in Wales.

(Foto: REUTERS)

Internationale Konzerne wie BMW, Airbus und Coca-Cola sind wichtige Arbeitgeber in Großbritannien. Ein Großteil ihrer Waren geht in die EU. Paradoxerweise haben die Menschen dort, wo deren Fabriken stehen, für den Brexit gestimmt.

Die Brexit-Vereinbarung, um die London und Brüssel ab Montag ringen werden, wird die Wirtschaft Großbritanniens schwer auf die Probe stellen. Je härter der Deal, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich viele internationale Konzerne aus Großbritannien zurückziehen werden. Tausende Arbeitsplätze würden dadurch möglicherweise vernichtet. Paradoxerweise würden der Wirtschaft ausgerechnet die Menschen den größten Schlag versetzen, die in den industriellen Hochburgen leben und arbeiten, wie aus einer Bloomberg-Studie hervorgeht.

Den größten Schaden wird ein harter Brexit demnach in drei Regionen anrichten: in den britischen Midlands um Birmingham herum, im Nordosten rund um Sunderland und im alten, britischen Rostgürtel bei Liverpool. Traditionell wählen die Menschen hier Labour. Es sind die Regionen mit den niedrigsten Durchschnittseinkommen und den meisten Arbeitslosen. Doch ausgerechnet hier, wo die Fabriken von Siemens, Nissan oder Nestlé stehen, haben die Menschen überwiegend für den EU-Austritt gestimmt, zeigt die Analyse. Dabei ist der zollfreie Warenverkehr mit der EU die Geschäftsgrundlage der Unternehmen. Ist die nicht mehr garantiert, ist die Zukunft der Konzerne und der Menschen, die für sie arbeiten, ungewiss.

Zölle töten den Lebensnerv

Laut Bloomberg setzen alle großen Branchen zusammen - Autohersteller, Produzenten von Flugzeugteilen, Kartoffelchips oder Medikamenten - 80 Milliarden Pfund (gut 100 Milliarden Dollar) in Großbritannien um. Sie geben über 200.000 Menschen Arbeit. Ob Nestlé, Pfizer oder Hitachi - die meisten der Konzerne betreiben im Schnitt mindestens vier Fabriken im Königreich.

Die Region um Sunderland im Nordosten zum Beispiel ist die Heimat von Nissan, Coca-Cola, General Electric und Siemens. Über 70 Prozent ihrer Waren gehen in andere EU-Staaten. Auch die Industrie in Derbyshire oder Birmingham in den östlichen Midlands muss um ihre Zukunft fürchten. Hier baut Bombardier seine Züge, Toyota und BMW fertigen ihre Autos und Mondelez International produziert seine Cadbury-Schokoladenriegel. In einigen Teilen der Midlands, dem traditionellen Zentrum der britischen Kohleförderung und der Industrie, arbeitet jeder Vierte in der Produktion.

Auch für Nord-Wales und den angrenzenden Rostgürtel bei Liverpool ist der zollfreie Handel der Lebensnerv. Exportorientierte Konzerne wie die Autobauer Ford oder Tata Motors (Jaguar und Land Rover) und der Lebensmittelkonzern Unilever sind hier beheimatet. Laut Bloomberg werden zwei Drittel der walisischen Produktion in die Europäische Union exportiert.

"Atmen durch einen Strohhalm"

Airbus produziert in Wales annähernd alle Flugzeugflügel für zivile Maschinen und liefert sie danach von dort nach Frankreich oder Deutschland. Sollte das Vereinigte Königreich den Binnenmarkt verlassen und kein Freihandelsabkommen mit der EU erreichen, werden die daraus resultierenden Handelsbeschränkungen diese Lieferketten verändern. "Sie können nicht operieren, wenn sie durch einen Strohhalm atmen", brachte es der Einkaufsvorstand von Airbus, Klaus Richter, im April auf den Punkt.

Dass die Industrie durch den Brexit Schaden nehmen wird, wird an der Autobranche besonders deutlich. Sie hat sich gerade erst zurückgekämpft: Erstmals seit den 1970er Jahren exportiert sie wieder mehr Autos, als ins Land eingeführt werden. Rund 1,7 Millionen Fahrzeuge wurden im vergangenen Jahr in Großbritannien produziert, schreibt Bloomberg. Das ist so viel wie seit 17 Jahren nicht mehr. Die Hälfte der Autos wurde in andere EU-Staaten ausgeführt.

Nissan und Toyota bekannten sich zwar zu ihren Fabriken in Derbyshire. Ob sie hier zukünftig aber noch neue Modelle vom Band laufen lassen, ließen sie offen. "Der zollfreie Handel zwischen Großbritannien und Europa entscheidet über den zukünftigen Erfolg", erklärte der Europa-Chef von Toyota, Johan von Zyl, im März. Peugeot will seinen Arbeitern in Vauxhall zumindest eine Chance geben. Ford dagegen macht eine Jobgarantie für seine 10.000 Beschäftigten klar von einem Freihandelsabkommen nach dem EU-Austritt abhängig. 

Investitionen drohen abzuwandern

Auch der kleine, britische Sportwagenbauer Aston Martin sieht, dass Großbritannien ungewissen Zeiten entgegensteuert. Unternehmenschef Andy Palmer fand deshalb deutliche Worte: Er forderte die britischen Politiker auf, schnell für Klarheit in Sachen Zukunftssicherheit für Investitionen zu sorgen. Das berichteten jüngst "Automotive News Europe" und die "Automobilwoche".

"Wir können die Bedeutung schneller und entschiedener politischer Entscheidungen nicht genug betonen", sagte Palmer. Nur diese würden sicherstellen, dass "die Wirtschaft weiterhin investieren kann, was die Voraussetzung für Wachstum und die weltweite Wettbewerbsfähigkeit der britischen Wirtschaft ist", zitierte die "Automobilwoche" Palmer. Seine Worte sind eine Drohung: Ohne politische Stabilität werden Investitionen in andere Länder wandern.

Dass die britische Premierministerin Theresa May bei den Parlamentswahlen eine Schlappe eingesteckt und damit die Unterstützung für ihre harten Brexit-Pläne verloren hat, ist ein Hoffnungsschimmer für die Industrie - und die Briten.

Quelle: n-tv.de

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