Wirtschaft

"Ohne Abhilfe droht Chaos" Briten "schlafwandeln" in Essens-Krise

Traditionsgericht Fish and Chips: Britische Lebensmittel könnten nach dem Brexit teurer, schlechter und knapper werden.

Traditionsgericht Fish and Chips: Britische Lebensmittel könnten nach dem Brexit teurer, schlechter und knapper werden.

(Foto: REUTERS)

Pünktlich zum Start der Gespräche mit der EU warnen britische Lebensmittelexperten: Großbritannien drohen beim Essen Engpässe und Preisschocks wie in den 30er Jahren - weil London keinen Notfallplan für die Versorgung nach dem Brexit hat.

Die EU-Bürokratie hat wohl nirgendwo in Europa einen besonders guten Stand. In Großbritannien sitzt der Hass besonders tief. Brüssel wolle gekrümmte Bananen verbieten, Briten die Kondomgröße vorschreiben oder Doppeldeckerbusse von Londons Straßen verbannen, verhöhnte die Boulevardpresse die Brüsseler Bürokraten jahrelang mit erfundenen Geschichten. Doch laut einer neuen Studie werden die verhassten Vorschriften der EU-Behörden Großbritannien nach dem Brexit fehlen - und die Insel womöglich in eine Lebensmittelkrise reißen.

Nach dem EU-Austritt könnte Essen in Großbritannien deutlich teurer, schlechter und knapper werden, warnen die drei renommierten britischen Lebensmittelexperten Tim Lang, Erik Millstone und Terry Marsden in einem 88-seitigen Bericht. Denn bisher werden die Lebensmittelstandards in Brüssel gemacht und Importe richten sich nach EU-Handelsabkommen. Doch London hat keinen Plan, was sie nach dem EU-Ausstieg ersetzen könnte.

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"Es ist, als gäbe es einen kollektiven Gedächtnisverlust, dass der Brexit die Lebensmittelsicherheit in Großbritannien ernsthaft gefährden könnte", schreiben die drei Experten. Das Land "könnte in eine Lebensmittelkrise schlafwandeln", falls die Probleme nicht angegangen würden. "Nicht offen darüber zu reden oder für die Störungen vorzusorgen, die der Brexit verursachen wird, ist bizarr und unverantwortlich."

"Gravierende Folgen für Verbraucher"

Die Untätigkeit der Regierung sei angesichts der Brexit-Deadline in 20 Monaten "ein schwerwiegendes Politikversagen nie dagewesenen Ausmaßes", sagte einer der Wissenschaftler. Es bestünden "erhebliche Risiken, dass die Lebensmittelsicherheit leidet, sollte Großbritannien EU-Regeln nicht länger anwenden und stattdessen Freihandelsverträge mit Ländern mit deutlich geringeren Standards abschließen", heißt es in dem Bericht.

Bisher hat die britische Regierung lediglich ein Gesetz erlassen, dass am Tag des Brexits alle geltenden EU-Regeln - und damit auch die Lebensmittelstandards - unverändert in britisches Recht überführt. Die Experten fürchten, dass viele davon aber bald abgeschafft werden könnten: Die Industrie habe ihren Finger bereits auf dem "Löschknopf", um lästige Regeln zu streichen, die die Verbraucher bisher schützen, warnen die Experten.

Nicht nur durch Attacken auf den Verbraucherschutz könnte die Versorgung der Briten nach dem Brexit schlechter werden. Das Essensangebot hängt von Hunderttausenden Verträgen zwischen Lieferanten, Importeuren und Produzenten ab, die sich an Tausende Standards halten müssen. Werden diese komplexen Lieferketten durch den Brexit unterbrochen, "könnten die negativen Folgen für die britischen Verbraucher gravierend sein", warnen die Experten. Es drohe "Chaos", sollte die Regierung nicht Abhilfe schaffen und einen Plan entwickeln.

"Echte Gefahr für Sicherheit, Qualität und Preis"

Auch ohne Versorgungsnot in den Supermärkten werden die Briten den Brexit im Geldbeutel spüren. Die Briten hätten sich an billiges Essen gewöhnt. Doch ohne die EU-Agrarpolitik, insbesondere die massiven Brüsseler Subventionen für britische Farmer, könnten die Lebensmittelpreise in Großbritannien bald wieder so stark schwanken wie in den 30er-Jahren, heißt es in der Studie: "Großbritannien importiert etwa 31 Prozent seines Essens aus anderen EU-Staaten". Bei einem harten Brexit ohne Freihandelsabkommen drohten durch Zölle Preisanstiege von bis zu 22 Prozent. Der Schock durch den kommenden Brexit sei "beispiellos für ein Industrieland in Friedenszeiten".

Engpässe drohten auch, weil das gesamte britische Lebensmittelsystem von Migranten abhänge, warnt die Studie: Ein Drittel der Arbeiter in der Lebensmittelindustrie seien Zuwanderer. Sie sind für die Versorgungssicherheit unabdingbar: "Technik wird die riesige Armee von Migranten in der Lebensmittelproduktion nicht ersetzen."

Die Regierung in London unterschätze die Folgen für die Lebensmittelsicherheit: "Im Zweiten Weltkrieg hatte Großbritannien wenigstens Notfallpläne. Niemand hat die Öffentlichkeit gewarnt, dass der Brexit echte Gefahren für die Versorgung, Preise und Qualität mit sich bringt."

Quelle: n-tv.de


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