Wirtschaft

Essenslieferdienste an der Börse Food-Firmen sind mit Vorsicht zu genießen

Die Vorzeichen für den Börsengang von Delivery Hero sind gut. Ein gesundes Maß an Skepsis ist dennoch geboten.

Die Vorzeichen für den Börsengang von Delivery Hero sind gut. Ein gesundes Maß an Skepsis ist dennoch geboten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Immer mehr Essenslieferanten wollen an die Börse. Neuzugänge wie Vapiano oder Delivery Hero finden bei Anlegern reißenden Absatz. Doch an der Börse werden nicht nur Erfolgsgeschichten geschrieben, sondern auch Illusionen verkauft.

Die Restaurantkette Vapiano hat es am Dienstag getan, Delivery Hero (bekannt unter Marken wie Lieferheld, Foodora und Pizza.de) will es am Freitag tun. Am 30. Juni wird geliefert - und zwar kein Essen, sondern Aktien. In der Start-up-Branche herrscht eine Euphorie wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Vor allem Internet-Lieferdienste für Essen boomen.

Wer keine Zeit oder Lust zum Kochen, aber trotzdem Hunger hat, greift zum Smartphone und bestellt Pizza, Pasta oder Burger per App. Die Bequemlichkeit der Großstädter ist der Nährboden für die Food-Dienste: "Sie haben umsatzmäßig eine Größe erreicht, die sie für Investoren interessant macht. Hinzu kommt das günstige Börsenumfeld, das sich vor allem auch Technologieunternehmen, zu denen sich Lieferdienste zählen, zu Nutze machen", sagt Alexander Rummler von dem Wertpapierhaus Oddo Seydler n-tv.de.

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Heißhunger auf Lieferdienste?

Mit einem voraussichtlichen Börsenwert von knapp vier Milliarden Euro wird Delivery Hero wohl der größte Börsengang in Deutschland, seit der Mutterkonzern Rocket Internet 2014 an die Börse strebte. Die Bewertung entspricht der von MDax-Unternehmen wie dem Anlagenbauer Dürr, dem Modekonzern Hugo Boss oder der Rüstungsschmiede Rheinmetall. Firmenchef Niklas Östberg freut sich über "überwältigende Rückmeldungen" von Investoren zu Delivery Hero. Schon kurz nach Eröffnung der Bücher waren die fast 34 Millionen angebotenen Aktien laut Insidern mehrfach überzeichnet. Delivery Hero und seiner Eigentümerin Rocket Internet sind bereits Einnahmen von knapp einer Milliarde Euro sicher.

Den Investoren gefalle, dass es sich bei Delivery Hero um eine europäische Wachstumsstory handle, sagte Östberg. Sie hätten verstanden, dass die Stärke des Unternehmens auf Wachstum und Größe basiere. Der Essenskurier betreibt in über 40 Ländern Internetplattformen für Essensbestellungen und macht fulminante Umsatzsprünge. Doch Gewinn wirft er bisher nicht ab.

Hendrik Leber vom Vermögensverwalter Acatis glaubt eher an die Wachstumsstory der Restaurantkette Vapiano, die im Unterschied zu Delivery Hero profitabel ist. Vapiano sei ein "vernünftiges" Geschäftsmodell, eine "Goldgrube", weil gut gemanagt mit einer "in sich stimmigen Expansionsstrategie", sagt Leber n-tv.de. Auch die Bewertung von 600 Millionen Euro hält der Vermögensverwalter für "in Ordnung". "Warum sollte ich eine Firma mit vier Milliarden bewerten, die Verluste macht?", fragt er. "Mit viel Werbung haben die viel Umsatz, aber keinen Gewinn in die Firma gepumpt." Delivery Hero habe "einfach mal wieder einen Zwischenerfolg gebraucht". Der sei jedoch kurzfristig nicht in Sicht.

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Die Geschäftsmodelle der beiden Firmen unterscheiden sich grundlegend. Vapiano ist eine Restaurantkette, die wirklich Essen herstellt, Delivery Hero dagegen betreibt reine Online-Plattformen, die hungrige Kunden an lokale Restaurants vermitteln und deren Essen an sie ausliefern. Dafür kassiert Delivery Hero eine Gebühr. Umso mehr Kunden über die Internetmarktplätze bestellen, desto öfter klingeln bei Delivery Hero die Kassen.

Genau das hält Rummler von Oddo Seydler für das große Potenzial von Delivery Hero: Das Wachstum digitaler Bestellungen sei nahezu unbegrenzt, "während Vapiano wesentliche Umsatzsteigerungen nur durch Eröffnungen von neuen Restaurants erzielen kann". Delivery Hero sei außerdem weniger von Trends und Kundengeschmäckern abhängig. Anleger wetten darauf, dass Delivery Hero deswegen bald in die Gewinnzone fährt, auch wenn das Unternehmen zur Zeit noch Verluste macht.

Größe ist kein Erfolgsgarant

Bevor Delivery Hero wächst, muss sich das Unternehmen jedoch mit dem Geld aus dem Börsengang als erstes um seine Bilanz kümmern: Der Löwenanteil des frischen Anlegergelds fließt anders als bei Vapiano nicht in die Expansion, sondern in die Schuldentilgung. Von den 483 Millionen Euro aus dem Börsengang will Firmenchef Östberg rund 310 Millionen in die Tilgung von Bankkrediten und Darlehen stecken. Erst mit dem restlichen Geld soll dann weiteres Wachstum finanziert werden - entweder organisch oder durch Zukäufe. Wachstum und Größe seien sehr wichtig, um profitabel zu werden, so Delivery-Chef Östberg.

