Collinas Erben

"Collinas Erben" sehen Erfolge Warum der Videobeweis immer besser wird

Halllo, hallo? Schiedsrichter Harm Osmers in Berlin.

Halllo, hallo? Schiedsrichter Harm Osmers in Berlin.

(Foto: imago/ActionPictures)

Videobeweis, die Siebte: In sechs Partien der Fußball-Bundesliga gibt es ihn. Dabei schauen sich die Schiedsrichter doppelt so oft Szenen selbst am Monitor an wie in der gesamten bisherigen Saison. Das hat gute Gründe - und es funktioniert.

Vor Wochenfrist, am sechsten Bundesliga-Spieltag, hatte sich angedeutet, dass die Praxis des Videobeweises eine wesentliche Modifikation erfahren könnte. Nun, nach der siebten Runde, hat sich diese Änderung bestätigt: Die Schiedsrichter machen jetzt häufiger von der "Review Area" Gebrauch. Das heißt: Statt die Prüfung ganz dem Video-Assistenten zu überlassen, schauen sie sich Szenen, die überprüft werden können, im Zweifelsfall selbst noch einmal auf einem Bildschirm am Spielfeldrand an - also Tore, Strafstoßentscheidungen und strafstoßverdächtige Situationen, Rote Karten und rotverdächtige Vergehen sowie mögliche Spielerverwechslungen bei persönlichen Strafen.

Gleich viermal war das am vergangenen Wochenende der Fall - und damit doppelt so oft wie an allen sechs bisherigen Spieltagen zusammen. Ursprünglich hatte es geheißen, die Review Area solle nur in Ausnahmen aufgesucht werden, etwa bei ungewöhnlich heftigen Bedenken des Spielleiters gegen eine Einschätzung des Mannes am Monitor. So hatte es Hellmut Krug, der Projektleiter Videobeweis beim DFB, jedenfalls vor Saisonbeginn gegenüber den Unparteiischen und der Öffentlichkeit kommuniziert.

Denn zum einen sollten die Unterbrechungen im Falle einer Inanspruchnahme des Videobeweises so kurz wie möglich ausfallen, zum anderen sollten die Referees auf dem Platz sich auf ihre Kollegen im Kölner Studio verlassen, die sie seit Jahren kennen. Diese Praxis stieß bei Spielern, den Verantwortlichen in den Klubs, Fans und Medien auf unerwartet heftige Kritik, obwohl es durch den Videobeweis eine Reihe von berechtigten Korrekturen klarer Fehler gab. Doch vielen war es wohl nicht geheuer, dass da jemand, den sie nicht sehen oder hören können, fernab des Rasens in einem dunklen Raum befindet, was geschehen soll. Die Video-Assistenten entscheiden zwar nicht selbst, haben nur beratende Funktion. Trotzdem entstand offenbar der Eindruck, dass die Unparteiischen auf dem Platz von ihnen ferngesteuert werden.

Ein Schiedsrichter dagegen, der sich eine Spielsituation an Ort und Stelle selbst noch einmal ansieht, bevor er - und nur er - endgültig entscheidet, wirkt selbstbestimmter. Das Prozedere ist zudem transparenter, die Video-Assistenten werden stärker als das wahrgenommen, was sie tatsächlich sind: Helfer des Unparteiischen und keine Oberschiedsrichter. Der Gang in die Review Area zieht zwar eine längere Spielunterbrechung nach sich, doch die Akzeptanz der anschließenden Entscheidung ist spürbar besser. Ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Die Review Area kann die Gemüter beruhigen

Verwirrung gab es am Wochenende jedoch um die Frage, ob die Referees das Reglement für den Videobeweis nicht im einen oder anderen Fall etwas überstrapaziert haben. Denn hieß es nicht, dass der Video-Assistent nur bei eindeutigen, unauslegbaren Fehlentscheidungen zum Zuge kommt? In manchen Spielen schien das nicht unbedingt gegeben zu sein. Doch die Richtlinien des International Football Association Board (Ifab) zum Videobeweis unterscheiden zwischen den Befugnissen des Unparteiischen und jenen des Video-Assistenten. Dieser kann von sich aus nur im Falle eines von ihm festgestellten klaren Fehlers empfehlen, eine Entscheidung zu ändern. Der Schiedsrichter dagegen hat auch dann die Möglichkeit, eine Szene überprüfen zu lassen, wenn er lediglich "vermutet, dass ein klarer Fehler gemacht oder etwas Schwerwiegendes übersehen wurde".

