Collinas Erben

"Collinas Erben" gratulieren Not mit Notbremse, ein neuer Rekordhalter

Von Alex Feuerherdt

Gleich fällt er: Augsburgs Marwin Hitz bringt den Freiburger Mike Frantz per Grätsche zu Fall.

Gleich fällt er: Augsburgs Marwin Hitz bringt den Freiburger Mike Frantz per Grätsche zu Fall.

(Foto: imago/DeFodi)

Seit Saisonbeginn gelten bei Notbremsen im Strafraum neue Regeln. Nicht allen ist das klar, wie sich in Augsburg und Frankfurt zeigt. Ein Bundesliga-Schiedsrichter knackt einen Rekord, ein schwedischer Klub will die Spieler für Schwalben bestrafen.

Aufregung gab es an diesem 25. Spieltag der Fußball-Bundesliga in den Strafräumen des FC Augsburg und von Eintracht Frankfurt: Torwart Marwin Hitz brachte den Freiburger Mike Frantz im eigenen Sechzehner per Grätsche zu Fall und verhinderte so, dass dieser den Ball ins leere Augsburger Tor schieben kann. In Frankfurt trennte David Abraham den Hamburger Filip Kostic unsanft vom Ball, wobei auch hier eine sehr gute Einschussmöglichkeit gegeben war. Die Schiedsrichter entschieden unterschiedlich: Elfmeter und Gelb gab es in Augsburg, während die Partie in Frankfurt weiterlief, weil der Referee kein Foul gesehen hatte. Nicht wenige waren der Ansicht, dass es in beiden Fällen ein Platzverweis hätte geben müssen - wegen einer Notbremse.

Anscheinend hat sich noch nicht herumgesprochen, dass seit dieser Saison bei der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance des Gegners durch ein Foul im eigenen Strafraum eine teilweise geänderte Regel gilt. Jahrelang war klar: Wer im Sechzehner nach Ansicht des Schiedsrichters die Notbremse zieht, verursacht nicht nur einen Elfmeter, sondern wird außerdem mit der Roten Karte des Feldes verwiesen und muss anschließend einige Partien aussetzen. Dabei spielte es keine Rolle, um welche Art von Foul es sich handelt.

Viele empfanden es als zu hart, dass ein solches Vergehen ausnahmslos drei drastische Konsequenzen hatte: Strafstoß, Platzverweis, Sperre. Deshalb wandelten die obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) die Bestimmung im Sommer ab: Wenn die Notbremse im Strafraum im Kampf um den Ball geschieht, gibt es jetzt - neben dem Strafstoß - nur noch Gelb. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Spieler oder der Torwart die Kugel bei einem Tackling knapp verfehlt und den Gegner trifft. Wird aber eine offensichtliche Torchance durch ein Vergehen im Strafraum verhindert, bei dem der Angriff nicht dem Ball galt - etwa bei einem Halten, Ziehen oder Stoßen -, ist weiter Rot fällig. Den Feldverweis gibt es nach wie vor für jede Notbremse außerhalb des Sechzehners. Eine Unterscheidung wie innerhalb wird hier nicht getroffen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Nicht alle Referees mit neuer Regelung glücklich

Das heißt: Abrahams mit viel Einsatz und Risiko ausgeführte Grätsche gegen Kostic im eigenen Strafraum - bei der nur minimal der Ball getroffen wurde, der Gegner dagegen keine Chance hatte, auf den Beinen zu bleiben - hätte deshalb neben dem fälligen Elfmeter auch eine Verwarnung nach sich ziehen müssen. Nur eine Verwarnung - trotz der Verhinderung einer klaren Tormöglichkeit -, weil das Foul für jeden offensichtlich im Kampf um den Ball geschah. Weniger eindeutig war dagegen, welche Karte Marwin Hitz für seine Notbremse regeltechnisch verdient hatte.

