Collinas Erben

"Collinas Erben" versachlichen Nicht nur Real profitierte von Kassais Fehlern

Empörung auf allen Seiten: Schiedsrichter Viktor Kassai konnte es beim Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Bayern kaum jemandem recht machen.

Empörung auf allen Seiten: Schiedsrichter Viktor Kassai konnte es beim Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Bayern kaum jemandem recht machen.

(Foto: dpa)

Der FC Bayern München hadert nach dem Ausscheiden gegen Real Madrid im Champions-League-Viertelfinale mit Referee Viktor Kassai. Dem erfahrenen Unparteiischen unterliefen viele Fehler - allerdings nicht nur zum Nachteil der Münchner.

Philipp Lahm blieb trotz größter Enttäuschung diplomatisch, wie es seine Art ist. "In Sachen Schiedsrichterentscheidungen hatten wir heute Pech", sagte der Kapitän des FC Bayern München nach dem letzten Champions-League-Spiel seiner Laufbahn. Sein Trainer Carlo Ancelotti wurde da schon deutlicher: "Das war von den Schiedsrichtern eine Serie von Fehlern, die auf diesem Niveau nicht passieren dürfen. Es darf nicht sein, dass solche Fehler ein Spiel entscheiden."

Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge witterte sogar Betrug: "Wir sind beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes", sagte er in seiner Ansprache während des nächtlichen Banketts. Die Münchner gerieten vor allem darüber in Harnisch, dass die spielentscheidenden Tore von Cristiano Ronaldo zum 2:2 und zum 3:2 für Real Madrid in der Verlängerung aus Abseitspositionen heraus erzielt worden waren. Zudem hielten sie die Gelb-Rote Karte für Arturo Vidal in der 84. Minute für ungerechtfertigt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der deutsche Rekordmeister in der regulären Spielzeit selbst von strittigen und falschen Entscheidungen des ungarischen Unparteiischen profitiert hatte, ohne die es womöglich gar nicht erst zur Verlängerung gekommen wäre. So etwa in der 51. Minute, als Arjen Robben im Zweikampf mit Casemiro zu Boden ging und Kassai daraufhin einen Strafstoß verhängte. Wenn es in dieser Situation überhaupt einen Kontakt gab, darf man zumindest infrage stellen, dass er ursächlich für den Sturz des Niederländers war. Robert Lewandowski nutzte den Elfmeter zum Führungstreffer.

Bayerns zweites Tor war irregulär

Das zweite Tor der Gäste war sogar eindeutig irregulär. Nach einem weiten Ball in den Strafraum der Hausherren wollte Thomas Müller die Kugel zu Lewandowski weiterleiten, doch Sergio Ramos spritzte dazwischen und schob die Kugel unglücklich ins eigene Gehäuse. Lewandowski hatte den Spanier dabei allerdings aus einer Abseitsposition angegriffen und so unter Druck gesetzt. Laut Regelwerk ist das eine strafbare Beeinflussung des Gegners, weil dieser in seinen Möglichkeiten, den Ball zu spielen, beeinträchtigt wird. Ramos' Eigentor hätte also annulliert werden müssen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Vidals Gelb-Rote Karte wiederum war zwar in der betreffenden Situation tatsächlich unberechtigt, weil der Chilene eindeutig den Ball gespielt hatte. Dafür hätte er sich nicht beklagen können, wenn er bereits in der 48. Minute die sogenannte Ampelkarte gezeigt bekommen hätte, nachdem er gegen Casemiro am eigenen Strafraum zu spät gekommen war und den Brasilianer rüde gefoult hatte. Der Schiedsrichter zeigte sich jedoch großzügig, Vidal war damit allerdings angezählt.

Auf der anderen Seite hatte Casemiro in mehreren Szenen Glück, nicht ebenfalls Gelb-Rot gesehen zu haben. Hier war Kassais Maß uneinheitlich. Mancher Beobachter war der Ansicht, dass Casemiro bereits in der Szene, die zum Strafstoß für den FC Bayern führte, die Matchstrafe hätte bekommen müssen. Hier jedoch griff eine Regelauslegung, die in Uefa-Spielen schon seit einer Weile praktiziert wird und ab der kommenden Saison weltweit gilt: Wird ein aussichtsreicher Angriff durch ein Foulspiel im Strafraum unterbunden, dann entfällt die sonst übliche Verwarnung - respektive die Gelb-Rote Karte -, wenn der betreffende Spieler versucht hat, den Ball zu spielen. Und das war bei Casemiros Einsatz, so es denn überhaupt ein Foul war, eindeutig der Fall.

Vorerst kein Videobeweis in der Champions League

Die Bayern beschwerten sich aber auch über den Abseitspfiff gegen Lewandowski in der 66. Minute - und das zu Recht: Der Angreifer stand beim Zuspiel auf gleicher Höhe mit Reals vorletztem Verteidiger und hätte freie Bahn zum Tor der Madrilenen gehabt. Es war eine äußerst enge Situation, wie so oft in dieser Partie. Und je enger es zugeht, desto größer ist zwangsläufig die Gefahr falscher Entscheidungen. Das Schiedsrichterteam war um seine Aufgabe insoweit wahrlich nicht zu beneiden.

Insgesamt unterliefen dem erfahrenen Referee allerdings einfach zu viele Fehler in wichtigen Szenen, und seine Assistenten waren bei manchen Abseitssituationen schlecht postiert, etwa vor dem 3:2, als der Mann an der Linie dem Geschehen mehrere Meter hinterherlief und dadurch einen ungünstigen Blickwinkel hatte. Auf diesem Niveau, da hat Carlo Ancelotti Recht, sollte so etwas nicht passieren. "Ich hoffe, dass der Videobeweis bald Unterstützung bietet", sagte der Bayern-Coach nach der Partie. Das wird er auch - allerdings vorerst nur in der Bundesliga. In der Champions League dagegen ist zumindest für die kommende Saison noch kein Einsatz der Videotechnik geplant.

Womöglich denken die Verantwortlichen bei der Uefa nach diesem Spiel jedoch um.

Quelle: n-tv.de

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