Sobald diese Prüfung eingeleitet wurde, kann er laut Richtlinien entweder "eine Entscheidung fällen, die auf den Informationen des Video-Assistenten basiert", oder "die Aufzeichnungen direkt am Spielfeldrand sichten, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wird". Letzteres soll "hauptsächlich [bei] 'subjektiven' Entscheidungen" geschehen. Subjektiv - weil oft im Graubereich - ist zum Beispiel die Entscheidung, ob ein Körpereinsatz regulär ist oder ein Foul darstellt. Auch Handspiele fallen in diese Kategorie. Die Review Area kann er Referee aber auch "zur Unterstützung der Kontrolle über das Spiel" nutzen oder "um eine Entscheidung zu 'bekräftigen'". Also: Sie kann dazu dienen, die Gemüter zu beruhigen. Gleich sechsmal nutzten die Schiedsrichter an diesem Spieltag den Videobeweis, dabei wurden in einigen Fällen potenziell spielentscheidende Fehler korrigiert.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

VfL Wolfsburg - 1. FSV Mainz 05 (1:1): Nach 89 Minuten spricht der Unparteiische Robert Hartmann den Gästen beim Stand von 1:1 einen Elfmeter zu, als Paul-Georges Ntep den Mainzer Karim Onisiwo zu Fall bringt. Dann aber schaltet sich der Video-Assistent Tobias Stieler ein, der beim Sichten der Wiederholungen bemerkt hat, dass das Foul knapp außerhalb des Strafraums begangen worden ist. Daraufhin korrigiert Hartmann sich und gibt einen Freistoß für Mainz am Sechzehnmeterraum. Die Review Area benötigt er dafür nicht, weil sich der genaue Tatort vom Video-Assistenten mithilfe der Fernsehbilder objektiv bestimmen lässt.

Eintracht Frankfurt - VfB Stuttgart (2:1): Eine ganz ähnliche Situation ereignet sich in Frankfurt. Dort entscheidet Schiedsrichter Felix Brych beim Spielstand von 1:1 in der 65. Minute auf Strafstoß für die Gäste, als Simon Falette den Stuttgarter Simon Terodde umstößt. Doch auch hier interveniert der Video-Assistent, in diesem Fall Bastian Dankert, denn wie in Mainz hat sich das Foulspiel kurz vor dem Strafraum zugetragen. Brych ändert seine Entscheidung deshalb in einen Freistoß. Die Rote Karte für Falette bleibt jedoch bestehen, denn der Frankfurter hat mit seinem Stoß gegen Terodde die "Notbremse" gezogen, also eine klare Torchance verhindert.

Borussia Mönchengladbach - Hannover 96 (2:1): Es läuft bereits die Nachspielzeit, als der Hannoveraner Salif Sané im eigenen Strafraum mit vollem Einsatz eine seitliche Grätsche gegen Vincenzo Grifo riskiert. Dabei trifft er erst den Ball, bevor er den Gladbacher regelrecht abräumt. Schiedsrichter Christian Dingert entscheidet auf Elfmeter, eilt nach einem Gespräch mit dem Video-Assistenten Wolfgang Stark aber an die Seitenlinie zum Monitor, um sich noch einmal zu vergewissern, ob der Pfiff richtig war. Der Referee bleibt schließlich bei seiner Einschätzung, was man gewiss diskussionswürdig, aber auch vertretbar finden kann: Wenn zwar der Ball gespielt, der Gegner fast im gleichen Atemzug jedoch ungestüm zu Fall gebracht wird, ist es nicht falsch, auf Foul zu erkennen. Dingert hat hier die im Reglement des Ifab vorgesehene Möglichkeit genutzt, auf Nummer sicher zu gehen - zweifellos eine gute Idee bei einem potenziell spielentscheidenden Pfiff kurz vor Schluss.

