Wirtschaft

Maßgeschneiderte Arbeitszeiten Mit der 28-Stunden-Woche ist es nicht getan

Intelligente Arbeitszeitmodelle sind gefragt. Sie müssen für die Arbeitnehmer und ihre Betriebe passen.

Intelligente Arbeitszeitmodelle sind gefragt. Sie müssen für die Arbeitnehmer und ihre Betriebe passen.

(Foto: dpa)

Eine Zeit lang weniger arbeiten, aber den Vollzeitjob behalten - die Tarifforderung der IG Metall trifft den Nerv der Zeit. Die Arbeitgeber schäumen. Dabei zwingt sie allein die Demografie zu flexibleren Arbeitszeitmodellen.

Die IG Metall fordert eine befristete 28-Stundenwoche und sechs Prozent mehr Geld. Wie vor 33 Jahren, als die 35-Stunden-Woche erstmals zum Thema wurde, sehen die Arbeitgeber rot. Möglicherweise haben sie nicht verstanden, um was es hier eigentlich geht.

Sicherlich würde eine 28-Stunden-Woche vielen Arbeitnehmern gefallen. Doch die aktuelle Forderung ist etwas anderes als das "Samstags gehört Vati mir" wie es auf den Gewerkschaftsfahnen der 50er Jahre stand. Damals ging es um weniger Arbeit bei gleichem Lohn. Heute geht es um die Freiheit der Arbeitnehmer selber zu bestimmen, wann sie wie viel arbeiten.

Eine reduzierte Wochenarbeitszeit müssen sich Menschen erstmal leisten können. Denn die IG Metall fordert ja nicht weniger Arbeit beim gleichen Geld, sondern mehr Flexibilität, um beispielsweise kranke Eltern oder Kinder zu betreuen. Und die 200 Euro monatlich, die in Form eines Zuschlags vom Arbeitgeber gezahlt werden sollen, werden für viele kaum einen Unterschied machen. Dass Massen von Arbeitnehmer nun lieber zuhause bleiben, ist durch den Vorschlag nicht zu erwarten.

Auch bei der damals viel gefürchteten 35-Stundenwoche ging die Welt entgegen den Prognosen der Arbeitgeber nicht unter. Die deutsche Metallbranche hat ihre Wettbewerbsfähigkeit bis heute nicht eingebüßt. Und wenn jemand seine Arbeitszeit reduzieren möchte, kann er das schon heute tun. So sieht es der Manteltarifvertrag vor. Außer, es sprechen wichtige betriebliche Gründe dagegen. Tatsächlich finden viele Betriebe aber auch dann eine Lösung.

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Neu ist an der IG-Metall-Forderung lediglich, dass der Arbeitnehmer nach zwei Jahren das Recht bekommen soll, in seinen Vollzeitjob zurückzukehren. Das ist es, was Arbeitgeber schäumen lässt - abgesehen von der Forderung nach mehr Geld, die aber hier mal außen vor bleiben kann, weil sie in jeder Tarifrunde kommt. Der Anspruch auf Rückkehr in die Vollzeit sollte aber nicht das Problem sein.

Flexibilität auf Augenhöhe

Dass Arbeitnehmer von ihren Firmen mehr Unterstützung bei der Gestaltung ihrer Lebensarbeitszeit einfordern, ist längst überfällig. Schließlich profitieren die Unternehmen schon lange von der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts durch Minijobs, Kurz- und Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit und befristete Kettenverträge. Zudem wäre mehr Flexibilität drin, weil es der Wirtschaft gut geht. Der Anreiz für die Arbeitnehmer, sich ohne Jobsorgen zwei Jahre lang etwas zurückziehen zu dürfen (wir reden nicht von einem oder zwei Sabbatjahren) sorgt für Augenhöhe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Außerdem weiß auch die IG Metall, dass sich die 28-Stunden-Woche nicht einfach auf alle Sparten übertragen lässt. In der Metallindustrie sind die Auftragbücher voll, in der Fertigung fehlt es an Fachkräften. Flexiblere Arbeitszeiten bergen hier in der Tat "Sprengstoff", wie der Hauptgeschäftsführer des Verbands der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (vbm) Bertram Brossardt sagt.

Auch die Gewerkschafter kennen die demografische Pyramide und die damit einhergehenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Laut Arbeitsmarktprognose der Regierung wird die Zahl der Erwerbspersonen bis 2030 um 2,9 Millionen auf 40,8 Millionen sinken. Gleichzeitig wird die Zahl der Erwerbstätigen um 1,4 auf 39,2 Millionen zurückgehen.

Strömung und Gegenströmung

Profitieren werden davon Ältere und Frauen. Nach und nach werden 0,9 Millionen Menschen (ganz überwiegend Frauen) die Möglichkeit haben, aus ihrer Teilzeit in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln. Zur Forderung nach mehr Freizeit gibt es in der Realität also eine klare Gegenströmung: Menschen, die heute nicht voll zum Zuge kommen, werden morgen möglicherweise ihre Chance bekommen, Vollzeit zu arbeiten, Karriere zu machen oder auch noch mal den Beruf zu wechseln - einfach weil Arbeitnehmer händeringend gesucht werden. Diese Menschen werden sich wohl nicht auf die Hinterbeine stellen und auf die 28-Stunden-Woche pochen. Das Arbeitsleben ist keine Einbahnstraße.

Nur an einem Punkt reibt sich die Industrie vielleicht zurecht: Die IG Metall will Unternehmen in die Pflicht nehmen, Kompensationszahlungen zu leisten, für die eigentlich der Staat zuständig sein wollte. Die Gewerkschaft nimmt sie in die Pflicht, wo der Gesetzgeber versagt. Die Unternehmer sollen dafür aufkommen, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gegebenenfalls Kinder oder kranke Familienangehörige betreuen oder pflegen.

Letztlich verknüpft die IG Metall mit ihrem Vorstoß zwei Dinge: Die sozialpolitische Forderung zum Beispiel nach finanzieller Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen und das Recht der Arbeitnehmer auf die gleiche Flexibilität bei den Arbeitszeiten, wie sie die Arbeitgeber bereits haben. Es ist richtig, diese Debatten anzustoßen. Aber dazu hätte es auch gehört, die Überstunden zu thematisieren, die Arbeitnehmer vor sich herschieben. Viele Arbeitnehmer wünschen sich weniger eine Reduzierung auf 28 Stunden die Woche, als die Einhaltung der regulären Wochenarbeitszeit.

Quelle: n-tv.de

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