Man könnte argumentieren, dass der Augsburger Keeper bei seinem Tackling keine Chance mehr auf den Ball hatte und es ihm nur noch darum ging, Frantz mit unfairen Mitteln am Schuss auf das verwaiste Tor zu hindern. Man könnte aber auch geltend machen, dass Hitz abwarten wollte, welchen Weg der schnelle Freiburger bei seinem Dribbling nimmt, und mit seiner Grätsche schließlich einfach einen Tick zu spät kam, aber durchaus vorhatte, den Ball zu treffen.

Zumindest vertretbar: Sascha Stegemann.

Zumindest vertretbar: Sascha Stegemann.

(Foto: imago/DeFodi)

Die Zeitlupe legt eher die erste Einschätzung nahe, die Realgeschwindigkeit dagegen die zweite. Und deshalb war der Entschluss von Schiedsrichter Sascha Stegemann, im Rahmen seines Ermessensspielraums nur Gelb zu zeigen, zumindest vertretbar. Diese Szene zeigt allerdings auch, dass die neue Notbremsen-Regelung den Unparteiischen mehr abverlangt als die alte. Denn bis zu dieser Saison mussten sie lediglich beurteilen, ob die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance durch ein Foul vorliegt oder nicht. Nun müssen sie im Falle einer Notbremse außerdem einschätzen, ob das Vergehen im Kampf um den Ball passiert ist oder keinen Ballbezug hatte. Wie man sieht, ist das nicht immer leicht, weil es nicht immer eindeutig ist. Deshalb sind auch längst nicht alle Referees mit dieser Änderung glücklich.

Wolfgang Stark wird neuer Rekordhalter

Wie Wolfgang Stark über sie denkt, ist nicht überliefert, aber der 47-Jährige wird sie ohnehin nicht mehr allzu lange in der Bundesliga umsetzen müssen, können und dürfen. Denn am Ende dieser Saison scheidet der Bayer aus Altersgründen als Schiedsrichter aus dem Profifußball aus. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, wird er dann der unumstrittene Rekordhalter sein, was die Zahl der Einsätze als Referee im deutschen Oberhaus betrifft.

Am Sonntag pfiff Stark mit der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem FC Schalke 04 (0:1) sein 339. Bundesligaspiel und zog mit Markus Merk gleich. Je nach Zählweise ist er sogar schon jetzt alleiniger Spitzenreiter, weil Merk eine Begegnung leitete - jene zwischen Karlsruhe und Mönchengladbach im November 1988 nämlich -, die wegen eines Feuerzeugwurfs später am grünen Tisch gewertet wurde. Starks Bundesliga-Premiere war das Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem MSV Duisburg (2:5) am 4. April 1997. Genau 1.292 Gelbe Karten hat der Bankkaufmann seitdem verbuchen müssen - neben 31 Gelb-Roten und 35 Roten Karten -, so manche davon wegen einer Schwalbe. Diese Art der Simulation war in den 20 Jahren von Wolfgang Starks Zugehörigkeit zur Eliteklasse ein Dauerbrenner und wird wohl auch in Zukunft immer wieder ein vieldiskutiertes Thema sein.

Es sei denn, ein Modellversuch des schwedischen Zweitligisten Östers IF aus Växjö hat Erfolg und macht Schule: Der viermalige schwedische Meister hat unlängst einen Verhaltenskodex verabschiedet, in dem unter anderem festgelegt ist, dass unsportliche Simulationen der eigenen Spieler – vor allem das Schinden eines Elfmeters – zu Strafen bis hin zur Suspendierung führen können. Man wolle damit ein Vorbild für andere Klubs sein und dem Problem aus eigenem Antrieb zuleibe rücken, statt es tatenlos hinzunehmen, heißt es vonseiten des Vereins. Dazu soll sogar ein eigener Videobeweis eingesetzt werden. Fürwahr ein höchst bemerkenswerter Schritt.

Quelle: n-tv.de

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