Dann schaum mer mal: Christian Dingert in Mönchengladbach.

Dann schaum mer mal: Christian Dingert in Mönchengladbach.

(Foto: imago/Team 2)

Schalke 04 - Bayer 04 Leverkusen (1:1): Nach 71 Minuten geht erst der Schalker Guido Burgstaller im Leverkusener Strafraum im Zweikampf mit Jonathan Tah zu Boden, wenige Augenblicke später foult Bastian Oczipka an der Seitenlinie den Leverkusener Kai Havertz und tritt noch gegen den Ball, als Havertz schon auf der Kugel liegt. Schiedsrichter Guido Winkmann hat deshalb gleich zwei Gründe, sich erst mit dem Video-Assistenten Wolfgang Stark über Funk zu besprechen und schließlich in die Review Area zu laufen: Zu klären ist, ob es einen Elfmeter für Schalke hätte geben müssen und ob Oczipka sich einer Tätlichkeit schuldig gemacht hat. Der Review-Prozess dauert mehrere Minuten, dann trifft Winkmann zwei völlig korrekte Entscheidungen: Es gibt keinen Strafstoß für die Gastgeber und die Gelbe Karte für Oczipka. Der Verdacht einer Tätlichkeit hatte sich nicht erhärtet, aber eine Unsportlichkeit lag allemal vor. Und die musste, nachdem der Referee sich die Bilder selbst angesehen hatte, mit einer Verwarnung geahndet werden.

FC Augsburg - Borussia Dortmund (1:2): 76 Minuten sind gespielt, als Ja-Cheol Koo den Dortmunder Lukasz Piszczek nach einem Freistoß für den BVB abseits des Balles über mehrere Meter hinweg am Trikot festhält. Das Halten beginnt zwar vor dem Strafraum, setzt sich aber in den Sechzehner hinein fort, dort kommt Piszczek zu Fall. Der Unparteiische Marco Fritz lässt weiterspielen, zur Beratung mit dem Video-Assistenten Jochen Drees kommt es erst eine halbe Minute später, weil es so lange bis zur nächsten Spielunterbrechung dauert. Fritz schaut sich die Szene auf dem Bildschirm an und entscheidet zu Recht auf Elfmeter für den BVB.

Pierre-Emerick Aubameyang vergibt die Chance vom Punkt. Kurz zuvor hatte Sokratis den Augsburger Caiuby im Strafraum ebenfalls am Trikot festgehalten, jedoch im Stehen, was den Video-Assistenten von einem Eingriff absehen ließ, als der Referee nicht pfiff. Tatsächlich bestand hier aufgrund der fehlenden Dynamik mehr Spielraum, um die Partie weiterlaufen zu lassen, zumindest war eine Intervention - anders als bei Koo - nicht zwingend erforderlich.

Hertha BSC - FC Bayern München (2:2): Im Duell mit Javier Martínez kommt Berlins Vladimir Darida im Münchner Strafraum nach 18 Minuten zu Fall. Referee Harm Osmers zeigt sofort auf den Elfmeterpunkt, entscheidet sich nach einem kurzen Gespräch mit dem Video-Assistenten Sascha Stegemann jedoch dafür, die Review Area in Anspruch zu nehmen. Danach nimmt Osmers die Strafstoßentscheidung zurück - eine berechtigte Korrektur, Martínez hatte allein den Ball gespielt und Daridas Sturz nicht verursacht.

In allen sechs Szenen, in denen am siebten Spieltag der Videobeweis zur Anwendung kam, haben die Schiedsrichter also mit Unterstützung der Assistenten korrekt oder zumindest nachvollziehbar entschieden. Sie haben klare Fehler berichtigt, Versäumnisse ausgebügelt und Klarheit in unklaren Situationen geschaffen. Zudem haben sie durch die Nutzung der Review Area für mehr Transparenz, Akzeptanz und Glaubwürdigkeit gesorgt. Der Videobeweis bleibt "work in progress". An diesem Wochenende hat es einen deutlichen Fortschritt bei seiner Anwendung gegeben.

Quelle: n-tv.de

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