An Größe als alleinigen Erfolgsgaranten für die Lieferdienste glaubt Vermögensverwalter Leber von Acatis jedoch nicht. Er hat sich die US-Konkurrenz von Grubhub angeschaut. Der Food-Konzern ging im April 2014 als erster Essenskurier an die Börse. Im vergangenen Jahr folgten dann die britische Firma Just Eat sowie der niederländische Anbieter Takeaway - der größte Konkurrent von Delivery Hero, der hierzulande mit der App Lieferando aktiv ist.

"Es ist brutal verdientes Geld," sagt Leber. Es gebe keine Skalen-Ökonomien, von denen andere Unternehmen profitieren können. "Die Firma wird nicht besser, wenn sie größer wird. In anderen Branchen wird das Unternehmen besser, je größer es ist, weil es Fixkosten hat, die durch operative Cash-Flows abgedeckt werden können. Bei einem Lieferdienst muss sich aber effektiv jeder Auftrag gesondert rechnen. Und die meisten rechnen sich eben nur ganz knapp. Größe hilft da nicht weiter", so der Vermögensverwalter.

"Erfolgsillusion" für Investoren?

Aus seiner Sicht schreiben Unternehmen wie Delivery Hero in erster Linie Börsenstories. "Die Firmen verdienen viel mehr Geld mit ihren Aktien als mit ihren Lieferdiensten. Der ganze Hype ist Werbung für die Aktie, weniger für den Lieferdienst. Sie gaukeln den Investoren eine Erfolgsillusion vor. Und dann verkaufen sie ihre Anteile", sagt Leber.

Rocket Internet freut sich bereits über den anstehenden Emissionserlös von Delivery Hero. Rocket-Chef Oliver Samwer ist auf den erfolgreichen Börsengang nach dem Kurssturz von Rocket dringend angewiesen. Im Zuge des IPOs fährt Samwer die Beteiligung an seiner Tochter Delivery Hero von bisher rund 35 Prozent auf bis zu 24,4 Prozent zurück. Der Erlös wird für die nächsten Projekte gebraucht.

Acatis-Vermögensverwalter Leber hält es zwar theoretisch für möglich, dass Delivery Hero irgendwann Gewinne schreibt. Aber ein wirklich dauerhaftes Erfolgsmodell sieht er nicht: Es sei "ein knüppelhartes Geschäft". "Es kann sein, dass ich meine Sache gut mache und es gut läuft, aber schon der nächste Konkurrent, der kommt und mir die Preise kaputtmacht, zerstört mein Geschäftsmodell wieder", so Leber weiter.

Der Vermögensverwalter empfiehlt Anlegern, eher auf profitable statt auf unprofitable Spieler zu setzen. In Frage kämen da sowohl die amerikanische Grubhub, als auch die britische Just eat. Beide haben an der Börse eine ähnliche Größenordnung wie Delivery Hero: vier bis sechs Milliarden Euro.

Hello Fresh, Amazon, Uber

Der Markt für Essenslieferdienste wird auch in Zukunft hart umkämpft bleiben. Branchenbeobachter erwarten, dass immer mehr Menschen sich Essen nach Hause bestellen und der Markt deshalb wachsen wird. Das nächste IPO ist bereits in der Spur. Mit dem Kochboxenversender Hello Fresh will offenbar ein weiteres Rocket-Internet-Unternehmen in der Nische der Essenslieferanten seinen Platz finden. Oliver Samwer hält aktuell rund 53 Prozent der Anteile von Hello Fresh. Längerfristig droht noch deutlich mächtigere Konkurrenz: Zuletzt sind Amazon und der Taxi-Dienst Uber in die Essens-Auslieferung eingestiegen.

Analyst Rummler von Oddo Seydler sieht darin noch kein Problem für Delivery Hero. "Uber und Amazon fokussieren sich bislang eher auf die USA, Delivery Hero ist dort nicht präsent." In Deutschland ist und bleibt damit vorerst Lieferando (von Takeaway.com) der größte Wettbewerber von Delivery Hero. Hello Fresh werde wohl einen erneuten Börsengang versuchen, "wenn der Aktienkurs von Blue Apron, dem größten Hello-Fresh-Wettbewerber in den USA, sich erfreulich entwickeln sollte". Der defizitäre Kochboxen-Anbieter Blue Apron geht voraussichtlich auch noch diese Woche an die Börse.

Vapiano-Anlegern dürfte die Berg- und Talfahrt am ersten Börsentag bereits auf den Magen geschlagen sein. Nachdem die Aktien des Restaurantbetreibers im Vorfeld des Börsendebüts reißenden Absatz gefunden hatten, war der Handelsverlauf eher zurückhaltend. Das könnte mit Erkenntnissen zusammenhängen, die im Börsenprospekt von Vapiano nachzulesen sind. Danach hat das Unternehmen sein strammes 64-prozentiges Wachstum zwischen 2014 und 2016 mit überproportional gestiegenen Kosten erkauft. Die Kosten für Personal, Lebensmittel und den übrigen Geschäftsbetrieb stiegen deutlich stärker als die Umsätze.

Quelle: n-tv.de

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