Wirtschaft

Kein Exodus nach dem Brexit? Kabelsalat bremst Bankenflucht aus London

Trotz Brexit wird London wohl dank seiner Lage ein globales Handelszentrum bleiben.

Trotz Brexit wird London wohl dank seiner Lage ein globales Handelszentrum bleiben.

(Foto: REUTERS)

Ein kaum beachtetes Technikproblem könnte nach Großbritanniens EU-Austritt die Massenflucht der Banken verhindern: Frankfurt, Paris und Zürich haben keinen vergleichbaren Zugang zu ultraschnellen Glasfasernetzen für den Computerhandel.

Seit dem Brexit-Votum geht in der Londoner City ein Schreckgespenst um: Die Banken könnten nach dem EU-Austritt Großbritanniens Tausende Jobs auf den Kontinent verlagern, um ihren Zugang zum Binnenmarkt zu erhalten. Brüssel schürt die Angst gezielt mit Gesetzesattacken: Die Geldhäuser sollen ihre Handelsgeschäfte bald der EU-Kontrolle unterwerfen. Doch trotz aller Hiobsbotschaften gibt es Hoffnung für den Finanzplatz London: Beim Wechsel auf den Kontinent droht den Banken ein beispielloser Kabelsalat.

Denn London hat etwas, das Frankfurt, Paris oder Zürich bislang fehlt: direkter Zugang zu ultraschnellen Glasfasernetzen, die heute entscheidend für den globalen Computerhandel sind. Die Großbanken dürften daher auch nach dem EU-Austritt nur ungern aus der City abwandern, selbst wenn sie es wollen, räumt die Europäische Zentralbank (EZB) in einer neuen Studie ein: "Großbritanniens Vorteil als Handelsknotenpunkt dank der Glasfaserkabel und die Trägheit der ansässigen Institutionen deuten darauf hin, dass jede Abwanderung von Handelsgeschäften, wenn überhaupt, allmählich stattfinden würde."

84 Prozent aller weltweiten Euro-Devisengeschäfte werden laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) außerhalb der Eurozone abgewickelt. Der Löwenanteil läuft über Großbritannien (43 Prozent), die USA (19 Prozent) und Singapur (7 Prozent). Nur 16 Prozent des Euro-Handels findet auch in der Eurozone statt. Ein Grund dafür ist Londons Lage: "Unterwasser-Glasfaserkabel bieten Finanzplätzen in der Nähe des Ozeans einen Wettbewerbsvorteil, weil sie direkt mit dem Rückenmark des Internets verbunden sind, zum Nachteil von landumgebenen Städten wie Zürich".

Internet-Kabel könnten Londons Rettung sein

Unweit der Londoner City kommen an der britischen Westküste in Crooklets Beach, Sennen Cove und Highbridge die wichtigsten Unterseekabel des globalen Internets an. Laut einer früheren EZB-Studie haben die Leitungen Londons Anteil am weltweiten Devisenhandel um bis zu einem Drittel erhöht.

Die Glasfasernetze könnten nun die Rettung für den Finanzplatz London sein. Denn wenn sie nach dem Brexit auf den Kontinent umziehen sollten, müssten für die Geldhäuser vergleichbare Zugänge an die Hauptadern des Handels im Atlantik gelegt werden. Für Paris, Amsterdam oder Brüssel ist das denkbar, für Frankfurt, Zürich oder Madrid dagegen schon weniger.

Der weltweite Devisenmarkt ist mit über fünf Billionen Dollar täglich der größte Markt überhaupt, ein globales Casino, das rund um die Uhr geöffnet hat. Milliarden werden darauf in Millisekunden zwischen Kontinenten verschoben. Geschwindigkeit ist dabei entscheidend: "Kabelverbindungen zwischen lokalen Märkten und den Servern in den Finanzzentren senken die Fixkosten im Devisenhandel und erhöhen den Marktanteil", hieß es schon 2016 in einer EZB-Untersuchung.

Der Großteil des Devisenhandels werde deshalb in den drei Finanzzentren abgewickelt, wo seit den 90er-Jahren die Server der wichtigsten Handelssysteme EBS und Thomson Reuters stehen: London, New York und Tokio. Selbst die europäische Mehrländer-Börse Euronext (Paris, Lissabon, Amsterdam und Brüssel) hat ihre Server am östlichen Stadtrand von London in Basildon, unweit der britischen Küste.

Bei den technischen Dienstleistern ist bislang keine Massenflucht spürbar. "Der Großteil der entscheidenden Infrastruktur für den Handel von Devisen, Aktien und Derivaten ist in einem Radius von 30 Meilen um die City verteilt", schreibt die britische "Financial Times". Trotz des drohenden Brexits hätten einige der größten Datenzentren, die das IT-Equipment für Banken und Hochfrequenzhändler bereitstellen, für dieses Jahr Kapazitätserweiterungen angekündigt, um mit dem steigenden Bedarf von Investoren in Asien und den USA Schritt zu halten.

Quelle: n-tv.de


Mehr zum Thema