Wirtschaft

In-Vitro-Fleisch Kommt das Rind bald aus der Retorte?

(Foto: REUTERS)

Jedem sein tägliches Steak – so wünschen es sich viele Deutsche. Doch um die Fleischeslust zu stillen, brauchen wir Alternativen.

Noch in den 1950er-Jahren gab es den saftigen Braten nur am Sonntag, Wurstwaren kamen selten aufs Brot. Heute sorgt das in Massen produzierte und verzehrte Fleisch für große Probleme. Zum hohen Flächenverbrauch kommt die enorme Umweltbelastung durch Pestizide und Fungizide, die man für das pflanzliche Futter der Tiere auf die Ackerflächen versprüht.

In Zahlen ausgedrückt: 70 Prozent der in den USA jährlich verbrauchten Antibiotika gehen in die "Beef"-Produktion, damit die Tiere "gesund" bleiben. Gut 15.000 Liter Wasser sind nötig, um ein Kilo Rindfleisch herzustellen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass der Fleischkonsum bis 2030 um zehn Prozent steigt. Was tun?

Jetzt kommen alternative Proteinlieferanten wie In-Vitro-Fleisch ins Spiel. Die Firma "Memphis Meats" verkündete jüngst, künstliches Enten- und Hühnchenfleisch in petto zu haben. Neben den USA kümmern sich "Mosa Meat" in den Niederlanden und die israelische Firma "Supermeat" um die Idee, auch künstliches Rindfleisch zu produzieren.

Das Fleisch der Zukunft?

Bereits vor drei Jahren gelang es Forschern, Rindfleisch aus Stammzellen zu züchten. "Im Muskelgewebe finden sich Stammzellen, die Schäden am Muskel reparieren. In Brutkästen wachsen und vermehren sich jene Zellen in einem Nährmedium, gewonnen aus dem Blut ungeborener Kälber. Im zweiten Schritt reifen die Zellen in einem Gel-Medium zu Minimuskeln. Damit die heranwachsen können, wird das Gewebe mit elektrischen Impulsen oder mechanisch stimuliert", sagt Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Experten wie er rechnen in bis zu zehn Jahren mit einer flächendeckenden kommerziellen Produktion, falls "die Prozesse bis dahin in großen Mengen in Bioreaktoren ablaufen". Neben den Kosten scheint auch die industrielle Produktion die Crux zu sein. Zum Markteintritt sagt Andrzej Pazgan von der NGO Peta: "Marc Post präsentierte 2013 den ersten In-Vitro-Burger. Er gibt an, dass die ersten Produkte in drei bis vier Jahren auf dem Markt sind. Seiner Ansicht nach wird sich der Preis dann auf circa zehn bis zwölf Euro pro Burger belaufen. Vielleicht sehen wir also die ersten künstlichen Rinderfilets eher im Gourmet-Tempel - und erst viel später beim Discounter.

Eine weitere Frage bleibt spannend: Überwiegen die Vorteile beim Fleisch aus der Retorte - oder die Nachteile? Von Peta heißt es: "Wir sehen die Produktion von 'kultiviertem' Fleisch als eine sinnvolle Entwicklung. Obwohl der Fleischkonsum bei uns rückläufig ist, gilt Fleisch für viele Menschen immer noch als wichtiger Bestandteil der Ernährung. Die Möglichkeit, Fleisch ohne die desaströsen Auswirkungen für die Tiere zu produzieren, schafft die Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft." Und weiter: "In Fleisch aus Mastanlagen wurden immer wieder Rückstände von Antibiotika und Belastungen mit multiresistenten Keimen festgestellt. Kultiviertes Fleisch wird in einem kontrollierten Umfeld hergestellt, und diese Problematik wird in dem Falle voraussichtlich nicht gegeben sein".

Wissenschaftler der Oxford University berechneten in einer Studie, wie stark Fleisch aus dem Labor die Umweltbelastungen senkt. Ergebnis: Je nach Tierart benötigt die Herstellung des alternativen Fleisches bis zu 45 Prozent weniger Energie und bis zu 96 Prozent weniger Wasser. Treibhausgas-Emissionen werden sehr deutlich - und die erforderliche Nutzfläche auf nur noch ein Prozent - reduziert, wenn man als Vergleich die bisherige landwirtschaftliche Tierhaltung zugrunde legt. Auch weniger Regenwald fällt den Kettensägen zum Opfer, weil weniger Flächen benötigt werden. Die Rodung des wertvollen Habitats, das heute zu Weiden umfunktioniert wird, entfällt.

Dennoch benötigt das Kunstfleisch in der Produktion Strom. Baut man dafür neue Kraftwerke, die durch ihre Emissionen die Umwelt schädigen? Es scheint so, als ob die Vorteile überwiegen. "Das Fleisch wird ohne das enorme Tierleid in den Mast- und Zuchtanlagen, Transport und bei der Schlachtung hergestellt. Das Verfahren – sobald es etabliert ist - kann potentiell das Leben von Milliarden von Tieren retten", sagt Pazgan. Außerdem kommen bei der Produktion von kultiviertem Fleisch keine gentechnischen Verfahren zum Einsatz.

Fleischkonsum als Statussymbol

Fraglich bleibt, ob die Verbraucher und die Gesellschaft das neue Produkt akzeptieren. Boykottaktionen vor den Supermärkten würden es den Herstellern schwer machen, die Ware schnell auf dem Markt zu etablieren. Fachmann Burdick hat aus einem anderen Grund weiter leichte Zweifel an der Innovation: "Technische Lösungen wie Kunstfleisch sind nicht geeignet, um den Hunger zu reduzieren. Die weltweite Verteilung von Lebensmitteln muss verbessert werden. Wer weniger Fleisch isst, leistet bereits jetzt einen wichtigen Beitrag für die eigene Gesundheit - und für den Ressourcenschutz."

Zur Sicherheit und Risikoabschätzung von "In-vitro-Fleisch" liegen zu wenige Daten vor. Vielleicht wäre das also die Lösung: Den eigenen Fleischkonsum ein wenig zu zügeln. Ein frommer Wunsch, wenn man sich die weltweite Entwicklung betrachtet. Immer mehr Menschen schaffen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg in die Mittelschicht. So gilt es in Brasilien, Indien oder China als Zeichen des eigenen Erfolgs, zur Mittagspause bei Burgerbratern einzukehren. Und: So lange sich daran nichts ändert oder ein echtes Umdenken beginnt, liegt die Zukunft dann vielleicht doch im Fleisch aus der Retorte.

Quelle: n-tv.de

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